Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

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Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

Beitragvon Irving » 08.03.2004, 21:41

Hallo,


seit ein paar Tagen lese ich KAFKA AM STRAND, kann aber nicht behaupten,dass ich sehr begeistert wäre... Leider enttäuscht das Buch sehr ! Murakami schreibt hier eine Geschichte, die SO esoterisch ist, dass es mich an COELHO erinnert (oder wie ich ihn mir vorstelle). Das ist manchmal grauenhaft platt:


"Während ich zum Nachthimmel hinaufschaue, denke ich über die Unwiederbringlichkeit der Zeit nach, über Flüsse und über das Meer, über den Wald und über hervorsprudelndes Wasser. Über Regen und Gewitter. Über Felsen, über Schatten. Sie alle sind ein Teil von mir."


Und dann schreibt er ständig über Träume, Geister und was-weiß-ich. Wenn der Held (der kein wirklicher ist, denn zuviel wird nebenbei erzählt, weitere Handlungsstränge, die auch irgendwelche Geheimnisse andeuten & sich dann irgendwann - hoffentlich - vereinigen) wenigstens mal in einen Brunnen plumpsen würde oder Schafe suchte... Ich hab nichts gegen Murakamis Phantastereien (im Gegenteil!), aber hier wirkt alles aufgesetzt und ... langweilig !


Diesen hochgelobten KAFKA (in Japan ein Mega-Seller) halte ich für das schlechteste Buch von Murakami ! Überhaupt kein Vergleich zu Aufziehvogel, Schafsjagd oder gar Naokos Lächeln. Viel zuviel hineingestopft, zuviel "Unergründliches", zuviele Prophezeiungen und zuviel "Bewußtsein".


Habs bisher bis Seite 409 durchgehalten, aber ich glaub, den Rest spar ich mir ... bin noch nicht sicher ...


Hat es sonst schon einer gelesen ?


Gruss,
Irving

Grüße,
Irving
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Re: Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

Beitragvon Mischa (NN) » 09.03.2004, 22:20


Hier noch eine Definition des von mir strapazierten – aber wohl nicht ausreichend erklärten Begriffes „Mythos“. Ich habe sie aus http://www.net-lexikon.de/Mythos.html kopiert.



Mythos
(Definition, Bedeutung, Erklärung im Lexikon)


Ein Mythos ist eine Erzählung von Ereignissen einer Götter,- Schöpfungs-, Vor- oder Frühgeschichte, die sehr oft phantastische Elemente enthält.


Der Mythos ist eine Weltauslegung und Lebensdeutung in erzählerischer Berichtsform, versehen mit Symbolen, Visionen und fabulierenden Darstellungen, die jedoch eine allgemeine Wahrheit enthalten. Im Mythos wird das Handeln und Wirken von Göttern in Anlehnung an menschliche Verhältnisse (anthropomorph) dargestellt (Götterfamilien, Göttergeschlechter). Die schriftliche Niederlegung und dichterische Ausformung der Mythen kennzeichnet den "Beginn" der abendländischen Literatur, die immer wieder zentrale Motive des Mythos aufgreift und umformt.


Bedeutend für die europäische Kultur sind die griechisch-römischen Mythen, die seit Homer und Hesiod zum Stoff der Dichtung wurden und bis ins 18. Jahrhundert hinein durch die Rezeption der Antike literarische Motive lieferten. Die Aufklärung verstand den Mythos als kindliche Vorstufe zum begrifflichen Denken und durch dieses überwunden. Die Dichter der Romantik griffen wieder auf griechische sowie nordische, später auch auf indische Mythen zurück. In der heutigen Forschung wird der Mythos als rituelle Wiederholung von Urereignissen gedeutet, als erzählerische Aufarbeitung menschlicher Urängste und -hoffnungen. In dieser Funktion hat er nach dem Urteil von Psychologen und Philologen einen unaufholbaren Vorsprung gegenüber Begriffssystemen. Mythen werden in den Mythologien der Völker systematisch zusammengefasst.


