Joachim Zelter: Der Ministerpräsident 2010

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Joachim Zelter: Der Ministerpräsident 2010

Beitragvon Anja » 04.11.2010, 15:03



bookbird hat geschrieben:Im Rückblick betrachtet hat mir "Der Ministerpräsident" insgesamt gefallen. Während des Lesens war ich streckenweise von der Thematik und / oder Erzählweise, Autor, Charaktere, Plot genervt, so dass ich es weniger als politische Satire genießen konnte. Der Autor verfiel mir manchmal zu sehr in eine Schwarz-Weiß-Malerei, die ich dann statt humorvoll eher als abgedroschen empfand.

In manchen Belangen ist die Geschichte m. E. inkonsequent. Warum porträtiert der Autor den Protagonisten als verheiratet? Der Ehe und der Ehefrau werden im ganzen Roman vielleicht ein dutzend Sätze gewidmet. Für den politischen Berater scheint jedes andere noch so kleine Detail im Leben des Protagonisten in seiner Bedeutung so essentiell zu sein, dass es in irgendeiner Weise manipuliert, korrigiert oder neu erfunden werden muss. Aber die Familienverhältnisse, dass der Hauptcharakter seine Frau nicht mehr erkennt und auch kein erkennbares Interesse an einer Änderung dieses Umstandes zeigt, wird völlig ignoriert.

Der Roman wurde nicht in Kapitel unterteilt. Es gab nur hin und wieder kleinere Absätze. Was mich sehr irritiert hat: ein paar Mal hatte ich das Gefühl, dass mitten im Text zwischen zwei Sätzen ein Zeitsprung von z.B. zwei Wochen stattgefunden hat. Ging es den Anderen in der Runde genauso?

Schade, dass der vielgelobte Humor des Buches völlig an mir vorbei ging. Ich werde aber interessehalber in der Zukunft noch ein weiteres Buch von diesem Autoren lesen.


Salini hat geschrieben:Eine gut zu lesende Erzählung, glaubhaft- daher beileibe nicht so satirisch wie vielfach über das Buch geschrieben. Eine bedauernswerte Figur, dieser Ministerpräsident, der sich zwar mal kurz entzieht, aber- wie es am Ende scheint- fügt. Wobei die Frage bleibt, ob sein "Ausreißen" auch eine Veränderung seiner Politik bringen wird- die guten Umfragewerte könnten ihn ermutigen ;) Ein (zu) leichtes Buch.


Noch ein Buch von der Longlist. Und ich finde es: herrlich. Echt jetzt. "Schule der Arbeitslosen" ist mir als Titel schon mal aufgefallen irgendwo, aber ansonsten hab ich von diesem Autor noch nie was gelesen.
Es geht zunächst mal um Amnesie, einen Unfall und die (Spät)folgen (wie bei "Du stirbst nicht"), um Identität, dann aber auch um Politik und Wahlkampf, wie das funktioniert oder funktionieren könnte. Wie austauschbar Reden sind - ein paar kleine Änderungen, und es passt für den Imkertag.

Inspiriert ist die Geschichte vom Skiunfall des thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus am Neujahrstag 2009 - den Satz eines Arztes "Er weiß, dass er Ministerpräsident ist und er will es auch bleiben." hat er im Buch verwendet. Ansonsten ist der Roman frei erfunden, "so wie ein Laie sich die Politik vorstellt". Urspring ist zum Beispiel der Name der Schule, die Zelter besucht hat. Das "Hinken" bezieht sich auf Des Kaisers neue Kleider. Der Autor selbst äussert sich dazu in einem Podcast-Interview mit literaturcafe.de:
http://www.literaturcafe.de/joachim-zelter-interview-ministerpraesident-buchmesse-podcast-2010/

