Herta Müller - Atemschaukel

Hier ist Raum für alles rund um Bücher: Eindrücke nach dem Lesen, Rezensionen, Fragen, Austausch...

Büchner-Preis an Oskar Pastior

Beitragvon Claudia » 14.05.2006, 12:00

Hallo,


die Meldung habe ich gerade bei Spiegel Online entdeckt.
Leider kenne ich weder den Autor, noch habe ich ein Werk von ihm gelesen.
Kenn ihn jemand von Euch?


Schönen Sonntag,
Claudia

- Claudia -

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Re: Büchner-Preis an Oskar Pastior

Beitragvon Tomke » 14.05.2006, 13:21


Ich kenne ihn nur als Lyriker. Hat er auch andere Sachen geschrieben?? Bestimmt weiß Dana mehr, außerdem würde mich interessieren, ob ihr untrüglicher Sinn für Vorahnungen auch diesmal funktioniert hat. Letztes Jahr hatte sie mit B Kronauer ja den richtigen Riecher!


LG
Tom


>Hallo,
>die Meldung habe ich gerade bei Spiegel Online entdeckt.
>Leider kenne ich weder den Autor, noch habe ich ein Werk von ihm gelesen.
>Kenn ihn jemand von Euch?
>Schönen Sonntag,
>Claudia

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Re: Büchner-Preis an Oskar Pastior

Beitragvon Dana » 15.05.2006, 10:06


[b]Die drei in Berlin lebenden Autoren Herta Müller, Oskar Pastior und Ernest Wichner waren im letzten Sommer auf den Spuren der Deportation Rumäniendeutscher in die Ukraine am Ende des Zweiten Weltkrieg unterwegs.


Sie reisten zu den Stätten ehemaliger Lager und suchten nach Spuren der damaligen Deportationen von Angehörigen der deutschen Minderheit. Oskar Pastior wurde mit siebzehn Jahren deportiert und konnte erst nach fünf Jahren Zwangsarbeit auf Kohlehalden in seine Geburtsstadt zurückkehren. Herta Müllers Mutter und Ernest Wichners Vater waren ebenfalls fünf Jahre in Arbeitslagern in der ehemaligen Sowjetunion. Oskar Pastior, Herta Müller und Ernest Wichner sind nach mehr als 50 Jahren im Frühjahr 2004 gemeinsam auf
Spurensuche gegangen. Das Autorentrio präsentiert Eindrücke der Reise und liest aus den entstandenen Texten.[/b]


@TOM: ich muss dich enttäuschen, ich habe in diesem Jahr nicht mal die Zeit gehabt, mir darüber Gedanken zu machen *gggg* (Wobei wenn man bedenkt, dass nun wieder ein Lyriker fällig war ... ich hätte allerdings auf Robert Gernhardt getippt)


LG,
Dana


LG,
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Re: Büchner-Preis an Oskar Pastior - leider zu spät ...

Beitragvon Dana » 05.10.2006, 09:44


Es kam gerade in Radio - er ist gestorben ... In 2 Wochen hätte er den Preis in Empfang nehmen können ...


Traurige Grüße
Dana

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Re: Büchner-Preis an Oskar Pastior - leider zu spät ...

Beitragvon Anja » 05.10.2006, 12:56


>Es kam gerade in Radio - er ist gestorben ... In 2 Wochen hätte er den Preis in Empfang nehmen können ...
>Traurige Grüße
>Dana



Und am 1.11. war eine Lesung in der Stadtbibliothek Bielefeld geplant- er war auch schonmal hier im Rahmen des Bielefelder Colloquiums "Neue Poesie".



