Wolf Haas - Das Wetter vor fünfzehn Jahren

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Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren

Beitragvon Daniel » 28.12.2006, 15:22


[i]Geht man vom äußeren Augenwinkel einen Zentimer nach unten, kommt man zum Backenknochen. Genauer gesagt beziehe ich mich auf die linke Gesichtshälfte. Auf den äußeren Winkel des linken Auges. Geht man von hier einen Zentimeter nach unten, kommt man zum linken Backenknochen. Und dann in gerader Linie weiter, noch einen Zentimeter. Dort hat Anni mich hingeküsst.[/i]


So beginnt Wolf Haas' erster Liebesroman. Den nicht er, sondern sein Alter Ego in "Das Wetter vor 15 Jahren" geschrieben hat. Über den er dann einer Literaturbeilage ein mehrtägiges Interview gibt.


Nach den sprachlich innovativen wie erfolgreichen Brenner-Krimis wagt sich Wolf Haas in literarisches Neuland vor - und experimentiert nun mit der Erzählform. Der gesamte Roman besteht aus einem fiktiven Interview mit der deutschen Redakteurin einer "Literaturbeilage", in der "Wolf Haas" über seinen neuen Roman, eine eher unglücklich verlaufene Liebesgeschichte, erzählt. So erschließt sich nach und nach der Inhalt des beschriebenen Werks, erkennt man durch den Dialog zwischen Journalistin und Autor die Zusammenhänge, ergibt sich die eigentliche Geschichte. Gespickt ist das Buch mit jenem Haas'schen Sinn für Humor, der auch in Brenner-Krimis omnipräsent ist. Wortspiele und Beobachtungsgabe finden auch in alltäglichen Erlebnissen und Ereignissen erzählenswertes. Dazu kommen ständige Verständigungsschwierigkeiten zwischen der deutschen Journalistin und dem Österreicher Wolf Haas, die lustig beschrieben werden und nicht zu vorhersehbar ausgefallen sind.


Unterm Strich hat mir "Das Wetter vor 15 Jahren" Spaß gemacht - das Experiment ist geglückt, es ist kurzweilig und leicht zu lesen, und lässt in jedem Fall auf den nächsten Roman von Wolf Haas hoffen. Allerdings bleibt eine gewisse Leere, irgendetwas fehlt - die (Liebes-)Geschichte an sich ist nicht besonders aufregend, die Charaktere bleiben farblos. Die Hauptdarsteller sind letzlich doch Wolf Haas und die namenlose Journalistin - ein interessantes Buch, aber nächstes Mal wäre mir ein "normaler" Roman lieber.

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Wolf Haas - Das Wetter vor fünfzehn Jahren

Beitragvon Daniela » 23.08.2008, 12:41

Das lese ich gerade wirklich mit Genuss; ich kann mich erinnern, dass Maria es damals bei Erscheinen nach wenigen Seiten wieder in die Buchhandlung zurückgetragen hat, weil sie so genervt war.

Mir geht es aber ganz anders; ich war zwar sehr skeptisch, ob die Idee, den Roman als Gespräch zwischen einer Literaturbeilage und dem Autor zu erzählen, tatsächlich weiter als über sagen wir 20, 30 Seiten trägt. Aber ich kann Wolf Haas da nur gratulieren: diese Konstruktion ist so ausgefeilt, dass ich mich beim Lesen nicht nur amüsiere, sondern auch immer wieder staunend bewundere, wie klug der Autor mich mitnimmt, wie hier ein Spannungsbogen aufgebaut wird. Hier unterhalten sich schließlich zwei, die quasi "schon wissen wie es ausgeht" - und sie nähern sich in diesem Gespräch dann immer wieder kritischen Stellen, deren Ausgang sie schon analysieren, noch ehe der Leser wirklich weiß, worum es geht. Das könnte total anstrengend und künstlich wirken - aber genau das tut es nicht, und das ist für mich die ganz große Kunst bei diesem Roman.

