Blechtrommel - Wer ist Oskar?

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Blechtrommel - Wer ist Oskar?

Beitragvon Bertram » 04.02.2000, 02:44

Hallo!

Ich habe gerade meinen Blechtrommel-Beitrag fertiggeschrieben und gemerkt, dass eigentlich noch viele Fragen offen sind, und ich ganz gern mit euch über dieses Buch diskutieren würde.
In Anbetracht meiner fortschreitenden Müdigkeit, schaffe ich dazu nicht viel mehr, als die Diskussion mit einer Frage zu eröffnen - auf euer Echo hoffend.

Wie seht ihr die Figur des Oskar?
Zu Beginn des Buches, über lange Zeit eigentlich, war er für mich ein Rebell, ein aufmüpfiger Antikriegsheld, ein Eigensinniger in positivster Bedeutung.
Aber dann mischen sich auch andere Töne darunter, ab dem Zeitpunkt, wo er seinen Onkel Jan scheinheilig, die eigene Haut rettend hintergeht (Na gut, er wäre sowieso hingerichtet worden, aber trotzdem..)bröckelt die Sympathie für ihn ein wenig - das ist doch kein Held! Auch seine Rolle bei dieser Jugendbande ist mehr als dubios. Und erst als er seinen Vater in die Maschinengewehrsalven der Russen treibt! Und das alles ohne schlechtes Gewissen. Darüber haben wir auch in der Literaturgruppe ausführlich geredet: ist er tatsächlich so gewissenlos dabei? Einerseits lässt ihn alles kalt, andererseits lassen ihm diese Dinge auch keine Ruh, er kaut (und trommelt) ewig auf ihnen herum.
Wofür steht also dieser Oskar? Wen repräsentiert er?
Widerstandskämpfer, den ganz normalen Mitläufer, der halt kneift, wenn es ihm an den Kragen geht. Oder repräsentiert er gar den Führer (als Führer der Jugendbande, die - selbst ohne Ziel und Sinn - ihm überallhin folgt?)
Also eine ziemliche Bandbreite an möglichen Interpretationen.
Was meint ihr?
Bin gespannt.
Zuletzt geändert von Bertram am 09.09.2009, 08:44, insgesamt 1-mal geändert.
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Blechtrommel - Wer ist Oskar?

Beitragvon Maria » 05.02.2000, 07:29


>Hallo!
>Ich habe gerade meinen Blechtrommel-Beitrag fertiggeschrieben und gemerkt, dass eigentlich noch viele Fragen offen sind, und ich ganz gern mit euch über dieses Buch diskutieren würde.
>In Anbetracht meiner fortschreitenden Müdigkeit, schaffe ich dazu nicht viel mehr, als die Diskussion mit einer Frage zu eröffnen - auf euer Echo hoffend.
>Wie seht ihr die Figur des Oskar?
>Zu Beginn des Buches, über lange Zeit eigentlich, war er für mich ein Rebell, ein aufmüpfiger Antikriegsheld, ein Eigensinniger in positivster Bedeutung.
>Aber dann mischen sich auch andere Töne darunter, ab dem Zeitpunkt, wo er seinen Onkel Jan scheinheilig, die eigene Haut rettend hintergeht (Na gut, er wäre sowieso hingerichtet worden, aber trotzdem..)bröckelt die Sympathie für ihn ein wenig - das ist doch kein Held! Auch seine Rolle bei dieser Jugendbande ist mehr als dubios. Und erst als er seinen Vater in die Maschinengewehrsalven der Russen treibt! Und das alles ohne schlechtes Gewissen. Darüber haben wir auch in der Literaturgruppe ausführlich geredet: ist er tatsächlich so gewissenlos dabei? Einerseits lässt ihn alles kalt, andererseits lassen ihm diese Dinge auch keine Ruh, er kaut (und trommelt) ewig auf ihnen herum.
>Wofür steht also dieser Oskar? Wen repräsentiert er?
>Widerstandskämpfer, den ganz normalen Mitläufer, der halt kneift, wenn es ihm an den Kragen geht. Oder repräsentiert er gar den Führer (als Führer der Jugendbande, die - selbst ohne Ziel und Sinn - ihm überallhin folgt?)
>Also eine ziemliche Bandbreite an möglichen Interpretationen.
>Was meint ihr?
>Bin gespannt.
>Bertram
Ich habe mich ja schon durch viele Buecher, die mir nicht anfangs nicht so "liegen", durchgearbeitet, aber die Blechtrommel konnte ihn mir keinen Bewunderer finden. Wen Oskar repraesentieren soll, haette ich auch gerne beantwortet. Er ist jedenfalls ein Scharlatan, ein zusammengestueckeltes Wesen, der sich wahrscheinlich ins Faeustchen lachen wuerde ueber meine Ratlosigkeit, so es ihn wirklich gaebe! (Ja, ich habe die Kommentare dazu im Kindler gelesen.). Maria A
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Blechtrommel - Wer ist Oskar?