[i]Der Sprachakrobat und einzigartige Lyriker Oskar Pastior wurde in Siebenbürgen, Rumänien, geboren, studierte Deutsch in Bukarest und schreibt seit 1969 („Vom Sichersten ins Tausendste“) in Berlin. Er ist uns auch als Mitglied des Bielefelder Colloquiums Neue Poesie wohl bekannt. Nun wird er mit dem wichtigsten Literaturpreis der Bundesrepublik, dem Büchner- Preis, am 12. Oktober 2006 ausgezeichnet.
Oskar Pastiors unnachahmliche Interpretation seiner eigenen sinnlich-mehrsinnigen Texte trifft auf Gabriele Haslers aberwitzige Stimmkunst und Roger Hanschels sensibles Saxophonspiel: Klangpoesie in reinster Form. In dieser Besetzung entstand — unter anderem nach neuen, bislang unveröffentlichten Texten — die im Herbst 2006 erscheinende Lyrik-CD „frösche und teebeutel“. [/i]

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Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Dana » 17.08.2009, 14:14

Hallo zusammen,

irgendwie habe ich doch eine Alternative zu William Boyds "Eines Mesnchen Herz" gebraucht und dieses Buch angefangen:



Klappentext
Rumänien 1945: Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Die deutsche Bevölkerung lebt in Angst. "Es war 3 Uhr in der Nacht zum 15. Januar 1945, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15º C." So beginnt ein junger Mann den Bericht über seine Deportation in ein Lager nach Russland. Anhand seines Lebens erzählt Herta Müller von dem Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen. In Gesprächen mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden hat sie den Stoff gesammelt, den sie nun zu einem großen neuen Roman geformt hat. Ihr gelingt es, die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin in einer zutiefst individuellen Geschichte sichtbar zu machen.


In einer wunderbaren poetischen Sprache (allein der Titel *schwelg*) wird hier der Alltag in einem sowjetischen Arbeitslager dargestellt, aber auch das Leben der Siebenbürgen-Sachsen während / Ende des 2. Weltkrieges.

Es ist inhaltlich äußerst interessant und ein sprachliches Vergnügen dazu. (Hier werden einzelne Worte regelrecht gefeiert :) )

Nach den ersten 50 Seiten bin ich hin und weg.


Hier gibt es ein Interview mit der Autorin und hier eine Leseprobe.

LG,
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Tomke » 21.08.2009, 10:44

Der Deutschlandfunk hat dieses Buch im "Büchermarkt" als Buch der Woche vorgestellt. Ich habe die Sendung als Podcast heute morgen beim Frühstück gehört. ;)

Ich kann nur sagen: Großartig. Das Buch muß ich haben!
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Tomke » 24.08.2009, 09:45

Gestern las ich in der ZEIT eine interessante Doppelrezension des Buche.

Michael Nauman pries das Buch über alle Maßen als "Weltliteratur", während zu meiner großen Überraschung Iris Radisch dem Buch vorwarf, Kitsch zu produzieren.

Ein Vorwurf, den Radisch der Autorin macht, trifft m. E. ins Leere: Herta Müller fehle die eigene Gulag-Erfahrung, ihr Text produziere damit einen poetisch aufgeblasenen "Kunstschnee". Nun stützt sich die Autorin jedoch auf Gespräche mit und Aufzeichnungen von Oskar Pastior - vieles dessen, was Radisch als unauthentisch kritisiert, dürfte doch von Pastior stammen und daher durchaus authentisch sein?

Was meint Ihr?

LG
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Zuletzt geändert von Tomke am 24.08.2009, 11:51, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Dana » 24.08.2009, 10:26

Tomke hat geschrieben:Gestern las ich in der ZEIT eine interessante Doppelrezension des Buche.

Ein Vorwurf, den Radisch der Autorin macht, trifft m. E. ins Leere: Herta Müller fehle die eigene Gulag-Erfahrung, ihr Text produziere damit einen poetisch aufgeblasenen Kunstschnee. Nun stützt sich die Autorin jedoch auf Gespräche mit und Aufzeichnungen von Oskar Pastior - vieles dessen, was Radisch als unauthentisch kritisiert, dürfte doch von Pastior stammen und daher durchaus authentisch sein?

Was meint Ihr?