Siehe auch: Sage, Märchen, Legende, Religion , Heilsgeschichte

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Re: Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

Beitragvon Irving » 10.03.2004, 09:47


Hallo Mischa,


Danke Dir sehr für Deine ausführliche Antwort !


Ja, das klingt plausibel: mythscihe Erzählung trifft es sehr gut. Wobei ich aber doch gelegentlich denke, dass Murakami vielleicht etwas zu sehr an der Oberfläche bleibt, und damit zu seicht ist.


Grundsätzlich gilt (für mich als Leser):
ja, mir "liegt" das westliche, rationale Denken viel mehr. Murakami ist schon das "höchste der Gefühle", was Fantasy, Mythos etc. angeht. Aber bisher hat mich das bei Murakami nie gross gestört. Und das genannte Beispiel finde ich äusserst platt, egal, ob es sich um Mythos o.ä. handelt. Leider häufen sich solche Sätze im KAFKA.


Gruss,
Irving

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Re: Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

Beitragvon Matthias (NN) » 16.03.2004, 09:04


Mitterweile sind drei Tage verstrichen, seit ich das Buch gelesen habe und ich muß sagen, dass ich es auch - ähnlich Irving - für sein schlechtestes halte und seiner Argumention so ziemlich folgen kann.
Was mich ziemlich verstört ist die fünfzehnjährige Hauptperson Kafka Tamur, der in seinem Handlungsreportoire, seinem geistigen Horizont, also seinem Intellekt weit über der eines Jugenlichen in seinem Alter ist und somit zusehends mit Verlauf des Romans unglaubwürdig wird. Die Ausgangstellung, die den Jungen aus der Heimatstadt vertreibt (die Prophezeiung seines Vaters, dass er ihn - den Vater - töten, und mit seiner Mutter und Schwester verkehren wird!!!) klingt für mich ziemlich aufgesetzt und unglaubwürdig. Ähnliches liese sich auch sagen über Saeki (die sich im Laufe als seine Mutter herauskristalisiert, an deren Ende dann die sexuell erotische Symbiose steht).
Was die Mythologie anbetrifft, die mir - das gebe ich zu - ziemlich fremd ist, habe ich nicht als Hindernis oder Problem empfunden, da seine früheren Romane auch immer mit diesem Gedankengut infiziert waren und ich sie alles andere als störend empfand. Im übrigen agiert eine weitere wichtige Person, Oshima nämlich, ganz in der westlich griechischen Tradtion.
Wer am Ende auf eine Auflösung der vielen Rätsel, die sich im Laufe der Geschichte auftürmen erhofft, wird jedenfall enttäuscht, so viel steht fest, wobei natürlich auch dies in der Intension des Autors liegen mag?
Ich gebe zu, dass ich hin und wieder überlegt habe das Buch vor seinem Ende zu zumachen, es aber dann doch und dass ziemlich anhaltend, wie schon lange nicht mehr, zu Ende gelesen habe.
Wie auch immer eins verspricht das Buch auf jeden Fall: genügend Gesprächsstoff
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Re: Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

Beitragvon Jules » 21.03.2004, 12:50


Hallo Mischa,
ich stimme Austen zu, Dein Beitrag ist sehr interessant und nachdenkenswert. Aber irgendwie geht es mir wie mit der verlorenen Unschuld: Hat man einmal in den Apfel der Erkenntnis gebissen, gibt es keinen Weg zurück! Glaubt man nicht mehr an den Weihnachtsmann, ist der Zauber für immer vorbei. Und so geht es auch mit unserer abendländischen Kultur: Ist erstmal der Schritt vollzogen, versuchen wir mit Hilfe des Logos hinter den Mythos zu blicken, glauben wir nicht mehr daran, das die Welt von einer handvoll Götter launisch gelenkt wird, ist die Umkehr ausgeschlossen, unser Handwerkszeug ist einzig der euklidische Verstand. Obwohl wir stets den Wunsch haben, zurück in den paradiesischen Urzustand zu gelangen. Wir alle träumen von der Schwerelosigkeit unserer Kindheit, aber es ist nur Träumerei, wir müssen den Zauber woanders suchen. Und das ist auch das Problem das ich mit Murakami habe (Von Coelho rede ich gar nicht, das ist eine Beleidigung für den japanischen Erzähler!), es sind Mythen, wie Du schön geschildert hast, aber Mythen wirken für uns wie Zirkuskunststücke, wir fragen immer: Schön, aber wo ist der Trick! Ich muß immer an Kafkas kurze Parabel von den Gleichnissen denken (kennst Du?), die viel Wahrheit enthält.


