John von Düffel: Lesung in Berlin am 8.8.

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John von Düffel: Lesung in Berlin am 8.8.

Beitragvon Daniela » 09.08.2000, 02:14

Diesmal kam auch ich in den Genuss, John von Düffel live zu erleben und seine Lesung besuchen zu dürfen. Diese fand im Goethe-Institut statt und war wohl im Rahmen eines Seminars für Deutschlehrer aus aller Welt, die etwas über zeitgenössische deutschsprachige Literatur erfahren wollten. Hans Ulrich Treichel und B. Spinnen lasen / lesen ebenfalls in dieser Reihe.

Er hat - nach einleitenden Worten - aus seinem dreifach ausgezeichneten Roman "Vom Wasser" gelesen. Für meine Begriffe zu schnell gelesen und auch sonst den Worten nicht den Raum eingeräumt, der ihnen meines Erachtens zustünde - anyway.

Danach kam noch eine Episode aus "Schwimmen", einem Essay aus "Kleine Philosophie der Passionen". Die vorgelesene Episode handelte vom Passiv-Schwimmen im Rhein - sehr launig!

Aber dann kam das Gespräch - und ich war wirklich begeistert. Wortkarg kann man den Autoren nicht gerade nennen, er hat alle Fragen sehr offen und mit Geschichten untermauert beantwortet.

Die Sprache kam auf seine Biographie, auf seine Theaterkarriere - er wurde ja dem Publikum erstmals durch einige Theaterstücke bekannt - und auch darauf, wie er zum Schreiben kam.

"Vom Wasser" hat er wohl in einer für ihn sehr großen Theaterkrise geschrieben, während seiner beiden Jahre in Basel. Zu dieser Zeit wollte er nichts mehr für das Theater schreiben, sondern etwas völlig anderes machen. Es war auch aufgefallen, dass in diesem Roman keine Dialoge vorkommen; gerade von einem Theater-Mann würde man das nicht erwarten. Seine Begründung dazu war, dass seine Protagonisten alle sehr einsame Menschen wären, und vor allem eine Beziehung zum Wasser hätten; mit diesem wäre aber nicht wirklich ein Dialog möglich. Interviews dazu kann man wohl auch im Netz nachlesen; ich hab noch nicht nachgesehen, wo.

Unüblich für Theatermenschen ist er ein absoluter Frühaufsteher, schreibt auch am liebsten morgens. Ein Leben im Elfenbeinturm, zu schreiben, ohne im Kontakt mit der Umwelt zu sein, kann er sich nicht vorstellen. Er erlebt es so, dass zum Beispiel Probleme, die er morgens beim Schreiben hat, an denen er zu verzweifeln droht, im Laufe des Tages unterbewußt immer weiter laufen - bis dann irgendwann völlig unverhofft eine Lösung kommt.

Sein Herangehen an Figuren hat er ebenfalls geschildert: es käme nicht so sehr darauf an, meinte er, jetzt zu versuchen, den Tonfall einer bestimmten Bevölkerungsschicht zu treffen, ums stimmig zu machen. Er würde versuchen, die Umwelt mit den Augen seiner Protagonisten zu sehen, zu riechen, schmecken, fühlen wie sie, und aus diesem Verständnis heraus dann schreiben.

Mein persönlicher Eindruck: ein eindrucksvoller Mann, bescheiden, unglaublich intelligent, humorvoll und ausgesprochen charmant.Wow!
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von düffel: vom wasser

Beitragvon Frank » 06.09.2000, 10:53


eigentlich muss ich zugeben dass ich ganz froh bin mal ganz anderer meinung zu sein wie daniela.
"...plätschert dahin wie wasser - kein tiefgang..." für mich war das buch ein strudel interessanter figuren, einer guten geschichte und in einer wunderschönen sprache geschrieben. eine blasse seite muss ich zugeben: die erzählerfigur, die scheint so sinnlos wie blass und ist eigentlich verzichtbar. bis jetzt habe ich keines seiner anderen bücher gelesen, werde das jedoch bald nachholen und dann sehen ob sich meine meinung, in ihm einen interessanten geschichtenerzähler gefunden zu haben, weiter halten lässt.
hat sonst noch jemand eine meinung zu ihm???
immer neugierig
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von düffel: vom wasser

