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Aitmatow: Dshamilja; Frühe Kraniche

BeitragVerfasst: 19.02.2008, 23:35
von Bertram
So - meine erste Begegnung mit Aitmatow ist beendet.
Gar nicht so leicht, ein Buch wie Djamilja, das als "schönste Liebesgeschichte der Welt" bezeichnet wird, ohne überzogene Erwartungen zu lesen. Zwischendurch fragte ich mich ungeduldig, wann jetzt die große Gänsehautpassage kommt - war's das jetzt schon, oder gibt es noch eine Steigerung? - während die restlichen Seiten immer weniger wurden. Der Inhalt ist ja eigentlich fast schon kitschig: Während ihr Mann im Lazarett liegt, fährt Djamilja mit dem verschlossenen, eigentümlichen Danijar täglich zum Getreidelager, übernachtet mit ihm im Feld beim Dreschplatz, jeder weiß, dass zwischen Ihnen etwas passieren wird (schönste Liebesgeschichte...) Aber wie soll das ungleiche Paar, zusammenfinden? Ganz einfach - er beginnt zu singen und die Liebe entbrennt. Djamilja ist hin und hergerissen zwischen den Pflichten ihrem Ehemann gegenüber und ihren Gefühlen für Danijar.
Der Stoff könnte gut für eine Bollywood-Schnulze herhalten. Oder eine österreichische Operette.
Die Liebesgeschichte selbst hat mich, ehrlich gesagt, nicht wirklich gepackt. Trotzdem kann ich jeden Satz unterstreichen, mit dem Luis Aragon im Nachwort seinen Satz von der schönsten Liebesgeschichte begründet.
Denn wie Aitmatow seine Heimat beschreibt, die Landschaft in allen leuchtenden Farben, wie das so selbstverständlich, von innen heraus geschieht, aus seiner eigenen Liebe zu diesem Stück Erde, aber eben ohne eine Spur von Heimatkitsch, auch ohne Absichten und ohne Zeigefinger, so dass man glaubt, alles selbst mitzuerleben und man beinahe selbst Sehnsucht bekommt nach diesem Land, das ist wirklich großartig. "Vor allem ist es die Liebe zur Welt, zum Leben" schreibt Aragon. So betrachtet könnte ich den Satz von der schönsten Liebesgeschichte fast wieder gelten lassen.
"Frühe Kraniche" hat mir fast noch besser gefallen. Auch hier beschreibt er das Leben in Kirgisien, die Schönheit, aber hier noch mehr die Entbehrungen und das Leid, das durch den Krieg und die Abwesenheit der Männer enstand. Auch hier ist ein halbwüchsiger Junge - Sultanmurat - die Hauptfigur, ähnlich wie Seit, der Ich-Erzähler in Dshamilja, ist er an der Schwelle zu Erwachsenwerden, der seinen Weg sucht, und sich in einer besonderen Situation - er führt eine Gruppe von Jugendlichen an, die weit draußen im beginnenden Frühling ein Feld pflügen sollen, um so das Dorf vor dem Hunger zu retten - bewähren kann. Auch hier spielt die erste Liebe eine große Rolle. Die Geschichte ist aber nicht so überfrachtet und geht nicht so eindeutig in eine Richtung. Auch hier lassen die Beschreibungen der Landschaft und des entbehrungsreichen Lebens im Dorf eine Welt vor den Augen entstehen, in einer Klarheit und Farbigkeit, die erstaunlich ist. Daneben beschreibt er die Menschen mit so großer Wärme und Liebe, dass sie einem wirklich nahe gehen. Das gelingt ihm auch bei Nebenfiguren ohne viel Worte. Beispielsweise das Schicksal der Lehrerin, die auf Post von ihrem Sohn von der Front wartet, die immer mehr in sich zusammensinkt vor Kummer, dann kommt ein Brief und es wird die schönste Unterrichtsstunde, weil alles, was sie tut plötzlich mit Freude erfüllt ist. Eine von vielen Passagen, die mir nahe gegangen ist. Auch wie er zwischen der Verantwortung für seine Mutter und seinen eigenen Bedürfnissen eine fein ausbalancierte Mitte findet. Oder die Sehnsucht des kleinen Bruders nach dem Vater. Oder der Besuch des Onkels, eines bärtigen Schäfers, bei der kranken Schwester, der nur eine Nacht lang bleiben und eigentlich nichts tun kann, aber so viel Glück und Wärme mitbringt. Das ist überhaupt auch ein Grundthema: die äußere Kälte - sie haben nur noch Stroh zum heizen, das kaum wärmt - und die innere Wärme, die sich die Menschen schenken.
Fazit also: ein großartiges Buch, das war sicher nicht mein letzter Aitmatow. Lediglich der Schluss hat mich ein wenig irritiert, weil es so plötzlich aufhört, als wären die letzten Seiten verloren gegangen.

