Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Hier ist Raum für alles rund um Bücher: Eindrücke nach dem Lesen, Rezensionen, Fragen, Austausch...

mein 2. Irving: Mittelgewichtsehe

Beitragvon Claudia HH » 18.11.2004, 16:56

damit fange ich Ende der Woche an...wer auch?
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Re: mein 2. Irving: Mittelgewichtsehe

Beitragvon Danni » 18.11.2004, 19:59


>damit fange ich Ende der Woche an...wer auch?


Hallo Claudia HH,
das war "damals" mein 1. Irving, leider bin ich über ein paar Seiten nicht hinausgekommen, genauso ging es mir mit "Witwe für ein Jahr".
Hab deshalb beschlossen, nix mehr von Irving anzufangen.
Wünsche Dir aber viel Spaß beim Lesen!
LG von Danni!

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Re: mein 2. Irving: Mittelgewichtsehe

Beitragvon Claudia HH » 19.11.2004, 10:14


Hallo Danni,
Ohje...früher war mir Irving immer zu "spinnerig", jetzt war ich von "Gottes Werk..." so begeistert, dass ich mich an weitere ran trauen wollte...die mir lt. Klappentext vergleichsweise reell erschienen....mal sehen, ob der Schein trügt...
LG von C.
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Re: mein 2. Irving: Mittelgewichtsehe

Beitragvon Daniela » 20.11.2004, 00:02

Ach, ich fand die Mittelgewichtsehe gar nicht so spinnerig, wenns auch nicht mein Lieblings-Irving ist. Aber er hat schon ne Menge großartiger Momente ;-)

Und für mich hat der Roman auch gewonnen, als ich ihn mit Abstand von ein paar Jahren erneut gelesen habe.

LG, Daniela
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Re: mein 2. Irving: Mittelgewichtsehe

Beitragvon Austen » 23.11.2004, 14:38


Mittelgewichtsehe kenne ich noch nicht, aber über den Irving lasse ich nix kommen, auch wenn ich nicht alles von ihm mag. Ich finde, er schreibt wunderbar, gefühlvoll, fantasievoll, überraschende Momente gibt es auch immer wieder - kurzum einer meiner Lieblingsschriftsteller!
lg Austen

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Re: mein 2. Irving: Mittelgewichtsehe

Beitragvon Dora » 24.11.2004, 11:58


>damit fange ich Ende der Woche an...wer auch?

... ich würde abraten, weil es von Irving viel Besseres gibt. Ist es nicht auch schlauer, chronologisch zu lesen, also nach Gottes Werk erstmal Owen Meany usw. und die früheren Romane danach anzufangen?
Obwohl die Mittelgewichtsehe meiner Meinung nach nicht Irvings schlechtestes Buch ist, macht sie aber auch nicht unbedingt Lust auf mehr.


LG


Dora

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Re: mein 2. Irving: Mittelgewichtsehe

Beitragvon Claudia HH » 29.11.2004, 11:41


Hallo Dora,


chronologisch zu lesen mag schlau sein, aber nicht mein Ding...ich mache mich querbeet einfach an die Bücher, die mich von den Klappentexten her reizen. Dabei wollte ich zunächst Bücher vermeiden, die mir schon vom Klappentext her zu skuril erscheinen (Bären u.a.). Auf meiner Wunschliste ganz oben stehen z.B. "Owen Meany" und "die vierte Hand".


Die "Mittelgewitsehe" macht (wie du sagst auch meine Meinung nach)nicht viel Lust auf Irving, vertreibt sie aber auch immerhin nicht. Ich allerdings fand nicht richtig Zugang zu den Personen und v.a. den Hintergründen, die sie bewegen.


Jetzt lege ich erstmal ne Irving-Pause ein (nicht wegen dem letzten Buch sondern weil ich hoffe einen zum Nikolaus zu kriegen).


Grüße von Claudia HH

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Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Barbara » 17.08.2009, 05:46

Hallo Ihr Lieben,

die "Mittelgewichtsehe" habe ich nun beendet und meine Eindrücke sind auch eher "mittelgewichtig": Ich bin weder total begeistert noch total enttäuscht.
Meine Eindrücke spalten sich:
Einerseits finde ich, dass Irving sehr gut schreibt und der nüchterne, klare Sprachstil hier trotz der Thematik oder gerade wegen dieser Thematik passend ist. Mir gefällt auch, wie er die einzelnen Personen darstellt und ihre Gefühle, Ängste und Gedanken wiedergibt. Es ist sehr real, kein bisschen konstruiert oder übersteigert und daher sehr gut nachzuvollziehen. Seine Beschreibungen der sexuellen Handlungen empfinde ich nicht schlimm und auch nicht zu übergewichtig. Nachdem, was ich über das Buch gehört und gelesen habe, hätte ich Deftigeres und auch mehr erwartet.