Ich hatte zwar ohnehin erwartet, dass ich mich gut unterhalten fühlen würde, ich mag Haas und die Art, wie er schreibt; aber dieser Roman hier ist mal wirklich neu und originell erzählt.

Da hätte ich gar nicht auf das Taschenbuch warten müssen, dieses Buch wäre eigentlich auch Hardcover wert gewesen ;-)

An Marias Kommentar erinnere ich mich noch; hatte es zwischenzeitlich noch jemand von euch gelesen?
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Re: Wolf Haas - Das Wetter vor fünfzehn Jahren

Beitragvon Harry » 24.08.2008, 08:26

Hallo Daniela,
ich habe das Buch letztes Jahr gelesen und es ist mir noch gut in Erinnerung, auch wenn mich dieser besondere Stil mit dem Gespräch über das Buch zunächst befremdet hatte. Ich ärgerte mich ein bisschen, dass gewisse Autoren krampfhaft versuchen, etwas Neues, noch nicht Dagewesenes machen wollen (ähnlich ging es mir mit Ransmayrs "Flattersatz" im "Fliegenden Berg"). Während der Lektüre rückte es dann zunehmend in den Hintergrund, was durchaus als Qualität zu werten ist und der Inhalt der Geschichte schaffte es, mich wirklich zu fesseln. Das Buch hat mich schließlich sehr amüsiert, ich musste manchmal laut lachen, als ich es am Strand las, während mein Kollege mich grimmig anschaute, da er gerade einen besonders grausamen Krimi las. Ich mag Wolf Haas, das Buch war etwas besonderes für mich. Außerdem habe ich gerne Bücher, die mich zum Lachen bringen.

Liebe Grüße

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Re: Wolf Haas - Das Wetter vor fünfzehn Jahren

Beitragvon Daniela » 24.08.2008, 13:29

Hallo Harry,
den Wunsch, in der Literatur etwas auf neue Weise zu erzählen, den kann ich schon nachvollziehen. Schließlich gibt es irgendwie nur ein paar große Themen, und an der Art der Darbietung hat sich in den letzten 50 Jahren auch nicht gravierend viel geändert.

Ich habe "das Wetter" mittlerweile durch; und mein Urteil hat sich nur noch verstärkt: hier war ein Autor am Werk, der sein Handwerk versteht. Einzig das "würklich" der Literaturbeilage fand ich ein wenig maniriert; zumal ich aus unerfindlichem Grund dabei eigentlich immer Sigrid Löffler vor Augen hatte. Mit der allerdings hätten viele der deutsch-österreichischen Sprachverwirrungen gar nicht auftreten können...

Diese Unterschiede in der gemeinsamen Sprache haben mich ja auch sehr amüsiert. Besonders die Blitzgneisserin ...

Sehr positiv anmerken möchte ich aber auch noch, dass bei diesem Gespräch hier nicht einer die Rolle des tüchtigen, aber humorlosen Deutschen im Gegensatz zum gewitzten Österreicher hat. Die Literaturbeilage schlägt ihn ja durchaus auch immer wieder mit seinen eigenen Waffen.

Wie schon erwähnt: ich hatte nicht gedacht, dass die Idee ein ganzes Buch lang trägt. Aber das tut es; und bis zuletzt habe ich mich keine Sekunde gelangweilt, sondern immer mit Spaß und Vergnügen weitergelesen. Freut mich, dass du daran auch deinen Spaß hattest - den wünsche ich noch mehr Lesern ;-)

LG,
Daniela

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Re: Wolf Haas - Das Wetter vor fünfzehn Jahren

Beitragvon Bruna » 25.08.2008, 07:12

hallo daniela
hallo harry

ich habe dieses buch von WOLF HAAS auch "damals" als es als HC erschienen ist gekauf, auf den SUB gelegt und irgendwie .... vergessen (wie das halt so manchmal passiert ;-) ). werde heute abend auf die suche gehen. ich mochte ja schon die brenner-romane von HAAS sehr gerne. vor allem seit ich bei der aufnahme eines der brenner-hörbücher dabei war, habe ich beim lesen auch immer seine sprache im ohr, was den "brenner-stil" noch viel witziger macht.