Bertram

Re: Aitmatow: Dshamilja; Frühe Kraniche

BeitragVerfasst: 21.02.2008, 16:18
von Daniela
Hallo Bertram, ich habe mir gerade vor einigen Tagen nochmal meine Kritik zu "Dshamilja" durchgelesen - und habe mir so für mich gedacht... damals war ich wirklich auch sehr angetan, aber ich glaube, ein guter Teil meiner Begeisterung für dieses Buch rührte auch vom "VOr-Urteil" wieder, da es mir ja immer wieder als "Die schönste Liebesgeschichte der Welt" ans Herz gelegt worden war.

Ich habe wenig konkrete Erinnerung an das Buch; was du beschreibst, die Liebe zum Land, das kam bei mir dann auch wieder hoch. Aber es deshalb nochmal lesen wollen? Auf keinen Fall...

Wäre vielleicht ein Fall für "Neubewertung"...

LG,

Re: Aitmatow: Dshamilja; Frühe Kraniche

BeitragVerfasst: 21.02.2008, 21:12
von Bertram
Ja, Hallo, Daniela,
ich finde es wirklich nett, dass man fast immer von dir eine Antwort zu einem Beitrag bekommt, das spornt schon ein bisschen an, wieder mal einen Bericht zu verfassen.

Mit zunehendem Abstand zur Lektüre von Dshamilja verstärkt sich der Eindruck, dass mir durch diese Schönste-Liebesgeschichte-Promotion die Möglichkeit genommen wurde, das Buch vorurteilsfrei zu lesen. Eigentlich war ich beim Lesen ziemlich fixiert auf diese Vorgabe.
Schon seltsam, wie ein Buch so einen beinahe amtlichen Titel erhält. In der Literaturgruppe wurde es als schönste Liebesgeschichte der Welt (im Folgenden: SLdW) empfohlen, und ich habe auch jedem erzählt, dass ich Djamilja, die SLdW lese, so quasi als Minirezension, und du nimmst ja in deiner Beschreibung auch darauf Bezug. Aber der Titel ist nicht unangefochten. Ich habe soeben gegoogelt - es gibt "Die Gabe der Weisen oder Die schönste Liebesgeschichte der Welt" von O. Henry, da steht der Titel sogar schon auf dem Cover. Ansonsten gibt es für die Kombination von Dshamilja und SLdW über 2000 Treffer.

Fällt dir ein anderes Beispiel ein für einen Roman mit "Amtstitel"?
Die schönste Weihnachtsgeschichte; oder der langweiligste Arztroman, etc?
Übrigens auch beim googeln entdeckt: Der schönste erste Satz: "Ilsebill salzte nach" aus "Der Butt" von Günter Grass. amtlich. (Aber das weißt du sicher eh schon) :roll:

Daniela hat geschrieben:
Aber es deshalb nochmal lesen wollen? Auf keinen Fall...


Da würde ich eher "Frühe Kraniche" empfehlen.
Aber es gibt ja auch noch viel anderes schönes ...

Gruß
Bertram

Re: Aitmatow: Dshamilja; Frühe Kraniche

BeitragVerfasst: 22.02.2008, 20:32
von Daniela
*lach* Hallo Bertram,
naja, ich grabe ja derzeit viel an den Texten aus dem alten Forum rum, bin dabei, sie in ein Format zu bringen, mit dem man sie weiter nutzen kann - und dadurch sind natürlich auch Bücher, die ich schon vor längerer Zeit gelesen habe, wieder präsenter in meinem Gedächtnis ;-)

Aber der Punkt mit dem nicht-vorurteilsfrei-lesen-können, den kann ich sehr gut nachvollziehen... daher mag ich es mittlerweile auch wesentlich lieber, ein Buch zu lesen, bevor es allzu bekannt ist. Oder so lange später, dass mir der Hype drum dann egal ist. Oder aber ich bin dann so superkritisch, dass es eh keine Chance hat...

Ja, vor langer Zeit hatten wir hier im Forum ja auch mal so ne Phase, wo es um die "schönsten Buchanfänge" etc. ging... (wobei das für mich immer noch Tolstois "Anna Karenina" ist)

Und schön, wenn es dich anspornt, wieder mehr darüber zu berichten, was du liest ;-) Was ist denn der Nachfolger von Aitmatow?

LG,

Re: Aitmatow: Dshamilja; Frühe Kraniche

BeitragVerfasst: 24.02.2008, 14:46
von bernsteinhexe
Das Buch weckt die schönsten Erinnerungen bei mir, war Pflichtlektüre an unserer Schule und ich habe einen Prüfungsaufsatz darüber geschrieben, vor genau 28einhalb Jahren und eine 1 darauf bekommen und mehr weiß ich nicht..., jetzt bin ich in Betrams Beschreibungen eingetaucht und alles wieder da, Landschaft, Stimmung und das hat mich eigentlich gefreut, ich glaube ich habe dann noch "Der weiße Dampfer" von dem Autor gelesen, aber vielleicht nehme ich mir "Dshamilja", ich habe es in der Ausgabe "Djamila" eine uralte DDR-Ausgabe, nochmal vor, als schönste Liebesgeschichte ist es bei uns nicht angepriesen worden, ich glaube es war so etwas wie "sozialistischer Realismus" :roll: uiuiui,
liebe Grüße,