Colm Toibin: Brooklyn

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Colm Toibin: Brooklyn

Beitragvon Tomke » 07.03.2010, 16:48

Das Buch ist grade als TB erschienen und war bei Waterstone's im "3 for 2" Angebot. Da ich den Autor von früheren Büchern sehr schätze und das Buch sehr viel Kritikerlob erhalten hab, mußte es jetzt mit.

Erzählt wird eine irische Auswanderergeschichte: Die junge Eilis lebt in einer irischen Provinzstadt zusammen mit ihrer älteren Schwester und ihrer Mutter. Sie ist arbeitslos und hält sich mit Aushilfsarbeiten über Wasser. Da tut sich überraschend die Möglichkeit für sie auf, mit Hilfe eines irischen Priesters aus New York dorthin überzusiedeln und Arbeit zu finden. Auch wenn sie den Eindruck hat, daß dies von ihrer älteren Schwester eingefädelt wurde, um sie aus dem Haus zu haben, nimmt sie diese Möglichkeit wahr - wohl auch, weil ihr keine Argumente dagegen einfallen.

Sie macht sich auf den Weg - einigermaßen naiv. Wohnung findet sie in einem boarding house in Brooklyn, in dem nur irische Frauen wohnen. Langsam macht sie ihre ersten Erfahrungen, lernt mit Konkurrenz zwischen Frauen umzugehen, hat zum ersten Mal mit Menschen zu tun, die einen ganz anderen Hintergrund haben. Und sie trifft einen Mann, in den sie sich verliebt. Aber sie hat auch furchtbares Heimweh, wenigstens zu Beginn.

Die Beziehung zu ihrem Freund Tony vertieft sich und man plant eine gemeinsame Zukunft. Da trifft die Nachricht von zuhause ein, daß ihre Schwester plötzlich verstorben ist.

**** SPOILER****

Eilis muß zurück nach Irland. Vorher bittet Tony sie, zu heiraten, wenn auch nur standesamtlich. Er braucht die Sicherheit, daß sie zu ihm zurückkehrt. Eilis willigt ein und plant die Reise nur für vier Wochen.

Zurück in Irland erfährt niemand etwas von ihrer heimlichen Heimat. Alle scheinen es darauf anzulegen, sie zum Bleiben zu bewegen. Sogar eine Begegnung mit Jim Farrow, einem jungen Mann aus dem Ort, wird arrangiert. Statt klar ihre Pläne darzulegen, läßt Eilis sich immer stärker in das Leben zuhause hineinziehen, sie macht Ausflüge mit Jim, verlängert ihren Aufenthalt und erzählt niemandem von ihrer Ehe. Die Sache entwickelt sich soweit, daß sie weder zu Tony zurückkehren kann noch Jim abweisen, ohne ihn tief zu verletzen.

Da kommt der Zufall zuhilfe: Eilis' Vermieterin aus Brooklyn hat von der Ehe Wind bekommen und einer Bekannten in Eilis' Heimatstadt davon erzählt. Bevor ein Skandal gemacht werden kann, reist Eilis überstürzt zurück nach Brooklyn.

Soweit die Handlung. Die Erzählung fließt ruhig dahin, lange hat man den Eindruck, daß wenig passiert. Toibin erzählt ungekünstelt, schlicht und gerade dadurch fesselnd. Man folgt der unerfahrenen Eilis in die Welt und ist beinahe wie sie selbst überrascht, als das Heimweh sie trifft wie ein Schlag.

Allerdings funktionierte diese Erzählhaltung für mich nur bis zu einem gewissen Punkt. Die Willen- und Orientierungslosigkeit der Hauptfigur konnte ich solange nachvollziehen, solange sie sich sich in einer für sie neuen Welt bewegte. Als sie - heimlich verheiratet - nach Irland zurückkehrt, und dort fast ohne Widerstand das Leben an sich geschehen läßt - regte sich bei mir Widerspruch. Warum konnte Eilis sich nicht stärker abgrenzen. Sie war gereift, hatte neue Erfahrungen gemacht - aber offenbar keine Kraft, um sich als Person gegen ihre Mutter und Freundinnen zu behaupten. Die Katastrophe, die sich nach ihrer Rückkehr nach Irland anbahnt, wäre zu verhindern gewesen.

Was meint Ihr dazu? Hat noch jemand das Buch gelesen?
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Re: Colm Toibin: Brooklyn

Beitragvon Daniela » 08.12.2010, 07:25

Ich hab es noch nicht gelesen (grade auch wenig Zeit für Computer) - aber will es euch nicht vorenthalten, wer weiß, wie lange es online ist:

COlm Toibin im Gespräch in der NZZ
http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/li ... 54826.html
Daniela

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http://www.die-leselust.de


Meine Krimiempfehlung:
Oliver Tidy - DOVER
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Re: Colm Toibin: Brooklyn

Beitragvon Kioki » 19.12.2010, 19:16

Ich habe in den letzten Tagen BROOKLYN gelesen und es hat mir gut gefallen. Ich fand ja schon in PORTRÄT DES MEISTERS IN MITTLEREN JAHREN, dass Tóibín es echt drauf hat, Frauencharaktere zu beschreiben. Und mit Eilis ist ihm das wieder sehr gut gelungen, finde ich.

