Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Hier ist Raum für alles rund um Bücher: Eindrücke nach dem Lesen, Rezensionen, Fragen, Austausch...

Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Daniela » 21.09.2010, 20:22

So, ich habe jedenfalls dann kurzfristig nicht zu Wawerzinek, sondern zu "Tauben fliegen auf" gegriffen, das ich auch zur HÄlfte schon durch habe. Anfangs tat ich mich schwer mit dem Buch, ich bin auf den ersten 10 Seiten sicher 10 x eingeschlafen...
aber mittlerweile hat es mich sehr gefangen, eine schön erzählte Geschichte über das Leben zwischen zwei Welten, zwischen der Heimat der Eltern in Jugoslawien und der neuen in der Schweiz. Anfangs, als die Kinder noch klein sind, liest sich das wie der Tausch eines Idylls voller Kinderträume (frei auf dem Land, auf du und du mit Katz und Maus) gegen den harten Alltag in der kapitalistischen Welt; aber je älter die beiden Mädchen (und damit auch die Erzählerin) werden, umso mehr verstehen sie auch von den Hintergründen, den Beschränkungen, denen dieses Leben unterliegt. Und der Krieg kam hier bislang erst ganz am Rande, aber dennoch sehr intensiv, vor...
Ein Buch, das ich alleine schon optisch eher nicht in Betracht gezogen hätte (sorry, aber ich finde das Umschlagbild und das Braun auf dem Buchrücken furchtbar, auch wenn es zum beschriebenen AUto und der erzählten Zeit super passt) - das aber seinen Platz in der kurzen Liste zum Buchpreis aus meiner Sicht auf jeden Fall verdient (bislang).


Ralf hat geschrieben:
Daniela hat geschrieben:So, ich habe jedenfalls dann kurzfristig nicht zu Wawerzinek, sondern zu "Tauben fliegen auf" gegriffen, das ich auch zur HÄlfte schon durch habe. Anfangs tat ich mich schwer mit dem Buch, ich bin auf den ersten 10 Seiten sicher 10 x eingeschlafen...

Ich hab überigens vorgestern in den Tauben mal geblättert und ein paar Sätze gelesen: hat mir recht gut gefallen und ich hätte gut noch weiterlesen können...
Faktors heiligen Hodensack ;) hatte ich auch kurz in die Hände genommen, aber kein Satz hat es geschafft, daß ich länger dabei bleiben wollte...

Daniela hat geschrieben:Ein Buch, das ich alleine schon optisch eher nicht in Betracht gezogen hätte (sorry, aber ich finde das Umschlagbild und das Braun auf dem Buchrücken furchtbar, auch wenn es zum beschriebenen AUto und der erzählten Zeit super passt) - das aber seinen Platz in der kurzen Liste zum Buchpreis aus meiner Sicht auf jeden Fall verdient (bislang).

Na ja, furchtbar finde ich das nicht, wenn auch nicht toll - aber immerhin etwas anders. Das ist natürlich immer Geschmacksache, z.B. zu deinem kürzlichen Neuzugang, dem "rubinroten Herz": da vesteh ich nicht, warum man den SU so schön finden sollte, hat etwas von Kinderbuch oä, wenn es wenigstens mit ner Prägung verbunden wäre... Und wenn ich schon dabei bin, von Optik zu sprechen (du hast angefangen ;) ) - den neuen Pynchon hatte ich auch in der Hand und bin erstmal zurückgeschreckt, weil Rowohlt so ein schlechtes Papier genommen hat, so fühlt es sich fast an.

Soviel in der Kürze...