Beitragvon Daniela » 05.02.2000, 18:27

Hallo Bertram,
leider ist für eine fundierte Diskussion meine Lektüre der "Blechtrommel" dann doch schon ein wenig zu weit zurück.
Aber ich kann dir so aus meiner Erinnerung schildern, was mich dabei beschäftigt hat:
erstens hat mir nicht die gesamte Blechtrommel gefallen.
Richtig fasziniert war ich von seiner Kindheit. Schon alleine die Geschichte, wie die Großmutter auf dem Acker den Mann unter ihren Röcken versteckt wird für immer in meinem Gedächtnis bleiben.
Sämtliche Beobachtungen, die er zu dieser Zeit macht, das Treffen der Mutter mit Jan (heißt er so???) - geschrieben aus einer frühreif-kindlichen Sicht der Dinge, und mit einer unglaublichen Selbstüberschätzung, ich fand das einfach grandios.
Aber je älter er wurde, umso uninteressanter für mich. Hier kann ich mich auch nicht mehr an besonders viel erinnern, außer daß er dann in der Klapse sitzt und sich zurückerinnert und immer noch an dieser Selbstüberschätzung leidet.
Ich hab aber irgendwann einen Bericht darüber gelesen, daß John Irving mit seinem Owen Meany eine Hommage an Oskar Matzerath geschrieben hat; kann hier irgendjemand das aus seiner Sicht bestätigen oder so?
Für mich eint die beiden Bücher vor allem, daß ich in beiden die Kindheitsgeschichte wesentlich interessanter als den Rest empfand.
Mal sehen, ob mir im Zuge einer Diskussion dann doch noch das eine oder andere einfällt - aber ich möchte die Blechtrommel irgendwann auf alle Fälle nochmals lesen!
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Blechtrommel - Wer ist Oskar?

Beitragvon Bertram » 06.02.2000, 21:51

Hallo Daniela!

Es schadet ja wahrscheinlich gar nicht, dass die Lektüre der Blechtrommel schon einige Zeit zurück liegt. Man kann dann ja eigentlich besser beurteilen, was wirklich Bestand hat, wie schnell sich eventuell eine anfängliche Begeisterung verflüchtigt.
Ich kann dir da schon nachfolgen: die Kindheit hat wirklich die faszinierendsten Bilder, die sich auch entsprechend tief einprägen. Andererseits ist es das Nachfolgende, das mich mehr beschäftigt und herausfordert.