Auf dem Klappentext wird die FAZ zitiert, die ihn in diesem Buch mit Nabokov vergleicht. Da ist etwas dran: Die Art wie er Sätze formuliert, Inhalte wiedergibt und Situationen und Stimmungen zeichnet kommt dem Stil Nabokovs in "Lolita" schon nahe; finde ich.

Aber dennoch hat mich das Buch nicht gefesselt. Immerhin brauchte ich für die wenigen Seiten doch 6 Tage. Warum ich keinen Lesesog entwickeln konnte, kann ich noch nicht einmal genau beschreiben. Ich kann auch nicht sagen, dass mich das Buch gelangweilt hat. es ist seltsam, aber ich kann kein abschließendes Fazit über zum Buch ziehen.
"Witwe für ein Jahr" habe ich vor Jahren gelesen und da ging es mir ähnlich: Ich brauchte lange für das Buch und konnte auch nicht so richtig erklären, was mich so lange aufegahlten hat während des Lesens. Auch da konnte und kann ich keine zusammenfassende Meinung äußern.

"Eine Mittelgewichtsehe" ist mein 2. Irving gewesen. "Gottes Werk und Teufels Beitrag" kenne ich nur als Film, der mir gut gefallen hat und mich auch sehr berührt hat.

In meinem SUB steht jetzt noch "Bis ich dich finde". Nun bin ich natürlich gespannt, wie es mir beim Lesen dieses Buches ergeht.
Hat von Euch schon jemand das Buch gelesen?
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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Valentine » 17.08.2009, 12:31

Hier findest Du einen Thread zu "Bis ich dich finde".

Mir hat es sehr gut gefallen, Daniela war, wenn ich mich recht entsinne, weniger begeistert ... gut, bei mir traf das Buch mit seiner Orgelmusik auch einen sehr speziellen Nerv ;)
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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Barbara » 17.08.2009, 14:36

Liebe Valentine,

ganz lieben Dank für den Link. Ich habe ihn gelesen und auch die weiteren Gedanken dazu aus diesem Strang. Schade, es hat mich ein bisschen enntäuscht. Da ich diese Thematik nach "Lolita" und "Mittelgewichtsehe" nun nicht direkt im Anschluss brauche, wird das Buch wohl noch ein bisschen vor sich hinsubben müssen, bevor ich mich seiner erbarme.
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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Daniela » 18.08.2009, 08:14

Hallo Barbara,
bei mir hatte die "Mittelgewichtsehe" auch anfangs gar keinen so guten Stand, ich fand es eher durchschnittlich - bei mir hat das Buch nach dem zweiten Lesen deutlich gewonnen. (ich habe damals mal alle Irvings hintereinander neu gelesen). Utsch fand ich eine sehr interessante Figur, hat sich mir tief eingeprägt.

Kurz vor meiner ersten Lektüre der Mittelgewichtsehe hatte ich auch Updikes "Ehepaare" gelesen, das sicher das deutlich literarischere Werk ist (und mM nach Irving sicher beeinflusst hat). Vom Inhalt ist mir hier nicht viel in Erinnerung geblieben, nur, dass mir damals die geschilderte Welt des Fremdgehens etc. völlig fremd erschien. Meine Prägung ist in der Hinsicht einfach gänzlich anders...

Meiner Einschätzung nach könntest du auch eher zu den Lesern zählen, die Irvings "Bis ich dich finde" eher ablehnen - aber ih kann mich ja täuschen ;-)

LG,
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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Barbara » 18.08.2009, 09:28

Liebe Daniela,

das ist ja das seltsame an diesem Buch: Ich finde es nicht schlecht, vor allem die Zeichnung der einzelnen Charakteren sind sehr real, vielschichtig und tief und bleiben einem, genau wie Du es sagst, lange in Erinnerung.
Und dennoch. Irgendetwas fehlt diesem Buch, was mich dazu hätte bewegen können, es in einem Rutsch zu lesen.

