Charlotte Freise - Die Seelenfotografin

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Charlotte Freise - Die Seelenfotografin

Beitragvon Valentine » 04.06.2012, 11:45



Berlin im späten 19. Jahrhundert. Ruven ist im Waisenhaus großgeworden und arbeitet jetzt am Rande eines Rummelplatzes als Assistent eines zwielichtigen Fotografen, der sein Geld vorwiegend mit anrüchigen Aufnahmen von Frauen verdient. Als ein ehrgeiziger Anstaltsarzt einen Fotografen für Aufnahmen seiner geistig verwirrten Patienten sucht, wittert Ruven eine Chance auf eine ehrbarere Laufbahn. Bevor er jedoch seine neue Anstellung antreten kann, kommt es auf dem Rummelplatz zu einem Zwischenfall und er muss unter falschem Namen untertauchen.

Die Zusammenarbeit mit der Klinik kommt schließlich doch zustande, und Ruven ist gleichzeitig fasziniert und abgestoßen von den Forschungsansätzen des Doktors, der sich die neu entdeckte Elektrizität zunutze machen will, um Nervenleiden zu heilen. Eine der Patientinnen ist die gelähmte Isabel. Die Vierzehnjährige ist erstaunlich gebildet für ihr Alter und die ärmlichen Verhältnisse, in denen sie mit ihrer Tante lebt, nachdem ihre gesamte Familie bei einem Brand ums Leben gekommen ist und übt einen unerklärlichen Zauber auf Ruven aus, obwohl sie ihm zuweilen ziemlich hysterisch erscheint.

Gleichzeitig entwickelt sich bei Ruven eine zarte Zuneigung zu seiner Vermieterin Elfi, deren halbwüchsiger Sohn Peter wiederum in Isabel verschossen und neben ihrer Tante deren wichtigste Bezugsperson ist ...

Titel und Klappentext sind einigermaßen irreführend - um den Versuch, die menschliche Seele fotografisch festzuhalten, geht es erst sehr spät in dem Buch. Hauptsächlich ist es die Geschichte zweier junger Menschen, denen das Leben übel mitgespielt hat und die versuchen, sich aus den Zwängen ihrer Lebensumstände so gut es geht zu befreien. Beide sind eigenwillige, etwas sperrige Charaktere, besonders Isabel ist nicht unbedingt leicht zu mögen.

Sprachlich ist der Roman leicht altertümelnd, was öfter etwas bemüht wirkt, ebenso gibt es einige reichlich schiefe Metaphern. Insbesondere die Beschreibungen des "Geschlechtlichen", um es mal so auszudrücken, hatten für mich etwas unterschwellig Abstoßendes, obwohl sie weder besonders explizit noch besonders vulgär waren. Dafür ist es der Autorin sehr gut gelungen, die Atmosphäre Berlins im ausgehenden 19. Jahrhundert einzufangen. Sehr lebendig schildert sie die Aufbruchsstimmung in ein Zeitalter der Elektrizität, neue Perspektiven in Technik, Wissenschaft und Medizin (wobei einem angesichts so mancher "vielversprechender" Heilmethoden aus heutiger Sicht die Haare zu Berge stehen) aber auch die hässliche, ärmliche, trostlose Seite der Armenviertel.

Im ersten Drittel des Buches tat ich mich recht schwer mit der Geschichte, die dann aber doch noch einen ziemlichen Spannungssog entwickelte. Leider wurde es auf den letzten Seiten für meine Begriffe doch reichlich überzogen, und das Ende hat mich dann eher enttäuscht zurückgelassen.
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