Wie das Heimweh Eilis sozusagen unerwartet, wie aus heiterem Himmel überkommt, das fand ich zum Beispiel ziemlich gut gemacht. Auch wie die Entwicklung Tonys und ihrer Beziehung geschildert wird, und wie sie beim gemeinsamen Anschauen des Basketballspiel spürt, wie gut sie ihn so lassen kann wie er ist. Andere Autoren haben bändeweise verkrampfte nabelschauende Pseudo-Eso-Texte dazu verfassen müssen, und Tóibín kann das ganz gelassen, aus Sicht einer ganz jungen Frau, so hinschreiben - exemplarisch an der Situation. Ich fand das grandios gelungen, gerade diese Szene.
Auch die verschiedenen Phasen oder besser Grade (?) Eilis´ Ankommens in Amerika wurden gut dargestellt: Im Berufsleben, im Zusammenleben mit den Mitbewohnerinnen, in ihrer Beziehung.
Eilis stelle ich mir als bemerkenswert lebenstüchtig und realistisch vor - kühl manchmal, aber nicht im Sinne von gefühlkalt, sondern eben bedacht im positiven Sinne. Um dieses Bild hervorzurufen, braucht es nicht viele Beschreibungen von Seiten des Autors. Er stellt uns dar, was Eilis denkt und fühlt, und daraus ergibt sich das Bild ihres Charakters.
Im Gegensatz zu dir, Tomke, empfinde ich Eilis´ Verhalten, als sie zurück nach Irland reist, nicht als Willen- und Orientierungslosigkeit, sondern mir drängten sich andere Gedanken auf (hatte auch bis eben deine Rezension nicht gelesen): Ich dachte mir beim Lesen, wie sehr doch die umgebenden Sozialstrukturen für die Gefühle und das Leben, das man lebt, mit verantwortlich sind. In Amerika ist Eilis selbständig, hat ihr Leben, ihre Arbeit, ihr Studium, ihr Zimmer und eben auch diesen Mann. Zurück in Irland ist sie Tochter (und Schwester) und nimmt ja, zunächst im ersten eigenen Schock, später aus Gewohnheit und Bequemlichkeit, fast die Rolle ihrer verstorbenen Schwester an, was ihrer Mutter wohl auch am liebsten wäre. Ich hatte das Gefühl, dass sie einfach komplett in ein anderes Leben eintaucht, dass die Episode in Amerika ihr fernrückt wie ein Traum. Sie hätte ebensogut Jim heiraten können. Auch mit ihm hätte sie dann ein Leben leben können - und bestimmt, unbewusst, trotzdem von ihrer Zeit in Amerika profitiert. Es ist eher ein Zufall (wie du ja auch schreibst), der sie dazu bringt, wieder nach Brooklyn zu reisen.
Ich fand es fast erschreckend, so vorgeführt zu bekommen, wie sehr Entscheidungen von zufälligen Geschehnissen (hier dem transatlantischen Tratsch) abhängen. Aber das ist doch auch im Leben so, oder? Vielleicht hat man, jedenfalls was manche Entscheidungen angeht, nur im Nachhinein das Gefühl, selbst gesteuert zu haben.
Wobei sie immerhin schon verheiratet war, aber das geschah ja auf Initiative Tonys, der sie dazu drängte. Und ohne die Todesnachricht hätten beide damit sicher noch gewartet. Insofern kann ich mir gut vorstellen, dass Eilis sich noch nicht verheiratet fühlte - kannst du verstehen, wie ich das meinte?
Aber alles, was geschah, kann ich mir im Zusammenhang der damaligen Zeit und der Situation, sozusagen mitten im "melting pot", mit noch intensiven Bindungen in die Ursprungsländer, gut vorstellen.

Ein weiterer Gedanke kam mir noch nach Abschluss der Lektüre: Ich stelle mir vor, wie die Kinder und die Enkel von Tony und Eilis erzählen können, dass ihr (Groß)vater mit mehreren Geschwistern und Eltern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung lebte, dass die Familie aus eigener Kraft ein Grundstück auf Long Island erwarb und bebaute, das einige Jahrzehnte später um mehrere Potenzen an Wert gestiegen sein dürfte. Darf man sich bei solchen Familiengeschichten noch über die Persistenz des sogenannten "amerikanischen Traums" wundern? Man kann alles erreichen, wenn man nur will...?
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Re: Colm Toibin: Brooklyn

Beitragvon penguin » 19.09.2016, 13:49

Jetzt habe ich "Brooklyn" auch mit großer Begeisterung gelesen, Jahre nach Euch :-)

Ich bin allerdings nicht damit einverstanden, dass Eilis willen- und orientierungslos ist, im Gegenteil.

Zum einen muss man die Zeit berücksichtigen (1950er), zum anderen ihr Alter - sie ist 17, als sie nach Amerika geht, und maximal 20, als sie zurück nach Irland kommt. Dort schlüpft sie mehr oder weniger gezwungenermaßen wieder in die Rolle der gehorsamen Tochter, allerdings immer vor dem Hintergrund ihrer USA-Erfahrungen. Letzten Endes siegt dann ihr "Amerika-Ich", das hätte es vermutlich aber auch ohne die Telefonate zwischen New York und Enniscorthy.

Sehr schön erzählt, sehr einfühlsam geschrieben, hat mir gut gefallen.
Ich lese gerade: Si tu passes la rivière von Geneviève Damas
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Re: Colm Toibin: Brooklyn

Beitragvon Kioki » 25.09.2016, 15:18

Schön, dass es dir auch gefallen hat!
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