Ob ich "Bis ich dich finde" mag, wird sich zeigen. Allerdings bin ich nun echt neugierig geworden. Mal sehen, eventuell lese ich es doch früher, als gedacht. ;)
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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Alex70 » 19.08.2009, 13:41

Liebe Barbara,

da ich "Eine Mittelgewichtsehe" Mitte der 90er gelesen habe, sind mir zwischenzeitlich leider viele Details entfallen. In Erinnerung geblieben ist mir eine unterhaltsame, machmal grotesk anmutende Schilderung eines (vorübergehenden) Partnertausches. Spannend finde ich den aufgeworfenen Kontext "Liebe - Sex - Macht". Wer erträgt oder genießt welche Rolle? Generell sicher auch in Deutschland noch ein Tabuthema, das selten konkret öffentlich diskutiert wird.

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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Barbara » 19.08.2009, 14:35

Lieber Alex,
Alex70 hat geschrieben:da ich "Eine Mittelgewichtsehe" Mitte der 90er gelesen habe, sind mir zwischenzeitlich leider viele Details entfallen. In Erinnerung geblieben ist mir eine unterhaltsame, machmal grotesk anmutende Schilderung eines (vorübergehenden) Partnertausches. Spannend finde ich den aufgeworfenen Kontext "Liebe - Sex - Macht". Wer erträgt oder genießt welche Rolle? Generell sicher auch in Deutschland noch ein Tabuthema, das selten konkret öffentlich diskutiert wird. VG Alex


Die psychologische Seite der Geschichte empfand ich ebenfalls als sehr interessant und auch sehr gut beleuchtet, zumal, wie Du schreibst, die gesamte Thematik ein Tabu-Thema ist. Daher finde ich es auch gut, dass Irving so offen alle Details - dazu gehören für mich dann auch die sexuellen Handlungen, die er beschrieben hat - miteinfließen lässt. Denn im Grunde ist die Art wei Menschen sich sexuell begegnen oft sehr aussagekräftig hinsichtlich ihres Empfindens innerhalb einer Beziehung und gehört daher unbedingt mit dazu. Würde er dies weglassen, würde ein wichtiges Element fehlen.

Das das ganze Thema sehr schwierig ist, haben wir vor Jahren im Freundeskreis erlebt: Zwei Pärchen, die sich sehr gut verstanden haben und immer mehr zu viert miteinander unternommen haben, sodass es schon auffällig wurde, haben sich schließlich zu ihren Gefühlen berkannt und dauerhaft die Partner getauscht. In neuer Konstellation leben beide Paare heute noch zusammen; allerdings befreundet sind sie nun nicht mehr, was mich persönlich gewundert hat, da beide Paare doch nun haben, was sie wollten und keiner leer ausging. Für uns alle, die wir mit den Vieren befreundet waren, war es schwierig, da wir auch nicht so recht damit umzugehen wussten.
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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Alex70 » 19.08.2009, 16:27

Liebe Barbara,

das Thema "Tabu-Thema" stellt eigentlich ein eigenes diskussionswürdiges Thema dar. Gibt es gute und schlechte Tabus und wie geht (gute oder schlechte) Literatur mit solchen Tabus um? Klar ist, dass das Thema "praktizierte Sexualität" zu den sensibelsten Themen überhaupt gehört und damit für Tabuisierungen geradezu prädestiniert ist. Irving bricht diese Art von Tabuisierungen regelmäßig, weil er sie für die Beschreibung von Persönlichkeiten für äußerst relevant hält, ohne jedoch in pornographische Beschreibungen abzugleiten. Irving lehnt sich damit nicht zuletzt an Sigmund Freud an, auf den meines Wissens die Differzierung zwischen Ich (bewußte Ebene), Über-Ich (unbewußte Ebene) und Es (sexueller Trieb) zurück geht. Literarisch hat Irving Freud im Roman "Das Hotel New Hampshire" ein Denkmal gesetzt. Bei genauerem Hinsehen kann man übrigens feststellen, dass das Irving'sche Personal häufig medizinisch exakt dargestellte Psychopathologien und Traumata verkörpert und sich mit diesen Befindlichkeiten herumschlagen muss, ohne dabei - von der sensationsgierigen Boulevardpresse abgesehen - eine emotional aufrichtige (öffentliche) Anteilnahme zu erfahren. Zu Deiner Schilderung aus Deinem Bekanntenkreis möchte ich nur anmerken, dass typscherweise in solchen Konstellationen emotionale Verletzungen auftreten, die nicht verbalisiert werden und die den Handelnden vielleicht auch nicht bewußt sind. Aufgrund der allgemeine Tabuisierung von sexuellen Themen sind diese meiner Meinung nach außerdem häufig mit einem starken Schamgefühl besetzt.