Ansonsten finde ich Murakami als sehr guten und phantasievoller Erzähler, obwohl ich noch nicht viel von ihn kenne (und ohne Leselust auch niemals kennengelernt hätte!)


Nur das mal als eine Assoziation
Gruß
Jules

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Re: Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

Beitragvon Anja » 22.03.2004, 13:25


>Hallo Mischa,
>ich stimme Austen zu, Dein Beitrag ist sehr interessant und nachdenkenswert. Aber irgendwie geht es mir wie mit der verlorenen Unschuld: Hat man einmal in den Apfel der Erkenntnis gebissen, gibt es keinen Weg zurück! Glaubt man nicht mehr an den Weihnachtsmann, ist der Zauber für immer vorbei. Und so geht es auch mit unserer abendländischen Kultur: Ist erstmal der Schritt vollzogen, versuchen wir mit Hilfe des Logos hinter den Mythos zu blicken, glauben wir nicht mehr daran, das die Welt von einer handvoll Götter launisch gelenkt wird, ist die Umkehr ausgeschlossen, unser Handwerkszeug ist einzig der euklidische Verstand. Obwohl wir stets den Wunsch haben, zurück in den paradiesischen Urzustand zu gelangen. Wir alle träumen von der Schwerelosigkeit unserer Kindheit, aber es ist nur Träumerei, wir müssen den Zauber woanders suchen. Und das ist auch das Problem das ich mit Murakami habe (Von Coelho rede ich gar nicht, das ist eine Beleidigung für den japanischen Erzähler!), es sind Mythen, wie Du schön geschildert hast, aber Mythen wirken für uns wie Zirkuskunststücke, wir fragen immer: Schön, aber wo ist der Trick! Ich muß immer an Kafkas kurze Parabel von den Gleichnissen denken (kennst Du?), die viel Wahrheit enthält.
>Ansonsten finde ich Murakami als sehr guten und phantasievoller Erzähler, obwohl ich noch nicht viel von ihn kenne (und ohne Leselust auch niemals kennengelernt hätte!)
>Nur das mal als eine Assoziation
>Gruß
>Jules



Ich bin mittlerweile imletzten Drittel des Buches, und so langsam scheinen die Fäden ein bißchen zusammenzulaufen. Ich bin mal gespannt, wie es weitergeht!

Anja
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Re: Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

Beitragvon Jules » 22.03.2004, 14:04


Weißt Du, Kultigone, das Tolle an Murakami ist, seine Bücher sind wie lange Abenteuerreisen ins Nirgendwo. Man kann nie erraten, welche Wendungen das Geschehnis nimmt, wie die Fäden zusammenhängen. Auch beim letzten Werk, Sputnik Sweetheart fragte ich mich zwei Drittel lang, was soll das eigentlich! Aber den Schluß fand ich richtig großartig! Übrigens, das fällt mir gerade ein, weil ich zur Zeit Paul Auster lese, ist es bei Diesem ganz genau so, fast ähnlich verblüffend (und unwahrscheinlich) sind da manche Entwicklungen im Plot.
LG
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Franz Kafka: Von den Gleichnissen

