David Wagner - Die nachtblaue Hose. Erster Eindruck

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David Wagner - Die nachtblaue Hose. Erster Eindruck

Beitragvon AllgemeinerUser » 12.05.2000, 21:03

Die nachtblaue Hose
Überrascht war ich als ich die Stelle las, in der der Erzähler auf seinem Bett liegt, den Vater und die Tante am Pool sitzen sieht und die Wasserfontänen im Teich auf- und abregelt. Ich dachte, das hätte zu dem im Radio mir langweiliger erscheinenden Roman „Generation Golf“ gehört. Ich hatte es eben als langweilig in Erinnerung.

Und so war tatsächlich eine meiner Empfindungen für den Roman: „Einige nette Erinnerungen an eine Zeit, aus der heraus, wie mir wohl nach dem Verzehr des Romans immer noch scheint, keine nennenswerten Erinnerungen übrig bleiben konnten“ – und ich spreche doch aus eigener Erfahrung.

Ein Mensch wie David Wagner sucht daher in Mexiko nach den Kitzeln, die sein Leben ihm endlich bieten soll, nachdem die Kindheit eine Aneinanderreihung von Langeweile war. Daß er dabei beim Schreiben noch in seiner Kindheit stöbert und etwas zu finden versucht, ist auch klar: Nachdem er so lange die Langeweile genossen hat, ist sie in ihn eingedrungen und er ist zu ihrem Produkt geworden. Was immer er in Mexiko erleben kann: Meiner Vermutung zufolge vieles nur nicht sich und seine Person. Also kauft er sich bei einer fremden Nation ein Erlebnis ein, hat aber seine Identität aus der Heimat mitgebracht. Offenbar ist es ihm ja auch nicht gelungen, diese Identität abzulegen. Vielleicht wäre er dann in Mexiko geblieben und hätte in seinem Leben wirklich etwas erlebt, vielleicht hätte er wirklich gelebt. Dennoch gebührt ihm Applaus: Ein Buch zu schreiben, beweist ja immerhin auch schon, gelebt zu haben.

Eine andere Empfindung für diesen Roman ist selbstverständlich das Wiedererkennen von einzelnen Erlebnissen; andere bleiben mir fremd. Die Hochachtung vor jemandem, dem es noch einfallen kann, was damals war, der hervorzubringen imstande ist, was es nicht mehr geschafft hat, in die Oldiecharts zu kommen und ein verstaubtes Leben in den Ikearegalen des Unterbewusstseins fristet, beschleicht mich – und ich kenne nur einige wenige (wobei ich eigentlich überhaupt nicht viele kenne), die dazu in der Lage sind. Das reicht schon, um mich mit einiger Ehrfurcht zu bekleckern.

Die Sprache erkenne ich wieder: Der Versuch, zu umschreiben, so lange, bis die Melodie des Satzes und der Duft der Empfindungen eigenartig werden. Denn ums „eigenartig sein“ geht es eben. Ein Heer von Attributen, einige schon bereits vergessene oder nie gekannte Wörter, etwas von einer Nachahmung unser aller Guru Tom Robbins, dem wandelnden Lexikonerzähler. Und ich erkenne auch die einzelnen Abschnitte, wo David Wagner mal phantasievoller und mal mehr in Eile war – auch stelle ich mir vor, dass er alles noch einmal überarbeitet hat, versucht hat, hier und da noch ein paar fünf Wörter umfassende Umschreibungen für eine mit vier Buchstaben darstellbare Tatsache einzufügen. Und ich vermeine auch den Versuch zu verspüren, sich selbst zu verleugnen. Eben nicht immer zu wiederholen wie sein Vater. Wobei doch der Widerspruch bestehen bleibt, dass er aus seiner Freundin deren Eltern hervorzugehen sich vorstellt. Ihm ist doch klar, dass er so wird wie sein Vater und seine Mutter, oder nicht? Nun, vielleicht bewegt mich auch die Überlegung, dass DW wohl noch nicht so weit ist, den elterlichen Einflüssen nachzugeben. (Natürlich: „DW“ oder „der Autor“ oder der „Ich-Erzähler“. Gewahrt bleibe, was sicher macht: die Distanz zwischen Autor und Werk.)

Apropos vier Buchstaben: Diese Form, nicht vom Sex zu schreiben, ist sehr interessant. Macht das Geschehen im Kopf, in meinem Kopf, viel süffisanter. Ich glaube nicht an eine Taktik dahinter; ich glaube eher, dass der Ich-Erzähler genau so ein Profil besitzt - geordnete Lebensweise, Bürgerlichkeit, domestiziert. Dennoch, erst einmal das Buch gelesen, glaube ich bis zum dritten Kapitel nicht herausgefunden haben zu können, selbst durch zurückblättern, ob sich da mit Fe etwas abgespielt hat. Es war wohl klar. Aber auch die Dreierbeziehung bleibt mir mindestens 130 Seiten schleierhaft.
Was die Spannung durchaus erhöht. Aber auch zu lange. Am Ende glaube ich schon fast nicht mehr, was ich lese. Und im Mittelteil finde ich mich auch nicht wirklich zurecht, weil da eben sonst viel zu lange kein Faden da war: Wo sind sie? Bei seinen Eltern? Bei ihren? In Berlin? Überall und Nirgends? Die Exkurse haben die Oberhand gewonnen. Das Zurückblättern bekommt fast schon keinen Sinn mehr. Dennoch nimmt das Geschriebene einen noch irgendwie gefangen. Vielleicht, nein sicher auch deswegen, weil das Ende spannend wird. Würde Mischa das Buch gelesen haben, hätte er dann aufgehört, es zu lesen (er liest immer erst die letzten Seiten, bevor er mit einem Buch beginnt)? Die langen Sätze, in denen ich mich wiederfinden kann, am Ende sogar die Aufnahme des Fadens, nötigen mich auch, mich ganz auf das Buch einzulassen. Wenn nicht, schweife ich seitenlang ab, bis ich mir dessen bewusst werde. Es ist schon ein wenig eine Anstrengung zu lesen. Aber ich freue mich darauf, es ein zweites und drittes Mal zu lesen. Und es kommt mir vor, als sei es wie geschaffen zum Vorlesen: Eine der Beschäftigungen, die Konjunktur haben, weil es sie eigentlich schon gar nicht mehr gibt und sie auf so überraschend simple Weise einen eben völlig unbekannten Erlebnisgenuß bescheren.

Nun ja, komm zum Punkt, sagt seine Mutter zu seinem Vater. Etwas mehr Punkte, etwas mehr Faden wären durchaus ganz schön. Dennoch, beim nächsten Mal lesen, werde ich vielleicht ein gerechteres Urteil über das Buch fällen können. Es ist dies ja kein Urteil selbst, vielmehr eine Bucherlebensbeschreibung. Für alle jene, die meinen geistigen Horizont teilen, kann aber gelten: Dieses Buch darf auch ruhig mit festem Einband gekauft werden, da es sich so nachhaltig, und damit gleichzeitig unzeitgemäß gibt, dass es mit einem Mal lesen nicht gelesen ist.
AllgemeinerUser
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