Viele Grüße

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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Barbara » 19.08.2009, 19:27

Lieber Alex,
Alex70 hat geschrieben: (...)das Thema "Tabu-Thema" stellt eigentlich ein eigenes diskussionswürdiges Thema dar. Gibt es gute und schlechte Tabus und wie geht (gute oder schlechte) Literatur mit solchen Tabus um?


Da hast Du recht. Das wäre wirklich mal interessant zu beleuchten und zu vergleichen. Auch zu vergleichen wie schreiben Frauen darüber und wie die Männer oder ändert sich die Sichtweise im Laufe des Lebens, sprich wie schreiben ältere Autoren und wie jüngere Autoren darüber.

Ich finde auch, dass Irving in keiner seiner Beschreibungen pornographisch wurde - deutlich und sehr realistisch - ja, aber nicht voyeuristisch. Und das muss man auch erst einmal hinkriegen.

Irving lehnt sich damit nicht zuletzt an Sigmund Freud an, auf den meines Wissens die Differzierung zwischen Ich (bewußte Ebene), Über-Ich (unbewußte Ebene) und Es (sexueller Trieb) zurück geht. Literarisch hat Irving Freud im Roman "Das Hotel New Hampshire" ein Denkmal gesetzt. Bei genauerem Hinsehen kann man übrigens feststellen, dass das Irving'sche Personal häufig medizinisch exakt dargestellte Psychopathologien und Traumata verkörpert und sich mit diesen Befindlichkeiten herumschlagen muss, ohne dabei - von der sensationsgierigen Boulevardpresse abgesehen - eine emotional aufrichtige (öffentliche) Anteilnahme zu erfahren.


Diese Differenzierung geht auf Freud zurück und auch die mit seinen Deutungen immer wieder verbundene Ebene der Sexualität. Was Du über die Psychopathologien und Traumata schreibst, ist sehr interessant. Du scheinst Dich wirklich sehr intensiv mit dem Werk auseinandergesetzt zu haben. Übrigens ist das "Das Hotel New Hampshire" das Lieblingsbuch eines Freundes von uns, der auch immer wieder gerne in den psychologischen Sphären der Menschen herumdeutelt. Ich habe es noch nicht gelesen ,weil es mich thematisch noch gar nicht gereizt hat.

Zu Deiner Schilderung aus Deinem Bekanntenkreis möchte ich nur anmerken, dass typscherweise in solchen Konstellationen emotionale Verletzungen auftreten, die nicht verbalisiert werden und die den Handelnden vielleicht auch nicht bewußt sind. Aufgrund der allgemeine Tabuisierung von sexuellen Themen sind diese meiner Meinung nach außerdem häufig mit einem starken Schamgefühl besetzt.


Dass dort Einiges an Verletzungen und Unausgesprochenem gab, ist mit Sicherheit so, denn sonst wären alle vier sicherlich noch befreundet. Oft ist es so, dass derjenige oder, in diesem Falle, die beiden, die das Tabu brechen, immer die Bösen sind. Auch wenn die anderen beiden Nutznießer sind.
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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Barbara » 20.08.2009, 05:49

Lieber Alex,

was mir am Aufbau des Buches auch sehr gut gefallen hat, war die Art und Weise, wie Irving die einzelnen Personen, deren Geschichte, ihre Psyche immer wieder einzeln aufgreift, beleuchtet und dann den Bogen zur Gegenwart und zum eigentlichen Thema zieht und damit diese Person in den Gesamtzusammenhang zurückführt.