Beitragvon Jules » 24.03.2004, 21:47


Viele beklagen sich, daß die Worte der Weisen immer wieder nur Gleichnisse seien, aber unverwendbar im täglichen Leben, und nur dieses allein haben wir. Wenn der Weise sagt: "Gehe hinüber", so meint er nicht, daß man auf die andere Seite hinübergehen solle, was man immerhin noch leisten könnte, wenn das Ergebnis des Weges wert wäre, sondern er meint irgendein sagenhaftes Drüben, etwas, das wir nicht kennen, das auch von ihm nicht näher zu bezeichnen ist und das uns also hier gar nichts helfen kann. Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen, daß das Unfaßbare unfaßbar ist, und das haben wir gewußt. Aber das, womit wir uns jeden Tag abmühen, sind andere Dinge.


Darauf sagte einer: "Warum wehrt ihr euch? Würdet ihr den Gleichnissen folgen, dann wäret ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der täglichen Mühe frei."
Ein anderer sagte: "Ich wette, daß auch das ein Gleichnis ist."
Der erste sagte: "Du hast gewonnen."
Der zweite sagte: "Aber leider nur im Gleichnis."
Der erste sagte: "Nein, in Wirklichkeit, im Gleichnis hast Du verloren."

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Re: Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

Beitragvon Jules » 24.03.2004, 22:19


Hallo Mischa,


vielen Dank für den interessanten Lesetip und Deinem weiteren schönen und nachdenkenswerten Beitrag.


Im Prinzip stimme ich Dir ja zu, so wie Du das Wort "Mythos" gebrauchst und Deine Argumentation aufbaust, allein mir scheint aber, Du fasst dieses Wort ein bißchen zu weit. Was Du über Kafka beispielsweise sagst ist vollkommen richtig, aber das trifft für die "schöne" Literatur überhaupt zu. Phantasie, Sublimierung, Symbolisierung, Topoisierung allein ist noch nicht Mythos oder nicht nur Mythos. Der Begriff Mythos beschreibt meines Erachtens nicht einen psychologischen Reifeprozeß anhand von Metaphern, sondern versucht eine gegenwärtige Erscheinung, Zeitgeist, Entwicklung mit einem Geschehen in einer nicht mehr zu ergründenden Urzeit zu erklären, wobei, das scheint mir das Entscheidende, der Ursprung, die Quelle des Mythos immer im Dunklen liegt, im Unbeweisbaren, nicht Nachvollziehbaren.


Mit dem Nutzen von Mythen ist es so eine Sache, es ist mitunter gefährlich: Mit Erklärungen anhand von Mythen macht man sich das Leben sehr einfach. Man braucht nicht einer Sache nachzugehen, sie nicht zu überprüfen, weil der Mythos alles erklärt! So bildet jede größere Bewegung einen Entstehungsmythos, bspw. die Nationalsozialisten, Religionsgemeinschaften etc. Homer, der Ur-Mythologe (sorry, dieser Begriff ist wahrscheinlich tautologisch) unserer abendländischen Welt erklärte eben anhand von launischen Göttern das Unerklärbare, Wechselhafte dieser Welt. Neulich sah ich im deutschen TV eine Hinterfragung des Mythos „Mercedes“, was daran noch wirklich wahr ist in Bezug auf Qualität, Technik etc.


Aber ich möchte wirklich nicht kleinkariert Haarspalterei betreiben (ich betreibe Großkariert Haarspalterei ;-) *hust*) , Deine Argumentation hat etwas für sich, und wir können ins in Puncto Murakami ganz schnell einigen. Außerdem habe ich manchmal das Gefühl, nur auf realen Schlittschuhen stelle ich mich wackeliger an, als auf der Eisfläche der Philosophie.


Gruß Jules. Hab´ nen schönen Abend!


PS. Auch von mir eine Empfehlung, die Mythologies von Roland Barthes, eine Essaysammlung. Weiß aber nicht, ob das auf Deutsch vorliegt.

