Zu dem Buch: "Das Spiel ist aus " von Jean Paul Sartre

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Zu dem Buch: "Das Spiel ist aus " von Jean Paul Sartre

Beitragvon Martin A. » 20.06.2000, 21:51

Weiter unten im Forum hatte ich versprochen, ein paar Gedanken zu dem Buch zu schreiben. Mit einiger Verspätung komme ich nun endlich dazu:

Irgendwann im Verlauf der 10. Klasse haben wir im Schulunterricht ein kurzes Theaterstück von Jean Paul Sartre gelesen. Es hieß "Bei geschlossenen Türen" und beschrieb eine mögliche Form der Hölle. Drei Personen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und die einander in ihrer Wesensart kaum verstehen oder akzeptieren können, werden dazu verdammt, den Rest der Ewigkeit in einem gemeinsamen Raum zu verbringen. Ansonsten ist die Umgebung eigentlich sehr moderat, sie gleicht eher einem Hotel. Daher fragt auch eine der drei Personen den Portier, der so gar nichts diabolischen an sich hat, was den hieran nun die Hölle sei. Die Antwort, die er erhält, ist der zentrale Satz dieses Stückes: "Die Hölle, das sind die anderen".

Dieses Stück hat mich derart fasziniert, dass ich andere Werke des Autors in der Folgezeit nahezu verschlungen habe. Sartre hat sowohl Romane, Theaterstücke und Szenarien wie auch philosophische Sachbücher (Das Sein und das Nichts) geschrieben. Aber vieles von den zentralen Aussagen seines Werks, so wie ich es mir erschlossen habe, findet sich in dem Buch "Das Spiel ist aus". Hierbei handelt es sich um ein Szenario, also eine Art Drehbuch, das er Anfang der vierziger Jahre geschrieben hat. Es wurde Mitte der Vierziger in Frankreich auch werktreu verfilmt. Zum Inhalt:

Ein Revolutionär und eine Frau von hohem Stand werden getötet. Beide treten über in ein Leben nach dem Tode, das jedoch noch von den Handlungen der Lebenden überschattet wird. Zuerst müssen sich beide, wie alle frisch Gestorbenen bei einer Direktion als tot registrieren lassen. Diese Direktion ist so etwas, wie die Manifestation des Schicksals. Sie bestimmt, was den lebenden Menschen widerfährt und wovon sie verschont bleiben. Und sie kümmert sich selbstverständlich auch um die Abwicklung des Todes.

Nachdem die Verstorbenen registriert wurden, können sie sich als körperlose Wesen beliebig in der Welt weiter bewegen. Sie können sehen, hören, alles um sich herum aufnehmen aber nichts berühren oder gar verändern. In dieser Situation erfährt die Frau, dass sie von ihrem Mann des Geldes wegen vergiftet wurde und dass er sich nun mit gleicher Absicht ihrer Schwester nähert. Der Revolutionär erfährt einen Plan der Regierung, der vielen seiner Freunde das Leben kosten wird. Aber ebenfalls in dieser Situation treffen sich die beiden auch. Mitten in und doch so weit weg von Ihrer bisherigen Welt lernen sie sich kennen und lieben. Irgendwann "besuchen" sie dann ein Café und tanzen zur Musik einen imaginären Tanz. In dessen Verlauf fällt ein für dieses Stück zentraler Satz: "Ich gäbe meine Seele, wenn ich um deinetwillen noch einmal leben dürfte".

Darauf hin erfahren sie von einem anderen Toten, dass es eine Regel gibt, nach der sie wieder ins Leben zurückkehren können. Wenn zwei Menschen, die füreinander bestimmt waren, im Leben aufgrund der Umstände keine Chance hatten, zueinander zu finden, so kann ihr Tod rückgängig gemacht werden. Und so bringen die beiden ihren Fall erfolgreich bei der Direktion vor. Sie nehmen zweierlei in ihr bisheriges Leben mit. Zum einen die Vorgabe der Direktion, innerhalb kurzer Zeit zu zeigen, dass sie nur für ihre Liebe leben wollen, und zum anderen die Erinnerung an ihre Zeit als Tote und das Wissen um die Gefahr für ihre Freunde und Verwandten. Wird es ihnen gelingen, ihr neues, altes Leben nur nach ihrer Liebe auszurichten?

Einen Satz möchte ich noch zu dieser Inhaltsangabe hinzufügen. Ich habe das Buch zuletzt vor über 15 Jahren gelesen, es dann verliehen und nie zurück erhalten. So kann es sein, das möglicherweise ein Detail nicht hundertprozentig korrekt ist. Auf der anderen Seite dürfte der Umstand, dass ich den Inhalt des Buches auch nach dieser Zeit noch halbwegs präsent habe, zeigen, wie sehr es mich damals beeinflusst hat.

Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, war ich gerade unglaublich verliebt. Natürlich drängte sich mir beim Lesen damals die Frage auf, ob ich wohl gerade der Frau begegnet war, die für mich und mein Leben bestimmt ist. Wo doch allem Anschein nach so vielen anderen Menschen diese Begegnung zeitlebens versagt bleibt. Und wenn diese Frau nun der Mensch meines Lebens ist, wird es uns gelingen, für unsere Liebe zu leben.

Ein Teil dieser Frage hat sich zwischenzeitlich beantwortet, da wir auch heute, gut 18 Jahre später, immer noch zusammen sind. Die Frage, ob es uns gelingen wird, für unsere Liebe zu leben, ist immer noch offen. Diese muss jeden Tag neu beantwortet werden und hierbei hat das Buch in gewisser Weise mein Leben beeinflusst. Es gibt im Alltag so viel anderes, das natürlich wichtig ist und das meine Zeit, meine Energie und Aufmerksamkeit fordert. Oft drohen all solche Alltäglichkeiten Überhand zu nehmen. Manchmal aber gelingt es mir dann, mich zu besinnen und mich, obwohl ich stets bestrebt bin, den Alltag zu meistern, auf das wenige zu konzentrieren, wofür ich lebe. Und hierbei ist es auch die Erinnerung an das Buch, die mir immer wieder zeigt, dass die Liebe zu meiner Frau ganz oben steht.

Ein weiterer Aspekt, der mich an dem Buch von Sartre fasziniert hat, ist die dort beschriebene Direktion. Demnach gibt es also eine übergroße Verwaltung, die wichtige Eckpunkte für das eigene Leben setzt (z.B. welcher Mensch für mich und mein Leben bestimmt ist). Einige Zeit, nachdem ich das Buch gelesen hatte, haben wir an der Uni in einem Seminar eine Abstimmung vorgenommen, ob die Welt denn nun deterministisch oder stochastisch sei (eine knappe Mehrheit der Schicksalsgläubigen entschied sich für deterministisch). Diese Frage verliert jedoch vor dem Hintergrund des Buches und vieler anderer Werke von Sartre an Bedeutung. Deterministisch oder stochastisch, Zufall oder Schicksal, beides ist doch im Grunde egal. Zumindest sollte es so lange egal sein, wie die zufälligen oder schicksalsbestimmten Geschehnisse durch uns nicht beeinflusst werden können. Ob wir dem Menschen unseres Lebens nun zufällig begegnen oder ob es eine "Direktion" gibt, die uns das vorherbestimmt, ändern können wir diese Begegnung so oder so nicht. Aber - was nach dieser Begegnung geschieht, dass können wir sehr wohl mit bestimmen. Konzentrieren wir uns also darauf.

Wolf Biermann hat die Philosophie Sartres einmal allgemeiner (ungefähr) so ausgedrückt: "Es kommt nicht so sehr darauf an, was mit uns geschieht sondern was wir aus dem machen, was mit uns geschieht - toll, endlich eine Philosophie, bei der man sich wieder in seine eigenen Angelegenheiten einmischen kann."

Dem hab ich dann auch nichts mehr hinzuzufügen, außer, dass Sartres Bücher nach wir vor aktuell und lesenswert sind.
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Martin A.
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Sarte, Das Spiel ist aus

Beitragvon AllgemeinerUser » 09.06.2001, 19:45


Nein, keine Überraschung, keine Enttäuschung, viel mehr ein lächelndes, wobei traurig lächelndes Zustimmen, Rein-fühlen, Nachempfinden.
Worum gehts (vielleicht - denn sicher kanns nur der Autor wissen):
Zwei Menschen begegnen sich - alltäglich, dieses. Sie werden den unterschiedlichsten sozialen Schichten zugeordnet; werden, auch noch, den moralischen Gesetzen unserer Welt (!) untergeordnet, indem das Weib bereits "fest" gebunden ist - und das Männchen ein Revolutionär - passt nicht, denkt Mensch, ist aber auch alltäglich; und was machen die Zwei daraus?! Sie lieben sich wie zufällig - und "dürften" ES nicht tun. Also: Rettung ins Mystische, in das Unwahrscheinliche, ins Traumland der zweiten Chance (Im nächsten Leben machen wir alles anders...).
Ein altes Thema mit neuer Aufmachung. Und für mich heute Lebenden: die Darstellung der Unmöglichkeit von Liebe zwischen zwei Menschen - insgesamt; denn: was sich liebt - muss sich trennen.
Insgesamt also ein gutes Werk, um der Realität auf schöne Weise nahe zu sein.


jo

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Sartre: Das Spiel ist aus

Beitragvon Meike » 10.08.2001, 21:44


Hallo zusammen!


