Hallo Daniela!
Es schadet ja wahrscheinlich gar nicht, dass die Lektüre der Blechtrommel schon einige Zeit zurück liegt. Man kann dann ja eigentlich besser beurteilen, was wirklich Bestand hat, wie schnell sich eventuell eine anfängliche Begeisterung verflüchtigt.
Ich kann dir da schon nachfolgen: die Kindheit hat wirklich die faszinierendsten Bilder, die sich auch entsprechend tief einprägen. Andererseits ist es das Nachfolgende, das mich mehr beschäftigt und herausfordert.
Der frühe Oskar ist faszinierend in seiner rücksichtslosen Unabhängigkeit, seiner Ich-Bezogenheit. Aber er ist sehr eindeutig angelegt, moralisch einwandfrei, man kann sich mit ihm identifizieren und er passt noch halbwegs gut in eine Schublade. Aber dann kippt die Figur, wie vieles in dem Roman, und mit ihr auch der Leser, muss sich entscheiden, ob er das noch mitträgt. Ich denke, das Spiel mit dem Leser ist ein zentrales Element in diesem Roman, das immer wieder durchkommt. Und der Vergleich mit dem Dritten Reich drängt sich mir hier schon wieder auf: Oskar als eine (Ver)Führer-Figur: Am Anfang überwiegt die Faszination dieser Person, die so unerhörte Dinge tut, dann kommt eine moralische Komponente hinzu, der Leser geht zwangsläufig diesen Weg der Entzauberung mit und muss seine Haltung immer wieder neu definieren.
Das ist vermutlich etwas zu weit hergeholt. Und das Problem bei der Figur des Oskar ist sicher, dass er so vielschichtig (oder so unklar) ist, dass man ziemlich viel schlüssig hinein interpretieren kann. Das finde ich gleichzeitig aber auch reizvoll.
In einem Interview von Grass habe ich gelesen, dass sich die Figur des Oskar im Laufe der Zeit immer mehr verselbständigt hat. ("Er war schon während des Schreibprozesses eine äußerst widerspenstige, fiktive Figur. Und da sich fiktive Figuren nach einer gewissen Schreibzeit, sobald sie Umriß und Unterfutter gewinnen, selbständig machen, widersprach er auch dem Autor in bestimmten Situationen. Ich hatte vor, unter anderem ihm meine Schwester zu geben. Und das wollte er nicht - er wollte Einzelkind sein und bleiben. Und da ich das unbedingt durchsetzen wollte, hat er so sperrig reagiert, daß ich also eine regelrechte Schreibsperre hatte , eine Zeitlang, bis ich nachgegeben habe.")
Ich kann mir vorstellen, dass er teilweise auch Grass entglitten ist und so die geordneten Bilder der Kindheit immer mehr durcheinander gerieten.
Du stehst mit deiner Meinung ja auch nicht alleine da, in der Literaturrunde ist der erste Teil auch eindeutig besser angekommen, und vor allem den dritte Teil (der ja auch im Film fehlt) fanden viele überflüssig.
Nach der Kindheit hätte man den Roman gut abschließen können, so ist er für mich auch nach dem dritten Teil nicht fertig, sollte vielleicht von irgend jemandem beendet werden, ich finde, es sollte Oskar noch gelingen, die Bruchstücke seiner Biographie zusammenzusuchen, sich mit seiner Schuld ernsthaft auseinanderzusetzten, und zur Ruhe zu kommen. Sonst rumort er noch lange herum - aber vielleicht ist das ja auch seine Aufgabe!?
Zu den Übereinstimmung zwischen "Die Blechtrommel" " Owen Meany" habe ich eine Seite mit einer detaillierten Gegenüberstellung gefunden:
http://www.wasserburg-inn.de/herbert-huber/HHL89.htmB