LG
Tom



Das ist Unsinn. Die Autorin hat nicht nur zusammen mit Oskar Pastior gearbeitet ( u.a. hat sie mit ihm zusammen auch die Gegend besucht, wo sich das ehemalige Lager befand -> dazu gab es im Stuttgarter Literaturhaus vor etwa 5 Jahren eine sehr bewegende Veranstaltung mit den beiden) sondern auch auf eigene Faust recherchiert. Ausserdem war auch ihre eigene Mutter deportiert, d.h. sie weiss wovon sie spricht wenn es um Auswirkungen geht ...

Einen interessanten Artikel über die Zusammenarbeit der beiden kann man bei Arte finden.

Was die Poesie in diesem Buch anbelangt, da hätte ich mir an manchen Stellen auch kleinere Dosen gewünscht. Das Buch darf man auf keinen Fall am Stück lesen ...

Ich habe das Buch zu Ende gelesen und sobald ich meine Gedanken sortiert habe, melde ich mich ausführlicher.

LG,
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Tomke » 24.08.2009, 11:50

Danke, Dana!
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Tomke » 24.08.2009, 14:01

Noch ein Gedanke: Iris Radisch ist ja eine der Jurorinnen beim Buchpreis. Ich denke, daß Herta Müller sicher ein möglicher Favorit für den Preis ist. Ist es da klug, sich im Vorfeld schon so sehr zu positionieren? Sollte Herta Müller den Preis erhalten, wissen wir jedenfalls schon, wer nicht dafür gestimmt hat... 8-)

Andererseits kann man von den Juroren ja auch nicht verlangen, jetzt zwei Monate lang über alle 20 Bücher auf der Longlist Schweigen zu bewahren...
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Tomke » 01.09.2009, 16:14

Ich habe jetzt etwas über 100 Seiten gelesen.

Bisher kann ich sagen:
Das ist ein bedeutendes, großartiges Buch.
Ich würde mich freuen, wenn es den Preis gewinnt.
Es kommt sicher auf meine Top 2009-Liste.

Viele Grüße
Tom
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Dana » 02.09.2009, 09:26

Tomke hat geschrieben:Ich habe jetzt etwas über 100 Seiten gelesen.

Bisher kann ich sagen:
Das ist ein bedeutendes, großartiges Buch.
Ich würde mich freuen, wenn es den Preis gewinnt.
Es kommt sicher auf meine Top 2009-Liste.


Ganz deiner Meinung Tom :)

Ich habe das Buch vor ein paar Tagen beendet. Hier ein paar abschließende Gedanken von mir:

Leo Auberg wird 1945, mit 17 Jahren, aus Hermannstadt (Rumänien) in ein sowjetisches Arbeitslager deportiert und muss da 5 Jahre bleiben.
Nach 60 Jahren und anhand von Notizen, die er gleich nach der Befreiung gemacht hatte, erinnert er sich nun ...


Dabei entsteht keine lineare Geschichte, sondern eine Sammlung von Bildern / Flashes (=Kapitel), die sehr oft von einem einzelnen Begriff oder Person ausgehend, ein Aspekt des Lagerlebens darstellen. (Vom Eigenbrot zum Wangenbrot, Vom Fahren, Von der Kohle). Es sind existierende Begriffe, aber auch erfundene, bzw. mit Phantasie überladene: Hungerengel, Hasoweh, Herzschaufel, Atemschaukel, Meldekraut.

Auch Menschen stehen im Mittlepunkt solcher Bilder, so z.B. Irma Pfeifer, die Eintropfenzuvielglück hatte, oder die priviligierte Bea Zakel, der strenge Tur Prikulitsch, der zwar auch ein Internierter war, aber der Lagerleitung half, die irrsinnige Planton-Kati, der Advokat Paul Gast uvm.

Und überall schwirrt DER HUNGERENGEL herum, er wird fast zur Hauptfigur des Buches.

