Connie Willis - Passage

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Connie Willis - Passage

Beitragvon Valentine » 04.06.2012, 11:54



Die Psychologin Joanna Lander versucht, Nahtoderfahrungen von der wissenschaftlichen Seite her zu erforschen und steht dabei in ständigem Wettstreit mit dem esoterisch angehauchten Autor Maurice Mandrake, der darin nur Metaphysisches sieht und seine Interviewpartner gerne mal dahingehend beeinflusst. Eines Tages taucht in ihrem Krankenhaus der Neurologe Richard Wright auf, der es geschafft hat, mit Hilfe eines neuen Medikaments Nahtoderfahrungen bei Testpersonen zu simulieren und gleichzeitig die Hirnaktivität auf Besonderheiten überprüft. Diese neue Fortschungsmethode möchte er nun an seinem neuen Arbeitsplatz einführen und sucht Testpersonen.

Joanna ist davon natürlich fasziniert und stellt sich selbst als Forschungsobjekt zur Verfügung, nachdem es einige Schwierigkeiten mit den Freiwilligen gab. Was sie in diesem merkwürdigen Zwischenzustand erlebt, ist etwas ganz anderes als Maurice Mandrakes Engel - sie befindet sich an einem Ort, den sie zu kennen glaubt und hat das Gefühl, dass das eine bestimmte Bedeutung hat, die sie herausfinden muss ...

Schwierig, das Buch zusammenzufassen, ohne zuviel zu verraten. Es geht um viel mehr als nur Wrights Experimente. Die Frage, was nach dem Tod geschieht und was Nahtoderfahrungen nun eigentlich sind, ist natürlich ein zentrales Element des Buches, das von verschiedenen Seiten her beleuchtet wird und auch nach beendeter Lektüre noch sehr zum Nachdenken anregt, aber Willis wäre nicht Willis, wenn sie nicht auch hier wieder einen ausgezeichneten Blick für den ganz normalen Wahnsinn im Alltag hätte. So ist das Krankenhaus baulich eine Katastrophe und für Neulinge ein wahres Labyrinth, die Cafeteria ist so gut wie nie geöffnet, und in vielen Fällen lassen sich ganz einfache Dinge nicht schnell erledigen, weil irgendwelche beamtig-blödsinnigen Vorschriften im Weg sind. Trotz des ernsten Themas - neben dem Tod spielt auch der Verlust der Persönlichkeit durch Demenz eine Rolle - kommt auch ein oft schwarzer Humor nicht zu kurz, und es gibt zahlreiche köstliche Popkultur-Referenzen wie herrlich giftige Seitenhiebe auf den "Titanic"-Film.

Die Handlung nimmt dann eine für mich völlig unerwartete Wendung, und ich hatte Bedenken, sie könne in eine arg esoterische Richtung abdriften, was aber zum Glück doch nicht im befürchteten Maße eingetreten ist. Also vergebe ich guten Gewissens die Höchstwertung für ein Buch, das so ziemlich alles hat, was ich in Büchern mag: sympathische Figuren, einen tollen Stil, Ironie und Humor, eine großartige Beobachtungsgabe, Stoff zum Nachdenken und auch noch ein bisschen Medizinisches. Ach ja, und die letzten Worte berühmter (oder auch weniger berühmter) Personen als Kapitelüberschriften fand ich auch klasse, sowas trifft meinen schwärzlichen Humornerv.
Medicine, law, banking - these are necessary to sustain life.
But poetry, romance, love, beauty - these are what we stay alive for.

(Dead Poets Society)
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