lg
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Re: Wolf Haas - Das Wetter vor fünfzehn Jahren

Beitragvon Daniela » 30.08.2008, 06:40

Am Mittwoch, beim Lesegrüppchen, kam einer meiner Freunde auf mich zu und meinte - kennst du eigentlich dieses Buch hier, hat ja ein Österreicher geschrieben (klar, ich kenne alle Bücher, die von österreichischen Autoren geschrieben werden, ganz automatisch...) - und dann ging es los, wir haben uns geradezu damit überboten, uns gegenseitig schöne Stellen zu zitiere, sehr zur Unterhaltung auch der übrigen Anwesenden, die nun das Buch auch lesen wollen.

Und um auch andere anzulocken, hier mal ein Zitat:
S. 134:
Wolf Haas: Finden Sie das so schlimm? Dass aus den rotzigen Mädchen die schönsten Frauen werden, das ist jedenfalls die einzige Stelle, wo ich etwas über die Schönheit von Anni sage. Es gibt ja nichts Schwierigeres in einem Roman als eine schöne Frau. Das ist die Hölle! Es ist peinlich und banal.
Literaturbeilage: Gut, dass Sie das sagen.
Wolf Haas: Irgendwo in einem Roman kommt immer eine schöne Frau daher. Und dann habe ich immer Angst, wenn ich das vorlese, dann verdrehen alle schönen Frauen im Publikum ihre schönen AUgen, weil sie es dermaßen blöd finden, wenn man da sagt, so und so Merkmale. Also das ist wirklich, das ist wie - kennen Sie Salzburger Nockerl?
Literaturbeilage: Ich kenne Mozartkugeln. Aber Nocken?
Wolf Haas: Salzburger Nockerl. Das ist so eine Luftspeise, so ein Soufflee, das besteht, glaub ich, fast nur aus Eiklar und Zucker, also aus - nennt man das in Deutschland auch "Schnee"?
Literaturbeilage: Eierschnee, ja.
Wolf Haas: Und das wird eben im Ofenrohr zu so einer Souffleeblase aufgebläht, und da muss man wahnsinnig aufpassen, dass die Nockerln nicht schon beim Servieren zusammenfallen. Und so ähnlich ist das, wenn man in einem Buch eine schöne Frau beschreibt, das ist wahnsinnig schwer zu servieren.
Literaturbeilage: Da merkt man, dass Ihr Vater Kellner war.
Wolf Haas: Nein, das ist Allgemeinwissen in einem Touristenland.


Ich find das einfach einen tollen Schlagabtausch mit genau meinem Humor ;-)
Daniela

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Re: Wolf Haas - Das Wetter vor fünfzehn Jahren

Beitragvon Harry » 30.08.2008, 23:10

Hallo Daniela,
wenn du schon mit dem Zitieren kommst, muss ich meine Lieblingsstelle des Buches auch noch anführen. Ich muss dazusagen, dass ich eine Zeit lang genau so ein Jugendlicher war, wie er ihn beschreibt:

Wolf Haas: "(...) Es ist mir um diese spezielle Faulheit der Fünfzehnjährigen gegangen. Man ist ja nie so faul wie in diesem Alter. So eine sauschwere Faulheit ist das, ich werde schon müde, wenn ich nur daran denke.
Literaturbeilage: " Also ich war in dem Alter voll im Vierhundertmeter-Training."
Wolf Haas: "Da haben Sie was versäumt! Normalerweise ist man stinkfaul in dem Alter. Das ist eine exzessive Faulheit. Man liegt den ganzen Tag vor dem Fernseher und so weiter, im Schwimmbad, oder heute hängen sie eben vor dem Computer. Nur nicht bewegen."
(...)
"Ich konnte die Faulheit nicht so ausführlich zum Thema machen. Sonst schlafen mir ja die Leser ein!"
(S. 87)

LG

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Re: Wolf Haas - Das Wetter vor fünfzehn Jahren

Beitragvon Daniela » 05.09.2008, 20:25

Irving hat geschrieben:Mit Wolf Haas`"Wetter vor 15 Jahren" kann ich leider so gar nichts anfangen!