Gegen die Grausamkeit des Alltags hilft nur die Phantasie: So wird z.B.

das Kohleabladen zum Tanz

der Gestank der chemischen Substanzen zur Duftstraße

die Gaskohle namens HASOWEH zum Bild eines verwundeten Hasen.


Manche dieser Bilder prägen sich regelrecht ein. So z.B. das Bild der Kalkfrauen, die als Pferde eingesetzt werden, oder das des Weihnachtsbaumes aus Draht, geschmückt mit Brotkugeln, oder die fast grotesken Tanzveranstaltungen.

Andere Bilder vergisst man vielleicht, doch insgesamt beweisen sie die schicksalhafte Kraft eines Satzes wie "Ich weiss, du kommst wieder."

Es ist also kein historischer Roman, es wird auch nicht nach Erklärungen gesucht, es ist eher eine Darstellung des Lagerlebens, der erniedrigenden Zustände da, der Überlebenskampfarten, auf der Suche nach der Würde des Einzelnen. Das geschieht anhand einer sehr poetischen Sprache, die mir in Ansätzen an Paul Celan erinnert hat.

Es gibt Menschen, die eine solche Sprache in Bezug auf GULAG ablehnen (wie I. Radisch in der ZEIT oder die Rezension in der TAZ, wo sie wie ein "falsches Kleidungsstück, das jemand sich übergeworfen hat" bezeichnet wird), es gibt andere (wie M. Naumann in der ZEIT), die sie akzeptieren und von ihr erreicht werden.

Mich hat dieses Buch auch sehr beeindruckt. Für mich hat diese "gewagte" Sprache, die Grausamkeit des Ganzen nochmals erhöht, hat mich selber zum Weiterphantasieren angeregt, den Bildern in meinem Kopf neue Impulse gegeben.

PS: Auch wenn vieles hier - laut Autorin erfunden ist, konnte ich nicht umhin, ständig an Oskar Pastior zu denken :(

LG,
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Gwenn » 02.09.2009, 11:26

Hallo zusammen,

ich erinnere mich im Frühsommer 2006 am Literarischen Colloqium Berlin eine Lesematinee mit Oskar Pastior und Herta Müller verfolgt zu haben. Beide Schriftsteller kündigten damals ein gemeinsames Projekt zur ‚Deportation‘– noch heute Tabuthema in der rumänischen Gesellschaft - an, das laut meiner Notizen allerdings bereits 2007 erscheinen sollte.

Oskar Pastior wies auf drei dicke Hefte hin, die er 7 Jahre nach seiner Heimkehr aus der Deportation in Bukarest mit Erinnerungen gefüllt hatte. Auch Herta Müllers Mutter war 5 Jahre lang deportiert gewesen.

Ca. 2004 hatten Oskar Pastior und Herta Müller den Ort in der Ukraine besucht, wo sich das Lager befand, ein Gebäude noch gut erhalten, andere in Ruinen. Oskar Pastior sprach von einem euphorischen Zustand, in dem er sich während des Besuches befand und nicht in Depressionen verfallend, wie Herta Müller es befürchtet hatte. Anekdotisch wurde noch berichtet, dass Oskar Pastior auf der Reise viel ass als Gegensatz zum erlittenen Hunger in der Lagerzeit.

Das Buch mit Herta Müller sollte in der Art von André Gides „Les Faux Monnayeurs“ (dt. Die Falschmünzer) geschrieben werden und trug den Arbeitstitel „Hunger, Engel, 1-2-3“. Von der Gattung her waren sich die Autoren noch nicht einig, eher kein Sachbuch, ein Roman vielleicht mit einem fiktionalen Ich, das nicht Oskar Pastior selbst darstellen sollte.

Herta Müller las aus dem sich in Arbeit befindenden Buch vor. Meine Notizen besagen, abgehackt, Rhythmus aber in typischer Synkope. Kurze Sätze, Dokumentation und Fiktion gehen ineinander über, grenzenlos und fliessend. Viele technische Wörter, die sehr poetisch klingen, und durchaus keine Metapher sind. Als Beispiele hatte ich aufgeschrieben Herzschauffel, Schwalbenschwanz (Arbeitsgeräte), Meldekraut (Pflanze).