Beitragvon Marita » 07.09.2000, 17:18


>eigentlich muss ich zugeben dass ich ganz froh bin mal ganz anderer meinung zu sein wie daniela.
>"...plätschert dahin wie wasser - kein tiefgang..." für mich war das buch ein strudel interessanter figuren, einer guten geschichte und in einer wunderschönen sprache geschrieben. eine blasse seite muss ich zugeben: die erzählerfigur, die scheint so sinnlos wie blass und ist eigentlich verzichtbar. bis jetzt habe ich keines seiner anderen bücher gelesen, werde das jedoch bald nachholen und dann sehen ob sich meine meinung, in ihm einen interessanten geschichtenerzähler gefunden zu haben, weiter halten lässt.
>hat sonst noch jemand eine meinung zu ihm???
>immer neugierig
>frank


Hallo Frank
Ich bin gerade bei der Lektüre des besagten Buches und bin nach einem Drittel ziemlich begeistert.Allein die Sprache ist lesenswert.Wer kann schon von sich behaupten in einem Text fast ohne Dialoge auszukommen und doch eine Handlung aufzubauen.Durch innere Monologe und genaue Beobachtungen erhält das Ganze eine besondere Wirkung auf mich. Ich mag Schriftsteller, die eine eigene Sprache haben und nicht in "normal" schreiben.Bin gespannt wie es weitergeht.
Ich meine auch, dass der Icherzähler, der zwischendurch auftaucht ein wenig verwirrend ist.
Schöne Grüße Marita

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von düffel: vom wasser

Beitragvon Ela » 07.09.2000, 21:42


Ich habe es schon vor einiger Zeit gelesen und war sehr angetan. Irritiert haben mich nur die Einschübe, wenn der Erzähler von seinem aktuellen Aufenthalt in ..Köln?.. erzählt, die paßten da irgenwie nicht rein.
Das aktuelle Buch werde ich auf jeden Fall lesen!
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von düffel: vom wasser

Beitragvon Daniela » 09.09.2000, 13:25

Hallo Frank, Ela, Marita!
Schade, dass ihr nicht bei unserer Literaturgruppe dabei wart, um gemeinsam über dieses Buch zu "streiten"!
Ich habs ja hauptsächlich gelesen, weil ich von Freunden, auf deren Urteil ich sehr vertraue - wie Ela, Maria@Balkonien - gehört hatte, dass das Buch so toll wäre.
Und ich kann ja auch nicht sagen, dass ich es mit Widerwillen gelesen hätte - ich finde ja auch viele der Ideen, die im Buch stecken, wirklich gut.

Aber trotzdem.

Der Erzähler in der Rahmenhandlung, der ja auch von euch als irritierend und störend empfunden wurde, war für mich nur die Spitze.

Hat es euch nicht gestört, dass allein schon durch die Namensgebung ("Missgunst"; "Krüppel") kein Raum mehr für Phantasie blieb? Dass er alles, was ihm wichtig war, 10 - 20 x sagen musste?

Dass ein Autor gänzlich ohne Dialoge auskommt, ist eigentlich nicht so selten, aber es fällt natürlich immer wieder auf, und ich empfinde es auch als tolles Stilmittel (genauso wie umgekehrt auch, wenn ein Buch gänzlich aus Dialogen besteht und keine Beschreibungen dabei sind9.

Richtig gut war er in meinen Augen immer dann, wenn er etwas geschrieben hat, das ihn selbst sehr berührt. Wenn er vom Kindergeschrei, dem Spielen im Wasser, dem Geruch schreibt - oder, um die beste Szene nochmals hervorzuheben: Das Ausnehmen und Säubern der Fische. Da stimmt plötzlich wirklich jedes Wort, da verzichtet er darauf, das, was er gerade beschreibt, zusätzlich auch noch zu erklären. Und, oh Wunder: der Leser versteht auch so, viel besser, als wäre er mit der Nase drauf gestoßen worden.

Neugierig auf den Autor bleibe ich in jedem Fall - schon alleine deswegen, weil er als Person so hochinteressant ist!