Dadurch kann sich der Leser sehr viel besser in die Verhaltensweisen eines jeden hineinversetzen, ohne den Zusammenhang aus den Augen zu verlieren oder sich zu sehr nur mit einer Person zu "identifizieren". Immer wenn man Gefahr liefe, dies zu tun, kommt es zu einem "gedanklichen Bruch" und die nächste Person wird in den Focus geschoben. Das ist schon toll gemacht.
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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Alex70 » 20.08.2009, 08:29

Liebe Barbara,

mich als Mentor des Irving'schen Oeuvres freut natürlich, dass Du Dich nach einer "mittelgewichtigen" Erstbeurteilung zumindest tendenziell einer verbesserten Gesamtbeurteilung gegenüber aufgeschlossen zeigst. Hervorzuheben ist meiner Ansicht nach noch der Aspekt, dass Irving typischerweise Entwicklungsromane schreibt, d.h. er als Autor begleitet - wie ein imaginärer Freund - seine Hauptfiguren durch die Höhen und Tiefen ihres Lebens und beschreibt, welche Weiterentwicklungen gelingen und welche nicht. Bei der Mittelgewichtsehe ist dies gerade im Vergleich der vier involvierten Partner interessant geschildert. Ich würde diese Betrachtungen allerdings nicht als "herumdeuteln" bezeichnen. Der Begriff hat für mich ein gewisses pejoratives Geschmäckle, das auf eine unangemessene Distanzlosigkeit hinzudeuten scheint. Durch die anonymisierte Schilderung fiktiver Charaktere ist meiner Meinung nach in ausreichender Weise dafür gesorgt, dass nicht Einzelschicksale - wie in der Boulevardpresse - voyeuristisch zur Schau gestellt werden, sondern ein eher ungeschminkter, vielleicht sogar mikroskopischer, jedoch stets herzlicher Blick auf mentale Phänomene unserer Zeit geworfen wird. Wer also Interesse an der Lektüre von mehr oder weniger schrägen Lebens- und Familienverhältnissen und den dahinter verborgenen mentalen Befindlichkeiten hat, wird von Irving bestens bedient. Selbstverständlich konzediere ich, dass auch andere Autoren in dieser Hinsicht interessante Stoffe zu bieten haben.

LG Alex
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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Barbara » 20.08.2009, 19:57

Lieber Alex,

mit Deinen, wie mir scheint, sehr fundierten Ausführungen zu Irving, machst Du ihn mir zunehmend schmackhaft und interessant. Ich kann Deine Gedanken auch nachvolltiehen, da ich es ebenfalls so sehe, zumindest von Lesegefühl her, da ich mich mit Irving bis jetzt nicht näher befasst habe.

Grundsätzlich lese ich (und andere sicherlich auch) Bücher ganz anders, wenn ich mehr als den "normal" zugänglich Hintergrund kenne. Genau mit diesem tiefer gehenden Wissen wird es im Grunde interessant über ein Buch zu sprechen.
In diesem Zusammenhang fällt mir wieder auf, wie wenig man sich im Grunde mit Sekundärliteratur zu bestimmten Büchern und Autoren beschäftigt. Das ist sehr schade, denn man bekäme ein ganz anderes, viel tiefer gehendes Bild von dem, was man liest.

Gut bei allen Büchern ist dies nicht nötig. Aber, bei vielen wäre es auch sicherlich hilfreich. Gerade Autoren, die eher einen weniger leicht zu durchschauenden Stil haben und von "mehr oder weniger schrägen Lebens- und Familienverhältnissen und den dahinter verborgenen mentalen Befindlichkeiten" wie Du es so schön bezeichnest, schreiben, könnte man mit mehr Wissen über ihre Beweggründe und deren geistigen und emotionalen Hintergrund, "effektiver" lesen.

Daher danke ich Dir schon mal für Deine Informationen und werde sie beim Lesen des nächsten Irvings im Hinterkopf behalten.
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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Alex70 » 21.08.2009, 15:21

Liebe Barbara,

bin natürlich gespannt, ob Du Deine neuen Eindrücke bei der Lektüre eines anderen Irvings bestätigt sehen wirst. Ich finde es nicht schlimm, wenn man bei der ersten Lektüre eines Buchs nicht alle Datails entdeckt. Nimmt man ein Buch (nachdem es einem gut gefallen hat) später noch einmal zur Hand, trifft man alte Freunde wieder und hat einen besseren Blick für die Details, weil man den gesamten Handlungsrahmen schon kennt (ähnlich wie bei einer Musik-CD). Zu Irving habe ich übrigens nur wenig Sekundärliteratur gelesen, seine Weltanschauung bzw. die Komplexitäten und Absurditäten des zwischenmenschlichen Miteinanders, wie er sie mit seinen Figuren beschreibt, trifft einfach mein Lebens- bzw. Lesegefühl.