So, bevor ich jetzt tatsächlich gleich ins Bett verschwinde, noch ganz kurz: ich hab das Buch jetzt ausgelesen, und es hat mir ausgesprochen gut gefallen. EIne sehr schön erzählte Geschichte, für mich bislang das zweitbeste BUch auf der Liste. Lehr bleibt ungeschlagen.
Ich hoffe, dass ich morgen ausführlicher beschreiben kann, was mich an dem Buch so gefesselt und begeistert hat.
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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Daniela » 25.09.2010, 20:33

So, endlich ein wenig ausführlicher - ich hoffe, ich kann mit meiner Begeisterung den einen oder anderen Leser noch anstecken!

http://www.die-leselust.de/buch/2638.html
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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Aldawen » 26.09.2010, 05:03

Zumindest neugierig hast Du mich gemacht. Wenn es mir also demnächst mal irgendwo über den Weg läuft, hat es wohl ganz gute Chancen, mitgenommen zu werden ...
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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Dana » 11.10.2010, 10:31

Hallo zusammen,

Ich habe nun auch mit dem besten deutschsprachigen Roman dieses Jahres angefangen. (Übrigens: diese Bezeichnung finde ich langsam kränkend für den Literaturbetrieb.) Nach 50 Seiten hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Inhaltlich finde ich es ganz interessant, für mich persönlich mit großem Identifikationspotential. Man merkt, dass die Autorin weiß, worüber sie spricht und dass sie ein sehr feines Gespür für die menschliche Psychologie hat.

Was mir aber den Spaß beim Lesen verdirbt ist der Stil: Elend lange Sätze, Einschübe, die nichts mit dem Anfang des Satzes zu tun haben, unendliche Erklärungen in Klammern, direkte Rede zwischendrin, „und“ ohne Ende, während + DATIV es sind nur ein paar Sachen, die mir auffallen. Da tut es mir richtig leid um die schöne deutsche Sprache … :(

Wenn ich ein bisschen Zeit habe, tippe ich auch ein paar Beispiele dazu ...

Daniela, wird es mit der Zeit besser? Ich hoffe, später wird mich der Inhalt dazu verführen, solche Sachen zu übersehen.

LG,
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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Daniela » 11.10.2010, 11:09

Da will ich dir lieber nicht zu viel Hoffnung machen, Dana... denn ehrlich gesagt waren mir die von dir genannten Punkte gar nicht so aufgefallen. Gut, die Schachtelsätze schon, aber die stören mich weniger, weil ich ja selbst auch dazu neige, genauso wie zu sprunghaften, nicht zu Ende geführten Gedanken. Mich hat die Stimmung von Anfang an so hineingezogen, so mitgerissen, ich fand ihre Art, mit kleinen Beobachtungen so viele unausgesprochene Emotionen zu transportieren, sehr ansprechend, bei mir hat sie da einen Nerv getroffen.

Ich bin gespannt, was Ralf dazu sagt, er liest es auch gerade und ist ebenfalls nicht der Meinung, es mit "dem besten Roman des Jahres" zu tun zu haben, wenn ich ihn vorhin richtig verstanden habe ;-)
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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Ralf » 11.10.2010, 11:44

Dana, ich schließ mich dir an: bin nur unwesentlich weiter als du und auch bei mir hält sich die Begeisterung in Grenzen. Oder haben wir zu viel erwartet und würden es anders einschätzen, hätten wir es vor zwei Monaten gelesen...?
Irgendetwas stört mich auf jeden Fall, ohne es jetzt schon wirklich benennen zu können. Ja, der Stil, die Art der Satzkonstruktionen, aber das ist es nicht allein.
Daniela hat geschrieben:Mich hat die Stimmung von Anfang an so hineingezogen, so mitgerissen, ich fand ihre Art, mit kleinen Beobachtungen so viele unausgesprochene Emotionen zu transportieren, sehr ansprechend, bei mir hat sie da einen Nerv getroffen.