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Re: Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

Beitragvon AllgemeinerUser » 26.03.2004, 07:17


Ich finde den neuen Murakami sehr gelungen. Ja, das Buch ist wohl noch surrealer als manche zuvor, aber auch Sputnik sweetheart oder hard-boilded wonderland waren ja schon strange. Ich denke, wie alt Kafka Tamura auf der Ebene der "äußeren Handlung" ist, spielt gar keine Rolle, denn vielleicht ist ja nicht nur ein 15jähriger Junge, sondern er i s t Kafka am Strand, also der Kafka auf einem Bild, das gemalt wurde, als er noch gar nicht gezeugt war. Er wird ja vielleicht auch wieder Kafka am Strand werden, wenn er surfen lernt. Who knows. Aber das ist es. Das Buch erzählt keine Geschichte, sondern es wühlt in den urmenschlichen Innereien. Es bietet Klischees an und zerstört sie gleich wieder. Es ist unnötig grausam, es ist unlogisch, es ist mitreißend,es ist lustig, es ist platt, es ist komplex, es ist wie das Leben. Kommt mir vor wie ein modernes Bild jenseits von Meta und damit fast schon wieder wörtlich zu nehmen.Ich mag es, aber seit Naokos Lächeln mochte ich alles, was Herr Murakami geschrieben hat.
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Re: Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

Beitragvon Frank Paulus » 24.08.2004, 17:53


>>Mitterweile sind drei Tage verstrichen, seit ich das Buch gelesen habe und ich muß sagen, dass ich es auch - ähnlich Irving - für sein schlechtestes halte und seiner Argumention so ziemlich folgen kann.
>>Was mich ziemlich verstört ist die fünfzehnjährige Hauptperson Kafka Tamur, der in seinem Handlungsreportoire, seinem geistigen Horizont, also seinem Intellekt weit über der eines Jugenlichen in seinem Alter ist und somit zusehends mit Verlauf des Romans unglaubwürdig wird. Die Ausgangstellung, die den Jungen aus der Heimatstadt vertreibt (die Prophezeiung seines Vaters, dass er ihn - den Vater - töten, und mit seiner Mutter und Schwester verkehren wird!!!) klingt für mich ziemlich aufgesetzt und unglaubwürdig. Ähnliches liese sich auch sagen über Saeki (die sich im Laufe als seine Mutter herauskristalisiert, an deren Ende dann die sexuell erotische Symbiose steht).
>>Was die Mythologie anbetrifft, die mir - das gebe ich zu - ziemlich fremd ist, habe ich nicht als Hindernis oder Problem empfunden, da seine früheren Romane auch immer mit diesem Gedankengut infiziert waren und ich sie alles andere als störend empfand. Im übrigen agiert eine weitere wichtige Person, Oshima nämlich, ganz in der westlich griechischen Tradtion.
>>Wer am Ende auf eine Auflösung der vielen Rätsel, die sich im Laufe der Geschichte auftürmen erhofft, wird jedenfall enttäuscht, so viel steht fest, wobei natürlich auch dies in der Intension des Autors liegen mag?
>>Ich gebe zu, dass ich hin und wieder überlegt habe das Buch vor seinem Ende zu zumachen, es aber dann doch und dass ziemlich anhaltend, wie schon lange nicht mehr, zu Ende gelesen habe.
>>Wie auch immer eins verspricht das Buch auf jeden Fall: genügend Gesprächsstoff
>Mein Exemplar ist inzwischen da, ich freu mich drauf!
Der neue Murakami ist nicht jedermanns Sache, denn nur wer den Schlüssel besitzt, kann das wundersame Buch öffnen...
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Re: Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

Beitragvon Mischa (NN) » 25.08.2004, 08:47


Hallo FRank,


die schnelle intellektuelle Entwicklung von Kafka ist für mich auch das phantastischste und unrealistischste Moment in diesem Roman. Allerdings bin ich der Meinung, daß dieser "Fehler" in der Figurenentwicklung auch unbedingt notwendig ist, da jede realistischere Entwicklung allein schon von der Anzahl der benötigten Seiten her den Rahmen eines Romans sprengen würde.