VG Alex
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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Barbara » 21.08.2009, 16:05

Lieber Alex,

ich habe mal ein bisschen über Irving recherchiert und festgestellt, dass "Eine Mittelgewichtsehe" eines seiner ganz frühen Bücher ist, noch vor "Garp" und "Das Hotel in New Hampshire". "Bis ich dich finde" ist, bis zur Erscheinung des neuen Buches im Oktober, sein jüngstes und Werk.

Da er in seinen Inhalten immer wieder ähnliche Themen aufzugreifen scheint, wird "Bis ich dich finde" auch "ähnlich gelagert" sein, wie seine anderen Bücher.
Was die Themen angeht, so scheinen sie mir sehr stark aus seinem Umfeld zu kommen, sprich sein Leben und auch er selbst scheinen wohl ähnlich skurril zu sein wie seine Bücher.

Ich kam darauf, etwas über ihn in Erfahrung zu bringen, weil ich mich fragte, warum er ständig übers Ringen schreibt bzw. warum in seinen Büchern das Ringen häufig eine Rolle spielt. Nun weiß ich es: Er war selbst Ringer. Da drängt sich mir natürlich die Frage auf, ob er eigene Züge in seine Figur des Severins in "Eine Mittelgewichtsehe" gelegt hat.
Ob mir sein Stil auf Dauer gefällt, kann ich noch nicht sagen, denn wenn auch seine Themen interessant sind, so gibt es doch immer wieder Typen und Szenerien, die meinen Gedanken sehr entfernt sind. Aber wer weiß, manchmal macht genau solche ein Gegensatz eine Begeisterung für ein Buch aus.

Du siehst, es bleibt spannend.
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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Daniela » 21.08.2009, 18:42

Hallo Barbara,
ich habs noch nicht ins neue Design überarbeitet, aber ich hatte mich mit John Irving ziemlich viel beschäftigt:

http://www.die-leselust.de/autoren/irving_john.htm

Alex, schöne Ausführungen, kann ihnen in weitem Maße aus meiner eigenen Erfahrung mit dem Autor zustimmen! Hast du eigentlich auch "Bis ich dich finde" bereits gelesen?

LG,
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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Barbara » 21.08.2009, 19:23

Liebe Daniela,

danke für den Link. Ich habe Deine Ausführungen kurz überflogen. Es sind noch gute Ergänzungen zu dem, was ich im Netz gefunden habe, darin. Ich werde es mir abspeichern und dann noch einmal genauer und in Ruhe lesen.
Ganz lieben Dank!!
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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Alex70 » 22.08.2009, 17:24

Liebe Barbara,

weitere wiederkehrende Motive sind - neben dem Ringen - insbesondere die Stadt Wien und Bären. Mit Wien verbindet Irving eine eigenen Studienaufenthalt, wobei er in einem Interview geäußert hat, dass er das Klima in der Stadt nicht nur in angenehmer Erinnerung hat, sondern teilweise auch als fremdenfeindlich und antisemitisch. Dennoch scheint Wien (vielleicht wegen S. Freud) für ihn ein zentraler Bezugspunkt zu sein, es taucht u.a. in Lasst die Bären los, Das Hotel New Hampshire , und - wenn ich mich richtig entsinne - auch in der Mittelgewichtsehe auf. Den Grund dafür, warum er das Motiv der Bären häufiger verwendet, kenne ich nicht. Ich vermute, dass es ein metaphorischer ist. Der (Zirkus- / Zoo-) Bär als gezähmte, dressierte, teilweise entwürdigte Kreatur. Andere Interpretationen sind sicher auch denkbar und schließen sich auch nicht gegenseitig aus.

VG Alex
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Re: Irving, John: "Eine Mittelgewichtsehe"

Beitragvon Barbara » 23.08.2009, 07:40

Lieber Alex,

danke für Deine Ergänzungen. Danielas Link habe ich auch gelesen und er ergänzt wunderbar die Dinge, die ich im Netz über ihn gefunden habe.
Was ich aber auch nicht herausgefunden habe, ist die Bedeutung der Bären, die Du ansprichst. Aber die Deutung(en), die Du darin siehst, klingt(en) durchaus plausibel und passend.
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