Haruki Murakami - Afterdark

Hier ist Raum für alles rund um Bücher: Eindrücke nach dem Lesen, Rezensionen, Fragen, Austausch...

Haruki Murakami - Afterdark

Beitragvon Daniela » 01.11.2005, 02:00


Haruki Murakami - Afterdark (HC), Dumont Herbst 2005, 237 Seiten

Es ist Nacht in der Großstadt. Kurz vor Mitternacht. Ein junges Mädchen sitzt alleine in einem Restaurant einer bekannten Kette und liest. Es ist voll. Wenig später kommt ein junger Mann in das Lokal, setzt sich zu ihr - und erkennt sie wieder; Takahashi war ein Schulkamerad von Maris Schwester, vor Jahren hatten sie sich einmal zu einem Doppeldate getroffen. Auch jetzt gelten viele der Fragen, die Takahashi an Mari richtet, ihrer wunderschönen Schwester; dass diese Schwester schon seit Monaten beinahe ununterbrochen schläft, das verrät sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Nur der Leser weiß es rasch - er begleitet das Kameraauge, durch das die Handlung dieses Buches dringt, in Eris Schlafzimmer, in dem sie reglos liegt. In dieser völligen Stille stört nur Eines: der Fernseher. Aber seltsam ist, was darauf zu sehen ist; und bald schon fühlt man sich beobachtet.

Mari wird indessen in ein Love Hotel gerufen; Takahashi hatte ihren Namen an Kaoru weitergegeben, weil in diesem Stundenhotel dringend jemand gesucht wurde, der chinesisch sprach, um mit der jungen Prostituierten reden zu können, die hier brutal zusammengeschlagen worden war.

Und so geht der Reigen weiter - als Leser erfahren wir noch die Geschichte von Kaoru, begleiten auch den Mann eine Weile, der das chinesische Mädchen schlug, und besuchen zwischendurch immer mal wieder Eri, die im Schlaf auf seltsame Weise verschwindet...

Die Geschichte, die Murakami hier erzählt, war für mich genauso spannend und hatte ähnliche Sogwirkung, wie seine restlichen Bücher. Aber ich hatte ein großes Problem - ich konnte mit der Art, WIE erzählt wurde, nicht viel anfangen. Der Roman besteht im Wesentlichen aus Dialogen; wenn Murakami hier erstmal warmgeschrieben hat, dann ahnt man als Leser den Tonfall, den der Autor damit treffen wollte. Und zwischen diesen Dialogstücken finden sich Verbindungselemente, die besser Regieanweisungen sind, Beschreibungen der Kulissen, die man sich als Leser dann vorzustellen hat.

Insofern kann ich keine uneingeschränkte Empfehlung abgeben - aber Fans werden auch dieses Buch bestimmt mit diesem Buch etwas anzufangen wissen.
Daniela

Die LESELUST - Belletristik & mehr!
http://www.die-leselust.de


Meine Krimiempfehlung:
Oliver Tidy - DOVER
Daniela
Turboleser
 
Beiträge: 6067
Registriert: 05.01.2008, 17:49
Wohnort: Berlin

Afterdark

Beitragvon Marcel » 02.11.2005, 10:12


Hm. Ich habe es gestern fast in "Echtzeit" durchgelesen, zwischen Mitternacht und fünf Uhr Morgens (mit Kaffeeunterbrechunge). Mein Eindruck ist, dass inzwischen die Leichtigkeit, die frühere Romane mit ausgemacht haben, fast komplett weg ist. Das muss nicht schlecht sein, bei "Nach dem Beben" hat es funktioniert, aber in diesem "Roman" (es ist nun wirklich kein Roman, sondern eine längere Erzählung) fehlt mir etwas. Er wirkt mir an vielen Stellen zu konstruiert. Natürlich gibt es auch viele schöne Details, die Murakami ausmachen, und die Sogwirkung habe ich auch gespürt (sonst hätte es mich nicht durch die Nacht gezogen), aber insgesamt lässt es mich ein wenig ratlos und unbefriedigt zurück.


Liebe Grüße,
Marcel

Übernahme-User aus dem alten Forum
Marcel
 
Beiträge: 12
Registriert: 08.08.2009, 10:39

Re: Afterdark

Beitragvon Daniela » 22.11.2005, 10:08


Hallo Marcel,
sorry, dass meine Antwort mal wieder so lange dauert, aber das bist du ja ohnehin schon gewöhnt ;-)


Ja, so ganz glücklich bin ich insgesamt mit diesem Buch auch nicht geworden; dass man keine "richtige" Auflösung erwarten kann war ja auch in den anderen Büchern so, ein bisschen macht das ja auch seine Faszination aus.


Was mich an diesem Roman hier wirklich gestört hat waren die in meinen Augen recht lieblosen Beschreibungen zwischen den Dialogen; das war eine Regieanweisung für die Verfilmung, aber kein Roman.


Nun ja. Es war ja auch ein sehr kurzer Abstand zu seinem letzten dicken Roman (den ich immer noch nicht gelesen habe... aber im April kommt er ja als Taschenbuch raus...) - ich warte also geduldig auf ein neues dickes schönes befriedigendes Buch von ihm ;-)


LG, Daniela

Daniela

Die LESELUST - Belletristik & mehr!
http://www.die-leselust.de


Meine Krimiempfehlung:
Oliver Tidy - DOVER
Daniela
Turboleser
 
Beiträge: 6067
Registriert: 05.01.2008, 17:49
Wohnort: Berlin

Re: Afterdark

Beitragvon Marcel » 29.11.2005, 02:39


Hallo Daniela,


kein Problem - so hatte ich mehr Zeit, das Buch nachwirken zu lassen. Es gefällt mir auf jeden Fall besser als "Kafka am Strand", aber das bedeutet nicht viel. Bei "Afterdark" finde ich das Konstrukt spannend, vor allem die ungewohnte Außenperspektive - der Text hat viel von einem Drehbuch, was durch die "Echtzeit" unterstützt wird. Der Erzähler beobachtet wie durch eine Kamera das Geschehen. Von daher passt eigentlich auch alles. Das Ende hat mich dann allerdings enttäuscht, es war mir zu einfach und reduzierte damit die Geschichte (möchte jetzt aber nicht zu viel verraten).


Liebe Grüße
Marcel

Übernahme-User aus dem alten Forum
Marcel
 
Beiträge: 12
Registriert: 08.08.2009, 10:39


Zurück zu Literaturgespräche – Leseerlebnisse, Austausch und Rezensionen



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Google [Bot] und 7 Gäste

cron