Grüße
M.

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Re: Haruki Murakami, KAFKA ON THE SHORE

Beitragvon Marcel » 08.03.2005, 19:15

Ich bin mir mit Kafka am Strand immer noch uneins - ich finde, es ist sein bisher schwächstes Buch. Trotzdem hab ich es in einem "Rausch" durchgelesen. Zumindest die "absurde" Parallelgeschichte fand ich bezaubernd, und die Spannung, wie die beiden Geschichten sich verknüpfen, ist auch hier wie in Hard Boiled Wonderland groß.
Aber wie schon bei "Tanz mit dem Schafsmann" hatte ich das Gefühl, dass er den Roman zu schnell beendet hat, bevor der Schluß ausgereift und ganz "erfunden" ist.
Ob englisch oder deutsch? Die deutsche Übersetzung erschien mir mittelmässig, nicht sonderlich sorgfältig. Mancher Absatz klang ungewohnt umständlich.
Grüße
Marcel
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Re: Haruki Murakami, KAFKA ON THE SHORE

Beitragvon Daniela » 09.03.2005, 01:07


Hallo Marcel,
erstmal herzlich willkommen hier im Leselust-Forum ;-)
Und dann auch noch gleich mit einem meiner Lieblingsautoren...


aber was Kafka... angeht, muss ich mir wohl langsam aber sicher selbst ein Urteil bilden. Ich hätts mir ja in London auch schon fast gekauft, aber eben nur fast ;-)
Dennoch bin ich mir mittlerweile ziemlich sicher, dass ich wahrscheinlich zur englischen Ausgabe greifen werde, obwohl es so schrecklich dick ist. Abe rdie deutsche Übersetzung fand ich schon in Sputnik Sweetheart schrecklich.


LG, Daniela

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Re: Haruki Murakami, KAFKA ON THE SHORE

Beitragvon Marcel » 09.03.2005, 13:07


Hallo Daniela,


vielen Dank für die liebe Begrüssung im Leselust-Forum ...


>Und dann auch noch gleich mit einem meiner Lieblingsautoren...


Murakami ist ja auch etwas ganz Besonderes ...


>aber was Kafka... angeht, muss ich mir wohl langsam aber sicher selbst ein Urteil bilden. Ich hätts mir ja in London auch schon fast gekauft, aber eben nur fast ;-)
>Dennoch bin ich mir mittlerweile ziemlich sicher, dass ich wahrscheinlich zur englischen Ausgabe greifen werde, obwohl es so schrecklich dick ist. Abe rdie deutsche Übersetzung fand ich schon in Sputnik Sweetheart schrecklich.


Sputnik Sweetheart habe ich "nur" auf Englisch gelesen - mein erstes Buch überhaupt, das ich von vorne bis hinten auf Englisch gelesen habe. Die deutsche Ausgabe liegt auch hier, aber - hm - es geht einfach nicht.
Aber die Übersetzungen der Dumont-Ausgaben ist sowieso ein Thema für sich. Wenn man die Geschichte in "Der Aufziehvogel und die Dienstagsfrauen" (in "Der Elefant verschwindet") mit dem Anfang von "Mr. Aufziehvogel" vergleicht - die Übertragung von Nora Bierich für Rowohlt ist sprachlich Welten besser ...


lg
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Re: Haruki Murakami, KAFKA ON THE SHORE

Beitragvon Daniela » 09.03.2005, 22:45


Hallo Marcel,
ja, der Vergleich zwischen den beiden Stücken fällt auch in meinen Augen deutlich für die Rowohlt-Ausgabe aus ;-)
Dennoch: ich mochte die Übersetzungen aus dem Englischen (wie beim Aufziehvogel oder auch der Gefährlichen Geliebten) eigentlich lieber als die danach kommenden bei Dumont aus dem Japanischen. Sputnik hatte ich ja auch auf Englisch gelesen und dann bei der Lesung in Berlin auf Deutsch gehört, das ging für mich gar nicht.
Damals hatte ich mir auch ganz fest vorgenommen, Murakami zukünftig nur noch englishc zu lesen. Wenn er nur nicht so dick wäre, dieser letzte...