Was mich nun sehr interessieren würde (ich hoffe, ihr erinnert euch noch daran):
- Welche Szene ist euch denn am dauerhaftesten im Gedächtnis geblieben?
- Wenn ihr nach einiger Zeit jetzt an das Buch zurückdenkt: was ist spontan der erste Gedanke, der euch dazu kommt?
- Wie ist euer eigenes Verhältnis zum Wasser, schwimmt ihr gerne?
Neugierige Grüße von
Daniela

PS: Marita, wenn du Autoren magst, die eine ganz eigene Sprache entwickeln, dann kann ich dir FRANZOBEL mit "Scala Santa" empfehlen. Zwar bin ich persönlich der Meinung, dass die Hälfte des Buches auch genügt hätte, aber diese Sprache.... lies doch mal in einer BUchhandlung ein Stückweit rein!
Daniela

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von düffel: vom wasser

Beitragvon Frank » 22.09.2000, 20:58


>Hallo Frank, Ela, Marita!
>Schade, dass ihr nicht bei unserer Literaturgruppe dabei wart, um gemeinsam über dieses Buch zu "streiten"!
>Ich habs ja hauptsächlich gelesen, weil ich von Freunden, auf deren Urteil ich sehr vertraue - wie Ela, Maria@Balkonien - gehört hatte, dass das Buch so toll wäre.
>Und ich kann ja auch nicht sagen, dass ich es mit Widerwillen gelesen hätte - ich finde ja auch viele der Ideen, die im Buch stecken, wirklich gut.
>Aber trotzdem.
>Der Erzähler in der Rahmenhandlung, der ja auch von euch als irritierend und störend empfunden wurde, war für mich nur die Spitze.
>Hat es euch nicht gestört, dass allein schon durch die Namensgebung ("Missgunst"; "Krüppel") kein Raum mehr für Phantasie blieb? Dass er alles, was ihm wichtig war, 10 - 20 x sagen musste?
>Dass ein Autor gänzlich ohne Dialoge auskommt, ist eigentlich nicht so selten, aber es fällt natürlich immer wieder auf, und ich empfinde es auch als tolles Stilmittel (genauso wie umgekehrt auch, wenn ein Buch gänzlich aus Dialogen besteht und keine Beschreibungen dabei sind9.
>Richtig gut war er in meinen Augen immer dann, wenn er etwas geschrieben hat, das ihn selbst sehr berührt. Wenn er vom Kindergeschrei, dem Spielen im Wasser, dem Geruch schreibt - oder, um die beste Szene nochmals hervorzuheben: Das Ausnehmen und Säubern der Fische. Da stimmt plötzlich wirklich jedes Wort, da verzichtet er darauf, das, was er gerade beschreibt, zusätzlich auch noch zu erklären. Und, oh Wunder: der Leser versteht auch so, viel besser, als wäre er mit der Nase drauf gestoßen worden.
>Neugierig auf den Autor bleibe ich in jedem Fall - schon alleine deswegen, weil er als Person so hochinteressant ist!
>Was mich nun sehr interessieren würde (ich hoffe, ihr erinnert euch noch daran):
>- Welche Szene ist euch denn am dauerhaftesten im Gedächtnis geblieben?
>- Wenn ihr nach einiger Zeit jetzt an das Buch zurückdenkt: was ist spontan der erste Gedanke, der euch dazu kommt?
>- Wie ist euer eigenes Verhältnis zum Wasser, schwimmt ihr gerne?
>Neugierige Grüße von
>Daniela
>
>PS: Marita, wenn du Autoren magst, die eine ganz eigene Sprache entwickeln, dann kann ich dir FRANZOBEL mit "Scala Santa" empfehlen. Zwar bin ich persönlich der Meinung, dass die Hälfte des Buches auch genügt hätte, aber diese Sprache.... lies doch mal in einer BUchhandlung ein Stückweit rein!


hi daniela


erst mal zu deinen fragen:
die szene ... das fische ausnehmen, ganz klar!!! seine brillianteste stelle ..
mein erster gedanke .. sollte wieder was von ihm lesen
wasser ... hm ich habe drei aquarien, bin freibadmuffel und liebe das meer, segeln, tauchen, ...
weder seine wiederholungen noch seine festlegenden namen empfand ich als störend, eigentlich entspricht er damit einer ziemlich häufigen wahrnehmungsweise, man(n) - frau vielleicht weniger - sieht und entscheidet, der berühmte erste blick. angeblich liegt man damit zu über 90% richtig. was man zuerst wahrnimmt bestätigt sich (möglicherweise weil man sich diesen ersten blick bestätigen will - sei es mal dahingestellt). aber es ist ein phänomen, dem er mit seinen benennungen rechnung zu tragen scheint.
ich muss sagen, dass mir die geschichte der familie zwischen den beiden flüssen so gut gefallen hat, dass ich stilistische mängel wahrscheinlich grösstenteils überlesen habe .. bis auf den besagten nervenden erzähler. zweifellos ist die stärke des buches die geschichte und nicht so sehr die art wie es geschrieben ist.
gruss
frank

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