Da entsteht so ein Ton, bei dem ich an das Tagebuch einer 14jährigen denken muß. Auch wenn es um Kindheitserinnerungen geht, dürfte es sich trotzdem anders anhören. Ich mag nicht all die Seiten so blumig süß lesen (wie hieß nochmal dieses süße Kindergetränk, das oft erwähnt wird?), ich sehe im Geiste bunte Luftballons und Kindergeburtstag im Hintergrund - diese Assoziation entsteht bei mir beim Lesen, auch über das Fest des ersten Kapitels hinaus.
Na irgendwann werden die auch älter werden, vielleicht hört das dann auf...
Diese unausgesprochenen Emotionen mögen bei dir einen Nerv treffen, Daniela, ich hätt es gern nüchterner, lieber "ein Steak statt Schokolade" ;) ...
Na ja, hab jetzt etwas gelästert, es ist nicht schlecht, vielleicht auch ganz gut, bin aber noch nicht glücklich.
Muß mal weiterlesen, mal sehen, wie es sich entwickelt, vielleicht zieht es mich noch mit Sympathie hinein...
Dann kann sich das Bild ja noch sehr ändern
LG Ralf
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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Daniela » 12.10.2010, 18:33

Na, ihr Beiden, wie weit seid ihr? Hat sich die schlechte Stimmung vom Beginn verfestigt oder gibt es mittlerweile Aspekte, die euch gefallen?

Ich habe gestutzt, als du, Ralf, von blumig süß schriebst. Das liegt mir ja an sich auch überhaupt nicht...
Hier aber war für mich immer ein Unterton erkennbar. Schon die Kinder, auch wenn sie da von ihrem Traubisoda schwärmen, haben dieses bittere Gefühl der Abwertung im Hinterkopf, wenn sie davon träumen, das Getränk ihren Schweizer Freundinnen zu servieren. Und diese Wahrnehmung wird immer stärker, je älter die Mädchen werden, je mehr sie denken - das fand ich hervorragend und sehr stimmig herausgearbeitet, gut hingesehen, gut an Kleinigkeiten festgemacht.

Es würde mich sehr interessieren, ob das bei euch auch ansatzweise so ankommt, oder ganz anders wahrgenommen wird.

Liebe Grüße,
Daniela
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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Dana » 15.10.2010, 17:42

Ein Blick hinter die Kulisse:

Die heute in Zürich lebende Autorin beschrieb, wie ein Aufenthalt in der ihr fremden französischen Schweiz vor sechs Jahren dazu geführt habe, dass sie zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder an ihre Kindheit in der Vojvodina habe denken müssen. Da sich die Schweiz zur selben Zeit auf eine Abstimmung über das erleichterte Zuzugsrecht für Einwanderer der zweiten Generation vorbereitet habe, sei sie von Wahlplakaten der Schweizerischen Volkspartei umgeben gewesen, auf denen farbige Hände nach dem Alpenland zu greifen schienen. Plötzlich habe sie sich an zahlreiche Übergriffe auf ihre Familie erinnert. Entstanden sei aus diesen ersten Gefühlen ein Buch, das nicht nur als Hommage an die Lebensleistung ihrer Verwandten gedacht sei, sondern sich auch zu einer Hommage an verschiedene Sprachen entwickelt habe. "Ich bin eine ungarische Serbin, die in der Schweiz lebt und die deutsche Sprache so liebt wie das Ungarische - serbokroatisch kann ich nicht."


Aus der FAZ

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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Daniela » 15.10.2010, 20:42

Danke für den Link, Dana!
Wie geht es euch denn mittlerweile mit dem Buch? Besser, schlechter... und du Claudia, hast du es schon begonnen?
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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Claudia » 16.10.2010, 13:08

Nein, ich habe noch nicht angefangen. Werde wohl auch als Nächstes Arno Geigers "Alles über SAlly" lesen, das ich nach MONATElanger Wartezeit :twisted: heute endlich bei der Stabi abholen konnte.