LG, Daniela


PS: du hast ohnehin eine starke Japan-Affinität, oder täuscht mich das? *g*

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Re: Haruki Murakami, KAFKA ON THE SHORE

Beitragvon Marcel » 09.03.2005, 23:04


Hallo Daniela


>Dennoch: ich mochte die Übersetzungen aus dem Englischen (wie beim Aufziehvogel oder auch der Gefährlichen Geliebten) eigentlich lieber als die danach kommenden bei Dumont aus dem Japanischen.


*zustimm*


>Sputnik hatte ich ja auch auf Englisch gelesen und dann bei der Lesung in Berlin auf Deutsch gehört, das ging für mich gar nicht.


Hm, wie ist es dir bei "Nach dem Beben" ergangen? Die Geschichte in Thailand hatte sich mir erst in der deutschen Übersetzung erschlossen, die Übertragung hatte mich zumindest in dem Band nicht explizit gestlört.


>Damals hatte ich mir auch ganz fest vorgenommen, Murakami zukünftig nur noch englishc zu lesen. Wenn er nur nicht so dick wäre, dieser letzte...


Ich bin ja ungeduldig gewesen - die deutsche Ausgabe erschien früher. Jetzt wäre es keine Frage, ich würde mich durch die englische Ausgabe "arbeiten" wollen. Ein zweites Lesen lohnt sich m. E. aber nicht.


>PS: du hast ohnehin eine starke Japan-Affinität, oder täuscht mich das? *g*


Woran merkt man das?


;-)


Sayonara
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Re: Haruki Murakami, KAFKA ON THE SHORE

Beitragvon Daniela » 11.03.2005, 14:19


Konichiwa, Marcel-San ;-)


[i]Hm, wie ist es dir bei "Nach dem Beben" ergangen? Die Geschichte in Thailand hatte sich mir erst in der deutschen Übersetzung erschlossen, die Übertragung hatte mich zumindest in dem Band nicht explizit gestört.[/i]


Naja, ich hab bei Erzählungen ja ohnehin immer das Problem, dass sie mir eigentlich zu kurz sind und ich oft nicht so recht reinkomme. Aber an ein explizites Verständnisproblem bei der Thailandgeschichte kann ich mich jetzt eigentlich nicht erinnern...



[i]PS: du hast ohnehin eine starke Japan-Affinität, oder täuscht mich das? *g*
Woran merkt man das?[/i]


Weil Marcel so ein typisch japanischer Familienname ist natürlich ;-))))


LG, Daniela

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Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

Beitragvon Daniela » 10.08.2007, 22:13


Haruki Murakami - Kafka am Strand (TB), btb Frühjahr 2006, 637 Seiten

Länger schon weiß Kafka Tamura, dass er sich auf ein außergewöhnliches Leben vorbereiten muss. Dass er seinen Vater verlassen muss, denn dieser hatte ihm prophezeit, dass er ihn - den Vater - töten werde sowie sowohl mit seiner Schwester als auch mit seiner Mutter sich sexuell vereinigen werde. Ödipus, oh Ödipus, wir wissen doch - wer mit diesem Fluch geschlagen ist, kann sich auch durch Flucht nicht retten.

Und genau das versucht Kafka Tamura. Im Bus lernt er eine junge Frau kennen, die ihn an seine Schwester - die er kaum kannte, weil sie und die Mutter schon vor sehr vielen Jahren verschwunden sind - erinnert.
Um in der neuen fremden Stadt nicht aufzufallen, besucht Kafka sehr rasch auch hier wieder einen Ort, den er schon in der Vergangenheit zu schätzen gelernt hat: eine Bibliothek.