Ich habe [i]Das Spiel ist aus[/i] gelesen und bin sehr beeindruckt von dem Buch. Ein Inhaltangabe lasse ich hier mal weg. Daniela hat auf ihren Seiten eine stehen, wer nachschlagen möchte. Ich versuche mal die Gedanken etwas zu systematisieren, die ich beim Lesen des Buches (und auch angeregt durch Danielas Kommentar) hatte:


1. Determiniertheit des Lebens
Das Leben von Eve und Pierre ist vorherbestimmt. Alles ist schon festgelegt: Das sie füreinander bestimmt sind, das sie sich erst im Totenreich treffen, das ist sogar schon im Buch registriert und wenn man den Gedaken des determinierten Lebens konsequent weiterfolgt, müsste man in dem Buch blättern können und dann dort finden, dass sie sich im Totenreich treffen, zurück zu den Lebenden kehren und auch, dass sie nach 24 Stunden wieder sterben. Selbst wenn es (eingeplante) Umwege im Leben gibt, es kommt am Ende auf das gleiche aus: Pierre wird wieder von Lucien erschossen, wie beim ersten Mal. Eve stirbt wieder im Hause und unter den Augen ihres Mannes.
Ich sehe diese Vorherbestimmtheit aber nicht als absolut, in dem Sinne, dass man sagen kann: mein Leben ist also auch genauso vorherbestimmt. Ich kann also aufgeben mich zu entscheiden, es ist ja eh alles klar.
Sondern ich sehe die Determiniertheit in dem Buch als Provokation: Ist mein Leben vorherbestimmt? ist das wirklich so, dass ich nicht entscheide, was ich tue, sondern "nur" irgendeiner Art von Direktion folge? Gibt es eine Direktion? Oder entscheide ich doch "wirklich" selbst? Gibt es nicht LÜcken in denen "ich" entscheide?
Letztendlich wirft das Buch (oder vielmehr Sartre) damit die alte philosophische Frage auf: Führen wir ein freies, selbstbestimmtes Leben oder ist alles vorherbestimmt?


2.Liebe allein reicht, oder reicht nicht?
Die Beiden sind füreinander bestimmt, sie haben also die besten Voraussetzungen für ihre Liebe, und trotzdem schaffen sie es nicht. warum schaffen sie es nicht? Sie schaffen es nicht, weil sie so tun als könnte man die Vergangenheit vernachlässigen. Bei ihrer Freude auf das gemeinsame Leben vergessen sie wichtige Sachen: a) Sie stammen aus unterschiedlichen sozialen Milieus b)Sie müssen auf Freundschaften und Familie verzichten c)Man kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Man "nimmt sie mit" ins weitere Leben.
Alles drei Punkte bereiten ihnen Schwierigkeiten, während sie sich bewähren sollen. Sie haben diese Sachen unterschätzt oder gar nicht drüber nachgedacht. Mein Fazit darus ist nicht, dass man nur die Liebe leben soll und alles andere vergessen soll, sondern genau andersherum: Wenn man meint, die Liebe allein reicht zum Leben, dann täuscht man sich. Die Liebe ist wichtig und sollte im Vordergrund stehen, aber wenn man die oben genannten Sachen ignoriert, kann es trotzdem schief gehen. Man kann seine Vergangenheit nicht wegwerfen. Sie holt einen wieder ein, wie bei eve und Pierre. Man kann sie nur integrieren, nicht ignorieren.



3. Vertrauen
Die Bedingung, dass die beiden wieder unter die Lebenden kehren dürfen ist folgende: [i]"Falls es ihnen innerhalb von 24 Stunden gelingt, sich in vollem Vertrauen und mit allen Kräften zu lieben, haben sie ein Anrecht auf ein vollstäniges menschliches Leben."[/i]
Wenn man eine Betonung auf "volles Vertrauen" legt, wird klar, warum sie am Ende sterben. Sie schaffen es nicht sich vollständig zu vertrauen. (Wie soll man das auch in 24 Stunden schaffen können?)Meiner Meinung nach sterben sie nicht, weil sie am Zeitpunkt nicht zusammen sind, sondern weil sie sich nicht genug Vertrauen. Sie vertrauen sich auch schon vorher nicht immer, zum Beispiel vertaru er nicht darauf, dass sie sich in seinem Lebensstandard wohl fühlt, aber auch Ende, als es drauf an kommt, zweifeln sie aneinander. Sie sagt es bei dem Telefonat sogar deutlich .[i]"Nein, Pierre.. Tu's nicht ...Du hast mich belogen...Du läßt mich im Stich...Du hast mich nie geliebt..."[/i] Sie hat kein Vertrauen in seine Liebe. Zum Leben und Lieben braucht man Vertrauen.


so, ich hoffe das es jemand geschafft hat bis hierher zu lesen *g* und bin gespannt auf Antworten.


Meike

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