LG,
Herzliche Grüße, Claudia.
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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Dana » 17.10.2010, 17:00

Ich habe inzwischen das Buch zu Ende gelesen und meine Meinung hat sich deutlich verbessert :)

Nachdem Daniela so ausführlich und schön das Buch vorgestellt hat, hier ein paar Gedanken von mir:

Von dem Stil bin ich nach wie vor nicht begeistert, habe mich aber mit der Zeit eingelesen und konnte dem Bewusstseinsstrom immer besser folgen. Und dass die Präposition WÄHREND das Genitiv verlangt müsste mindestens der Lektor dieses Buches wissen – Meckertante Dana lässt grüßen!!

Mich hat das Buch mit seiner Fülle an Themen ziemlich aufgewühlt. Und du hast recht, Daniela, es sind winzige Beobachtungen, die zu großen Emotionen werden.

Ein zentrales Thema ist z.B. der Balkankrieg, der nicht direkt erlebt wird, sondern durch Telefongespräche, Nachrichten, Reaktionen von Leuten, die noch Verbindungen zum Land haben, aber auch von Unbeteiligten. Aus kleinen Flashes entsteht ein Horrorszenario.
Genauso scheinbar nebenbei entsteht aus etlichen Erinnerungsfetzen ein Bild der Grausamkeiten des Kommunismus.

Ein anderes Thema ist die Ausländerfeindlichkeit, die hier offen angesprochen wird (Ob sie auch den Schweizer Buchpreis bekommt? :evil:) und die ich noch nie in einem Buch so hautnah erlebt habe. :(

Und dann die Geschichte mit der Einbürgerung ist auch ganz schön krass (Stimmt das überhaupt? Hat sich in dieser Hinsicht inzwischen etwas verändert? Weiß jemand Bescheid?). Nebenbei gesagt, mache ich auch gerade diesen Prozess durch, allerdings – Gott sei Dank – in Deutschland und nicht in der Schweiz.

Nicht zuletzt hat mir sehr gut gefallen, wie die Autorin das Leben auf dem Land in der Vojvodina heraufbeschwört, das habe ich sehr intensiv miterlebt und dabei in Kindheitserinnerungen geschwelgt. Ralf, das ist für dich wahrscheinlich die Schokoladenseite des Buches, oder? ;)

Es fällt mir schwer, ein Urteil über dieses Buch zu geben. Ich habe es teilweise gerne gelesen, doch es fehlt ihm etwas, um es in meinen Augen zu einem sehr guten Buch zu machen. Was, das muss ich noch herausfinden.

@Ralf, hat du das Buch auch zu Ende gelesen? :)

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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Ralf » 17.10.2010, 17:31

Wenn ich nicht gleich antworte bestünde die Gefahr, daß ich es nie tun werde, deshalb, auch wenn's unausgegoren ist:
Nein, ich bin noch nicht durch. Es liest sich ja recht leicht, aber nichts zieht mich hinein und das hat zur Folge, daß es nur ab und an zur Hand genommen und nicht am Stück gelesen wird. Immer mal ein paar Seiten.
Mein Eindruck hat sich zwar gebessert, trotzdem. Den Effekt den du hast, vielleicht Verknüpfungen zu eigenen Erfahrungen, Themen, die dir nahe sind, mal erwähnst du eigene Kindheitserinnerungen: nichts davon gilt da für mich. (was du mit Schokoladenseite des Buches meinst, ist mir nicht ganz klar, da könnte ich zwei Sachen drunter verstehen, vor allem, wenn ich an Daniela denke ;) )
Und da es mich eben nicht berührt, würde ich das Wort "nett" benutzen, ein Wort das fürchterlich ist und man eigentlich meiden sollte. Aber ich hatte heute zum Beispiel in einem Gespäch mit Daniela kurz das Thema "Ausweisung" in Österreich, und sofort war wieder Interesse für das Buch da, aber sonst ist das nicht gerade präsent. Die aktuelle Debatte in D zur Zeit ist für mich nochmal ein anderes Thema, verknüpfe ich nicht mit dem Buch. So bleibt es eben etwas fern, anders als bei euch beiden (D+D) entwickle ich hier keine Emotionen, vielleicht weil ich mich nicht wirklich darauf einlasse, mir dadurch einiges fremd bleibt?
Das denke ich gerade so darüber...
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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Katalina » 23.10.2010, 16:49