Hallo Irving,
oje, das tut mir natürlich leid, habe direkt ein schlechtes Gewissen!
Erzähl mal: "nichts anfangen können" ist ja ein weites Feld. Nervt dich die Sprache, die gekünstelte Situation, das würklich der Literaturbeilage - oder was ist es, dass dich hier zum Weglegen bewogen hat?
Ich hatte mich gestern noch mit meinem Cousin darüber unterhalten, ob das Buch auch für Nicht-Österreicher unterhaltsam sein könnte.... daher erst recht meine Frage, da du ja - anders als Harry und ich - eben zu dieser angeblichen Nicht-Zielgruppe gehörst...

LG;
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Re: Wolf Haas - Das Wetter vor fünfzehn Jahren

Beitragvon Irving » 06.09.2008, 09:07

Hallo,

ich glaube, Daniela, dass mich das Buch einfach furchtbar langweilt.
Die Geschichte, die es erzählt, also den Roman um diesen Wetterfrosch, ist völlig belanglos. Und die Art der Erzählung, dieses Interview, ist zwar recht originell, trägt aber nicht über 200 Seiten. Schon nach wenigen Seiten hat man´s über (ich zumindest).
Allzu witzig fand ich es auch nicht, auch wenn ich grade die Gegensätze dt. - österr. ganz nett fand.

Ach ja, das würklich hat würklich genervt ;)

Gruß
Irving

PS: Du brauchst kein schlechtes Gewissen haben, denn ich wollte das Buch eh kaufen, da ich schon lang vorhatte, mal was von Haas zu lesen.
Grüße,
Irving
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Re: Wolf Haas - Das Wetter vor fünfzehn Jahren

Beitragvon Atalante » 16.10.2008, 20:51

Dieses Buch habe ich nun gerade, leider verspätet, fast zu Ende gelesen. Es amüsiert mich unglaublich. Ganz entgegen meiner naiven Erwartung, es handele sich um eine nostalgia d’amore wurde ich von einer köstlichen Satire überrascht.
Diese gilt nicht nur dem Literaturbetrieb, dem ewigen Schlagabtausch zwischen Kritiker und Autor, den Seitenhieben auf diverse Konkurrenz-Autoren, dem Verhältnis des Autors zu seinen Lesern, die nun dank dieses Kunst-Interviews endlich einmal aus erster Hand erfahren dürfen, worum es dem Verfasser eigentlich geht.
Nein, auch die ewig- „gestrige“ Konkurrenz zwischen den Piefkes und den Ösis ist Buchthema. Und anstatt daß sich die Letzteren ihrer eigenwilligen Umformungen zu schämen hätten, sollten wir Deutsche würklich einmal in uns gehen und uns gestehen, dass wir ürgendwie dazu neigen, gewisse Vokale doch etwas entgegen der Schriftsprache auszusprechen. Asche über mein Haupt, dies betrifft auch mich. ;) Das gleiche Handicap weist auch unser diesjähriger Buchpreisträger auf, den ich vor wenigen Minuten mehrmals über die Würklichkeit sinnieren hörte. Also, nicht nur in „Östreich“ spricht man komisch. ;)
Zudem ist es natürlich einfach köstlich, wie Autor und Literaturbeilage sich gegenseitig auf die Finessen oder auch Mängel dieses Buches aufmerksam machen.
Sehr lesenswert, unterhaltsam und amüsant. Aber das sagte ich bereits.

Eines interessiert mich sehr, wie hat Haas diesen Dialog verfasst hat? Hatte er seine Quelle in Rohform vorliegen oder genügte ihm alleine das Gedankenspiel?
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