Aber bald schon gibt es einen Abend, da gibt es in seinem Leben ein großes Loch in seinem Gedächtnis; er ist blutverschmiert und selbst dennoch nicht verletzt.

In einer anderen Stadt ist es dieser Abend, an dem ein offensichtlich geistig zurückgebliebener Mann behauptet, einen Menschen auf dessen Geheiß hin ermordet zu haben...

Und so weiter und so weiter. Eine absurde Geschichte - gut, das ist man bei Murakami ja gewöhnt. Aber bislang waren seine Erzählstränge für mich dennoch immer in sich schlüssig und auch dramaturgisch gut aufgebaut. Das ist hier nur in einem der Nebenstränge - der dann leider auch nicht wirklich aufgelöst wird - der Fall, bei Herrn Nakata und seinen Katzen.

Aber in diesem Roman wurde die Ödipus-Geschichte mit einem - mir - absurd erscheinenden Naturmythos vermengt und dann aufs Kitschigste weitererzählt.

Dennoch - es ließ sich trotzdem lesen. Aber Freude hatte ich daran keine - dabei war ich auf diesen Roman eines meiner absoluten Lieblingsautoren doch schon so gespannt gewesen, trotz der teilweise ja recht negativen Kritiken...
Von meiner Seite definitiv keine Empfehlung.
Daniela

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Re: Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

Beitragvon bettina » 01.09.2007, 20:59



>Von meiner Seite definitiv keine Empfehlung.


Hallo Daniela, von deinen berichten habe ich vor Jahren zum ersten mal von murakami erfahren, und dann mehrere buecher von ihm gelesen. Kafka on the beach im letzten griechenland urlaub. Es war ein Glueck, dass ich im Urlaub natuerlich nicht genug buecher mithatte und deshalb einfach weiter lesen musste, wenn es mir auch manchmal schwerfiel. am ende fand ich, dass es sich sehr gelohnt hat, wenn auch einige der - vielen, vielen - handlungsstraenge absolut fantastisch sind. Er vermittelt aber irgendwie das gefuehl einer absoluten realitaet, irgendwie kann man sich vorstellen, dass diese dinge so passiert sind und die menschen, die sich aufs abenteuerlichste treffen und einfach so aufeinander einlassen, eben nicht verrueckt sind. sehr interessant fand ich auch die "selbstzitate", die er ueberall unterbringt (katzen usw.) so dass man ein regelrechtes deja vu gefuehl bekommt.
ich fand das buch also sehr beeindruckend und schenkte es meinem vater, der ein echter literaturkenner ist, und dieser hat es nach wenigen kapiteln weggelegt, weil ihm davon uebel wurde, sowas hatte ich noch nie von ihm gehoert.
das kann man also zusammenfassend doch sagen, es ist ein buch, das keinen kalt laesst....
alles gute bettina

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Re: Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

Beitragvon Dana » 27.08.2015, 11:01

Unglaublich aber wahr: Ich lese nach etwa 10 Jahren mal wieder ein Buch von Murakami, dank oder wegen meiner Lesegruppe ;)

Nach "Gefährliche Geliebte", "Wilde Schafsjagd" und "Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah" ist er mir zu ausführlich und fantastisch geworden.

Vielleicht ist es jetzt auch der richtige Zeitpunkt für dieses Buch, oder ich habe Murakami schon immer unterschätzt, aber ich entdecke plötzlich einen großartigen Erzähler :-)

Mal schauen, ob ich die 600 Seiten durchhalte ;)

LG,
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Ich lese gerade:

A. L. Kennedy: Der letzte Schrei
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Re: Haruki MURAKAMI - Kafka am Strand

Beitragvon Kioki » 30.08.2015, 11:34

Hallo Dana, mir hat Kafka am Strand auch sehr gut gefallen, ebenso die Kurzgeschichten (wie ich eines Morgens im April....)

1Q84 war mir einfach zu kitschig, und die neueren Bücher von ihm habe ich dann nicht mal mehr angelesen.

Viel Spaß noch, Gruß, Kioki
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