Der frühe Oskar ist faszinierend in seiner rücksichtslosen Unabhängigkeit, seiner Ich-Bezogenheit. Aber er ist sehr eindeutig angelegt, moralisch einwandfrei, man kann sich mit ihm identifizieren und er passt noch halbwegs gut in eine Schublade. Aber dann kippt die Figur, wie vieles in dem Roman, und mit ihr auch der Leser, muss sich entscheiden, ob er das noch mitträgt. Ich denke, das Spiel mit dem Leser ist ein zentrales Element in diesem Roman, das immer wieder durchkommt. Und der Vergleich mit dem Dritten Reich drängt sich mir hier schon wieder auf: Oskar als eine (Ver)Führer-Figur: Am Anfang überwiegt die Faszination dieser Person, die so unerhörte Dinge tut, dann kommt eine moralische Komponente hinzu, der Leser geht zwangsläufig diesen Weg der Entzauberung mit und muss seine Haltung immer wieder neu definieren.
Das ist vermutlich etwas zu weit hergeholt. Und das Problem bei der Figur des Oskar ist sicher, dass er so vielschichtig (oder so unklar) ist, dass man ziemlich viel schlüssig hinein interpretieren kann. Das finde ich gleichzeitig aber auch reizvoll.

In einem Interview von Grass habe ich gelesen, dass sich die Figur des Oskar im Laufe der Zeit immer mehr verselbständigt hat. ("Er war schon während des Schreibprozesses eine äußerst widerspenstige, fiktive Figur. Und da sich fiktive Figuren nach einer gewissen Schreibzeit, sobald sie Umriß und Unterfutter gewinnen, selbständig machen, widersprach er auch dem Autor in bestimmten Situationen. Ich hatte vor, unter anderem ihm meine Schwester zu geben. Und das wollte er nicht - er wollte Einzelkind sein und bleiben. Und da ich das unbedingt durchsetzen wollte, hat er so sperrig reagiert, daß ich also eine regelrechte Schreibsperre hatte , eine Zeitlang, bis ich nachgegeben habe.")
Ich kann mir vorstellen, dass er teilweise auch Grass entglitten ist und so die geordneten Bilder der Kindheit immer mehr durcheinander gerieten.

Du stehst mit deiner Meinung ja auch nicht alleine da, in der Literaturrunde ist der erste Teil auch eindeutig besser angekommen, und vor allem den dritte Teil (der ja auch im Film fehlt) fanden viele überflüssig.
Nach der Kindheit hätte man den Roman gut abschließen können, so ist er für mich auch nach dem dritten Teil nicht fertig, sollte vielleicht von irgend jemandem beendet werden, ich finde, es sollte Oskar noch gelingen, die Bruchstücke seiner Biographie zusammenzusuchen, sich mit seiner Schuld ernsthaft auseinanderzusetzten, und zur Ruhe zu kommen. Sonst rumort er noch lange herum - aber vielleicht ist das ja auch seine Aufgabe!?

Zu den Übereinstimmung zwischen "Die Blechtrommel" " Owen Meany" habe ich eine Seite mit einer detaillierten Gegenüberstellung gefunden:
http://www.wasserburg-inn.de/herbert-huber/HHL89.htmB
Zuletzt geändert von Bertram am 09.09.2009, 08:46, insgesamt 1-mal geändert.
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Blechtrommel - Wer ist Oskar? Oskar ist.......

Beitragvon AllgemeinerUser » 11.02.2001, 22:58


Ich werde nur sehr kurz darlegen, für wen ich Oskar halte, da ich mir nicht vorstellen kann, dass diese Diskussion noch jemand verfolgt.



Meiner Meinung nach wird in die Figur des Oskar ein in den Nachkriegsjahren aufgewachsener Charakter hineingeboren, welcher von anfang an über den groben Verlauf der Gewschichte bescheid weiß und versucht diesen mit seinen Mitteln zu manipulieren. Er stellt sein Wachstum ein um nicht gezogen zu werden, protestiert durch seine Trommel usw.. Als er jedoch merkt, dass er durch sein Verhalten nicht ändern kann, fällt es ihm schwer seine Linie zu halten und wird ihr zumindest phasenweise untreu, was ihn aber auch immer wieder schwer trifft (er schreit). Es kommt immer mehr zu einer Spaltung in seiner Persönlichkeicht, mit immer krasseren Auswüchsen die sein Denken immer konfuser erscheinen lassen.
Letztlich scheitert er.

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