Das jetzt erschienene Buch von Herta Müller „Atemschaukel“ habe ich noch nicht gelesen. Vielleicht später im Herbst, oder doch erst, wenn es als Taschenbuch greifbar ist.
Zuletzt geändert von Gwenn am 02.09.2009, 12:50, insgesamt 1-mal geändert.
Beste Grüsse - Gwenn.

Ich lese The Escape von Adam Thirlwell und höre Fegefeuer von Sofi Oksanen.
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Dana » 02.09.2009, 11:54

Liebe Gwenn,

vielen Dank für den schönen Bericht! Ich habe anscheinend dieselbe Veranstaltung in Stuttgart besucht, nur leider keine Notizen gemacht :(

Ich bin mir fast sicher, dir wird das Buch gefallen.

LG,
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Tomke » 07.09.2009, 13:23

In der FAZ gab es am Sonnabend eine hymnische Kritik von Michael Lentz:

http://www.faz.net/s/Rub79A33397BE83440 ... ntent.html

Dieses Buch kann und will keine Dokumentation, kein historischer Roman sein und ist schon gar nicht einem naiven Abbildrealismus verpflichtet. Mit seinem dichten Motivnetz schafft der Roman eine Intensität und Präsenz, die ihresgleichen in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur nicht hat.

„Atemschaukel“ ist mit Herzblut geschrieben. Es ist ein Manifest der Erinnerung und der Sprache, deren komplexes Verhältnis es auf ergreifende Weise bezeugt. Ein Meisterwerk.


Ich habe das Buch mittlerweile ausgelesen und kann mich M. Lentz und der lieben Dana nur anschließen. Es ist ein starkes, großartiges und bewegendes Buch. Sowas habe ich lange nicht gelesen.

Wie hier das Grauen des Lagers geschildert, verarbeitet, in Sprache gebracht und zugleich lebendig gehalten wird, das ist in der Tat preiswürdig.
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Jules » 02.10.2009, 08:12

Auch von meiner jetzigen Lektüre ein kleiner Zwischenbericht:

Ich finde den Einwand Iris Radischs, Herta Müller fehle es an Authentizität und Selbsterleben, um über ein Gefangenenlager zu schreiben absurd. Dana hat es ja hier schon eindrucksvoll widerlegt. Außerdem hat Herta Müller soviel Sensibilität und Einfühlungsvermögen, auch aufgrund eigener Erfahrungen mit Repression und Druck durch Staatsgewalt, dass es ihr nicht schwer fallen sollte, die menschliche Begrenztheitssituation in ein Stalinistisches Straflager hinüber zu übersetzen. Außerdem finde ich es höchst zweifelhaft, Erfahrungen gegeneinander auszuspielen, und Namen wie Sinjawskij und Grossmann, Kertesz oder Primo Levi ins Spiel zu bringen. Jede literarische Verarbeitung und Erfahrungswahrnehmung ist singulär - und jeder nähert sich anders den Thema. Erst in der Totalität dieser Arbeiten entsteht das fertige Puzzlestück, dass uns die Grausamkeit und Gesetze von menschenverachtenden totalitären Regimen zeigt.

Auch ihre Kritik an Herta Müllers Sprache kann ich nicht nachvollziehen. Sie schreibt, sie verwende die Sprache des 19. Jahrhunderts, ihre Sprache sei altmodisch, sie wirke altbacken und reiche nicht aus, ihr Thema adäquat darzustellen. Es mag zwar sein, das ihre Sprache ein sehr altes Deutsch ist. Aber das ist gerade das Faszinosum und ihre Eigenartigkeit. Das macht sie unverwechselbar und das ist ihr eigener Stil. Ich finde gerade durch ihre exakte eigentümliche Sprache, durch die vielen alten und rar gewordenen Wörter schafft sie eine so dichte und beklemmende Atmosphäre, schafft sie es noch authentischer zu sein.