Hallo!
Ein Gespräch mit Melinda Nadj Abonji von gestern in hr2 Mikaodo kann hier nachgehört werden.

hr2 hat geschrieben:"Tauben fliegen auf?, das neue Buch von Melinda Nadj Abonji , passt perfekt zur Integrationsdebatte, die gerade in Deutschland geführt wird. Als Kind kam sie aus Serbien in die Schweiz, kennt und zeigt somit aus persönlicher Erfahrung die andere Seite der Debatte. In Mikado erzählt sie von ihrer Kindheit als Migrantin und ihrer neuen Rolle als Deutsche Buchpreisträgerin 2010.

Gruß!
Ich lese z.Zt. Navid Kermani "Dein Name"
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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon gretel1203 » 26.10.2010, 20:47

Eigentlich hat mich die Leseprobe im Heft zum DBP2010 gar nicht angesprochen und alle anderen wohl auch nicht, denn das Buch tauchte in unserer Wunsch- bzw. Leseliste nicht auf.
Inzwischen wundere ich mich etwas darüber, aber vielleicht ist es einfach das Thema, das wenige von uns angesprochen hat.
Eine ungarische Serbin in der Schweiz, die in Zeiten des Balkankrieges einen Serben liebt. Und sich im Rückblick an Besuche in der Heimat (Vojvodina) und ihre Verwandtschaft erinnert.

Daniela hat geschrieben:Mich hat die Stimmung von Anfang an so hineingezogen, so mitgerissen, ich fand ihre Art, mit kleinen Beobachtungen so viele unausgesprochene Emotionen zu transportieren, sehr ansprechend, bei mir hat sie da einen Nerv getroffen.

Daniela kann ich da nur zustimmen. Einige Formulierungen haben mich sehr angesprochen, z.B. den Schmerzen Flügel verleihen, auch wenn es vielleicht kitschig klingt :)


Auffällig finde ich die gemeinsamen Themen mit den anderen Büchern der Longlist: Vater-Tochter-Beziehung bzw. Balkankrieg. Eine Rabenmutter (wie bei Zander bzw. Wawerzinek) gibt es bisher jedenfalls noch nicht.
Ich lese gerade: Mehr Leben als eins - Fallada-Biographie und Krimis
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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Daniela » 27.10.2010, 19:27

Ja, mir war aufgefallen, dass das BUch keinen interessiert hatte, mich hatte es aufgrund des Themas sofort angesprochen - ich hab allerdings keine der Leseproben gelesen. Aber Hauptsache, jetzt gefällt es ;-)

Den Generationenkonflikt finde ich hier auch sehr gelungen dargestellt, weil es nicht darum geht, dass ein despotischer Vater seine Kinder quält etc, sondern es eher ein unterschiedliches Streben nach Glück ist, das beim Vater noch durch außen stark behindert ist, während ihr eigentlich alle Wege offen stehen und sie sich trotzdem an ihm reibt, ihn als Gegenpol braucht, um sich zu befreien.

Ralf, bist du mittlerweile auch fertig?
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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon gretel1203 » 27.10.2010, 19:36

Der Generationenkonflikt hat mich sehr an Philipp Roth Empörung erinnert. Auch wenn dort der Ausbruch natürlich drastischer ist.
Ich lese gerade: Mehr Leben als eins - Fallada-Biographie und Krimis
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.