Dem Unfallopfer steht nach seinem 10tägigen Koma März zur Seite, sein Assistenz, der alles daran setzt, dass Ursprung Ministerpräsident bleibt und auch nicht von diesem Vorhaben abzubringen ist, als der sich danach erkundigt, was denn das eigentlich für eine Partei ist, für die er kandidiert. Nicht unbedingt uneigennützig, er will seinen Job behalten und faselt deswegen von "200.000 Arbeitsplätzen, die gefährdet seien." (Kommt einem doch bekannt vor, oder?)
Was mit Ursprung selbst und seinen (gesundheitlichen) Bedürfnissen ist, interessiert außer der Ärztin niemanden. Hauptsache, er kann in den Wahlkampf. Das gipfel am Ende sogar darin, dass PPB eingesetzt wird: Political Playback, der Mann muss nur noch seine Lippen bewegen für die Inszenierung. Beim Assistenten März bricht Panik aus, als die Tontechnikerin Hannah ihn darauf aufmerksam macht, dass der Ministerpräsident auf einmal gutes Hochdeutsch spricht statt Schwäbisch, das möchte er wieder antrainiert bekommen ... und auch das Englisch ist besser geworden. (Oettinger und seine Rede auf youtube lässt grüssen).
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Re: Joachim Zelter: Der Ministerpräsident 2010

Beitragvon Atalante » 04.11.2010, 17:00

Danke, Anja. Herrlich! Jetzt freue ich mich richtig darauf, es als nächstes zu lesen.

Anja hat geschrieben: Political Playback, der Mann muss nur noch seine Lippen bewegen für die Inszenierung.


Ist das nicht immer so, manchmal vertauschen sie sogar die Hüllen vom Roten, Schwarzen, Grünen oder Gelben Album. :lol:

Anja hat geschrieben: Beim Assistenten März bricht Panik aus, als die Tontechnikerin Hannah ihn darauf aufmerksam macht, dass der Ministerpräsident auf einmal gutes Hochdeutsch spricht statt Schwäbisch, das möchte er wieder antrainiert bekommen ... und auch das Englisch ist besser geworden. (Oettinger und seine Rede auf youtube lässt grüssen).


Nicht nur Ötti grüßt, sondern alle BaWü-Politiker. Warum kriegen die das nicht hin? Wohl zu sehr integriert in die badisch bzw. schwäbische Volksseele. :roll:

Nein, ich habe nichts gegen Dialekte, aber Politiker sollten sich doch um Verständigung bemühen.
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Re: Joachim Zelter: Der Ministerpräsident 2010

Beitragvon Atalante » 12.11.2010, 11:25

Die Hälfte des Buches habe ich nun gelesen und ich kann bookbirds Einschätzung der Abgedroschenheit ganz gut verstehen. Dass der Gute nun Hochdeutsch spricht und Fahrrad fahren muss, um von seinem Handicap abzulenken, wird ziemlich lange ausgewalzt. Die Tontechnikerin sitzt auf dem Balkon und sonnt sich und ich warte auch.
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Re: Joachim Zelter: Der Ministerpräsident 2010

Beitragvon Atalante » 18.11.2010, 07:42

Nach einer kurzen Verschnaufpause habe ich das Buch nun doch noch zu Ende gelesen. Besonders die Eskapade der Beiden hat wieder ein wenig Schwung in das Buch gebracht. Ich fühlte mich gut unterhalten. Leider gab es auch in diesem Abschnitt wieder diesen Holzhammerhumor, - bitte, Oskar Saar, das hätte ich gerne etwas subtiler gehabt. Eine kleines ironisches Stück zum Politik- und Medienzirkus. Irgendwie ein bißchen antiquiert und letztendlich viel zu harmlos.
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Re: Joachim Zelter: Der Ministerpräsident 2010

Beitragvon gretel1203 » 24.11.2010, 18:29

Viel habe ich noch nicht gelesen, aber dieser Berater März geht mir schon mächtig auf den Keks *sorry*.

Interessant fand ich bisher die Auseinandersetzung um den Dialekt und die scheinbare Notwendigkeit der Identifizierung des Wahlvolkes mit/über diesen und die Frage, hat man eine Frau oder hat die Frau einen Mann oder wie auch immer.
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Re: Joachim Zelter: Der Ministerpräsident 2010

Beitragvon gretel1203 » 04.12.2010, 22:33

Geschafft. Am Ende war ich vom Schreibstil, vor allem den kurzen Sätzen ziemlich genervt. Und eigentlich mag ich wörtliche Rede in Romanen auch lieber.
Das Ende fand ich als Folge aller Gängelung gut, auch wenn es nicht gut geht.

Einen Preis hätte das Buch bei mir auch nicht gekriegt.
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