Radischs Überlegung allerdings, ob die lyrische Überfrachtung, die vielen kitschigen Metaphern nicht eine Verkleisterung, eine Überschüttung des schlimmen Geschehens seien, teilte ich anfangs. Mir war die Poesie anfangs auch viel zu viel. Viel zu oft schwirren Engel in diesem Roman herum, viel zu oft wird das Herz bemüht, eine ins lieblich-milde neigende Poetisierung des gesamten Lagerlebens. Wo bricht der Schrecken durch? fragte ich mich. Mit Begeisterung hatte ich z.B. "Herztier" gelesen, wo die Beklemmung und der Schock durch die Sprache hervorgerufen wurden; gleichzeitig auch das tiefe Menschsein der Protagonisten wahrgenommen wird, ein großes TROTZDEM, trotz allem leben wir unser Leben, verlieren wir unsere Sprache nciht. Mir fehlte in der Atemschaukel die Eindringlichkeit. Ihre Waffe, die Poesie milderde ab, verschönte die Welt, träumte sie schön, statt ihr Dichte und übergeordnete Wahrhaftigkeit zu geben.

Aber je weiter ich mit dem Buch kam, desto stärker wurde der Sog, desto stärker packte es mich wieder. Es erscheinen Personen in ihrer ganzen Schwäche, in ihrer Verrücktheit, die Mechanismen des Lagerlebens gehen über auf die Menschen, auf die geschundene und gequälte Kreatur. Das Thema der Homosexualität klingt an, es ist die große allmähliche Zerstörung des Humanen, der sich in die kleinsten und lächerlichsten Gegenstände spült. Die Poesie, anfangs weich und wirklich etwas kitschig gewinnt an Kraft, kehrt sich um, wird stark und mächtig.

Ein großartiges Buch. Dann kommt einem ein Peter-Stamm-Roman wie ein Kinderspiel vor.

LG
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon paul » 04.10.2009, 10:21

Seltsam, der Roman ist doch voller intensiver Passagen, aber ich blättere immer wieder zurück zu einer
Szene vor der Ankunft im Lager. Die Deportierten sind aus den Viehwaggons ausgestiegen, um ihre Notdurft zu verrichten. Einer, halb verrückt, hat gerufen: Nicht wahr, ihr lebt doch alle gerne. Und es geht so weiter:

In seiner Stimme hallte ein Echo. Einige fingen an zu weinen, die Luft stand glasig. Sein Gesicht war in den Wahn getaucht. Der Speichel auf seinem Jackett war glasiert. Da sah ich das Brustabzeichen, es war der Mann mit den Albatrosknöpfen. Er stand ganz allein und schluchzte mit einer Kinderstimme. Bei ihm geblieben war nur der versaute Schnee. und hinter ihm die gefrorene Welt mit dem Mond wie ein Röntgenbild.
Die Lokomotive tutete einen einzigen dumpfen Ton. Das tiefste UUUH, das ich je gehört habe. Jeder drängte sich zu seiner Tür. Wir stiegen ein und fuhren weiter.
Den Mann hätte ich auch ohne Brustabzeichen erkannt. Ich habe ihn im Lager nie gesehen. (S.21f.)


Wenn ich meine Gänsehaut beim Lesen verstehen will, finde ich in unglaublicher Verdichtung vieles: Kälte,
Verlassenheit, Kinderangst und vor allem dieser rätselhafte UUUh- und Urton, den später Planton-Kati wiederholen wird. All dies und mehr erzeugt eine "dichte Stelle", die- wie Herta Müller es in einer Poetik-Vorlesung formuliert hat, im Kopf den Irrlauf hervorruft,
Stellen, die mir die Gedanken sofort dorthin ziehen, wo sich keine Worte aufhalten können.Je dichter diese Stellen im Text sind, umso rigoroser ist er,
je schütterer sie stehen, umso flacher ist der Text.