Beitragvon Ela » 19.03.2011, 20:55

.
Zuletzt geändert von Ela am 09.12.2012, 15:36, insgesamt 1-mal geändert.
Ela
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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Martin » 20.03.2011, 22:59

Also, mir hat das Buch sehr gut gefallen, gerade der blumige Stil mit den ellenlangen Einklammerungen und Nebengedanken, ich fand das charmant. Blasse Figuren, naja, teilweise stimmt das. Ich hatte den Eindruck, im Mittelpunkt stehen die Ich-Erzählerin, ihr Vater und die "Mamika", die alle drei sehr genau differenziert charakterisiert werden. Insbesondere der Vater hat mich beeindruckt, wie an seinem Beispiel - er markiert ja gern den coolen Wirtschaftsflüchtling und Verachter des unfähigen kommunistischen Systems - dass jede Migrationsgeschichte eine schlimme Vorgeschichte hat.
Überhaupt schien es mir mehr darum zu gehen, wie sich das anfühlt, Migration, als um eine Geschichte oder Figuren. Und dieses Gefühl des dazwischen, des Nicht-da-und-nicht-dort-Seins, das fand ich wunderbar getroffen.
Übrigens an Dana:
Die Sache mit dem Dativ - Ist das nicht einfach schweizerisches Deutsch (ich lese diesen Dativ oft in der NZZ, auf die ich abonniert bin)?
Was den Einwanderungstest betrifft, kann ich nur von Deutschland sprechen. Hier gibt es den inzwischen auch (ich unterrichte Migranten und muss sie darauf vorbereiten) - glaubt: Es ist der absolute Schwachsinn, was die Leute da auswendig lernen müssen. Aber ohne gibt es heutzutage keinen deutschen Pass mehr.
In meinem Blog hab ich hier schon mal kurz was zum Einbürgerungstest gechrieben:
http://damals.blogger.de/stories/1589146/
Und hier ebenso zu "Tauben fliegen auf":
http://damals.blogger.de/stories/1793614/
Ich lese gerade: Christoph Ransmayr "Atlas eines ängstlichen Mannes".
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Re: Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Beitragvon Bertram » 26.12.2015, 16:18

Ich habe "Tauben fliegen auf" gerade heute fertiggelesen
und bin sehr begeistert von dem Buch, für mich ist es wirklich ein Top-Titel, der Buchpreis ist sehr verdient.

Ich habe noch kaum ein Buch gelesen, das so sensibel und empathisch ein Thema behandelt, ein Thema, in dem sich die Autorin ja gut auskennt, es sind eigene Erfahrungen, was die Sache ja nicht unbedingt leicht macht. Man spürt das Bestreben, der Wahrheit möglichst nahe zu kommen, beziehungsweise den Wahrheiten, denn immer ist klar, dass es mehrere Sichtweisen und Standpunkte gibt, selbst innerhalb der Person: Erinnerungen, erinnerte Empfindungen von damals werden in der heutigen Situation gespiegelt.
Es entsteht ein feines Gespinst aus Erfahrungen und Empfindungen, Fakten und Vermutungen, das mich durch den genauen Blick (mehr als das - hinhören, hinspüren) sehr berührt hat.

Meisterhaft gelingt es Abonji in eine Szene gleichzeitig mehrere Ebenen einfließen zu lassen, schwingen in der Schweiz die Erfahrungen aus der Heimat mit, wird eine erzählte Geschichte bewusst in eine Erzählsituation hineingesetzt und mit den Emotionen der Erzähler und Zuhörer verknüpft.

Und dabei macht Ildiko eine ganz klar herausgearbeitet Entwicklung durch vom Kind zur jungen Erwachsenen, die sich auch in der Sprache widerspiegelt.

Die Sprache ist orginell, eine eigene Kreation, die diese Vielschichtigkeit, Gleichzeitigkeit und Empathie leistet, in sich sehr stimmig und ausgewogen, keine Spur kitschig, weil die - oft drastische - Wahrheit viel zu nah und zu direkt hinter den feinen Wörtern liegt.
Und ja - die ungewohnte Grammatik und Wortwahl liegt zu einem großen Teil am Schweizerdeutsch, an dem sie sich oft orientiert. Beim Thema des Buches eigentlich ganz interessant, zu sehen, wie schon die kleinen kulturellen und sprachlichen Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz zu Irritationen führen können.
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