Ich glaube, dass schon solche kleinen Probebohrungen ausreichen, um den besonderen Rang des Buches zu belegen, Frau Radisch hat sich ganz offensichtlich nicht die Zeit dafür genommen.
Hat jemand von euch Lust, solche dichten Stellen zu entziffern? Über ein gleichermaßen dichtes Gespräch würde ich mich sehr freuen.
Paul (der Neue)
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Daniela » 05.10.2009, 10:57

Hallo Paul,
auch an dieser Stelle noch ein herzliches Willkommen, schön, dass du dich hier dazugesellst!

Die Atemschaukel intensiv gemeinsam zu lesen und diskutieren klingt nach einem schönen Projekt ;-) Allerdings bin ich mir nach wie vor sehr unschlüssig, ob ich sie wirklich lesen will, auch wenn eure Kommentare geradezu bezwingend sind. Doch ich habe Zweifel, ob ich im Moment in der Lage bin, mich gefühlsmäßig derart darauf einzulassen, wie es mir nötig zu sein scheint - und dann könnte mein Urteil eher dem der Frau Radisch gleichen (zumal ich es gerne nicht ganz so poetisch mag...)

Liebe Grüße, ich hoffe, es finden sich noch ein paar Leser für ein dichtes Gespräch ;-)

Daniela
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Nele » 08.10.2009, 10:05

... übrigens ist Herta Müller lt. NZZ eine der ganz heissen Anwärterinnen auf den Literaturnobelpreis. Das ist ja sehr spannend, wenn man Eure Kommentare liest und dazu die Rezensionen zur "Atemschaukel"!
LG Nele
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Tomke » 08.10.2009, 10:44

Ich hoffe nach wie vor, daß Herta Müller den Deutschen Buchpreis gewinnt.

Das Buch ist in meinen Augen wirklich von überragender Qualität, historisch relevant, kommt von den "Rändern" (rumäniendeutsche Autorin), stellt ein Stück weit ein literarisches Vermächtnis dar (Oskar Pastior) und ist bei alldem doch nicht unzugänglich oder schwierig zu lesen (wie etwa Reinhard Jirgl).

Gerade den Auszug aus Setz' Roman finde ich einfach zu "modisch" - will man das in zehn Jahren auch noch lesen? Herta Müller ist hier auf einer Höhe der Kunst, die ich sehr wenig zeitgebunden finde - nachgeradezu klassisch.
Zuletzt geändert von Tomke am 08.10.2009, 10:46, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Tomke » 08.10.2009, 10:46

Nele hat geschrieben:... übrigens ist Herta Müller lt. NZZ eine der ganz heissen Anwärterinnen auf den Literaturnobelpreis. Das ist ja sehr spannend, wenn man Eure Kommentare liest und dazu die Rezensionen zur "Atemschaukel"!
LG Nele


Oh la la, das ist natürlich ganz schön hoch gegriffen!

Nach Elfriede Jelinek und Günter Grass noch eine deutschsprachige Autorin innerhalb weniger Jahre? Das würde mich doch seeeeeehr wundern. ;)

Aber eine schöne (!!!) Überraschung wäre es.
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Ralf » 08.10.2009, 11:06

Tomke hat geschrieben:Aber eine schöne (!!!) Überraschung wäre es.

...und sie hat es gemacht: da kannst du dich freuen Tomke...
Ralf
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Tomke » 08.10.2009, 11:30

Ralf hat geschrieben:
Tomke hat geschrieben:Aber eine schöne (!!!) Überraschung wäre es.

...und sie hat es gemacht: da kannst du dich freuen Tomke...


Und wie!
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Re: Herta Müller - Atemschaukel

Beitragvon Dana » 09.10.2009, 07:42

... und das Hörbuch dazu wird von Ulrich Matthes gelesen. Winke Claudia zu!!

LG
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