Nina George - Die Mondspielerin

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Nina George - Die Mondspielerin

Beitragvon Valentine » 04.06.2012, 11:55



Marianne, seit 40 Jahren gefangen in einer freudlosen, lieblosen, eingefahrenen Ehe mit dem wenig einfühlsamen und höchst knickerigen Lothar, tut zum ersten Mal in ihrem Leben, was sie will, als sie auf einer Parisreise in die Seine springt, um sich umzubringen. Doch nicht einmal das gelingt ihr. Gegen ihren Willen wird sie gerettet und ins Krankenhaus eingeliefert, wo ihr eine bemalte Fliese in die Hände fällt, die ein Motiv aus dem bretonischen Fischerdorf Kerdruc zeigt.

Fasziniert von diesem Bild, beschließt sie, nicht zu Lothar zurückzukehren, sondern dorthin zu fahren und ihrem Leben dort, im Meer, ein Ende zu setzen. Mit dem letzten bisschen Geld aus ihrer Handtasche kauft sie ein Zugticket und macht sich auf den Weg in den kleinen Ort, der in Wirklichkeit noch viel schöner ist als auf dem Bild. Und obwohl sie zunächst noch fest entschlossen ist, ihren Plan in die Tat umzusetzen, wird aus dem Selbstmord vorerst nichts. Aufgrund einer Verwechslung kommt sie schnell zu einem Job und einer Unterkunft. Obwohl sie sich innerlich immer noch dagegen sträubt, Wurzeln zu schlagen, schließt sie Freundschaft mit einigen Einheimischen. Und ganz allmählich merkt Marianne, dass das Leben erfüllt, emotional und schön sein kann -ohne Lothar, ohne Zwänge, ohne Selbstverleugnung.

Marianne ist eine dieser Frauen, die immer nur gelernt haben, sich selbst zurückzunehmen und die Wünsche anderer über die ihren zu stellen. Aufmucken ist für sie unvorstellbar, was sich ihr Mann natürlich gnadenlos zunutze gemacht hat. Und so ist es kein Wunder, dass es eines Tages zu der Kurzschlussreaktion kommt, von der Brücke zu springen. Ihren Lebensmut und vor allem ihre Lebensfreude hatte sie sowieso schon längst verloren.

Die Bretagne, diese atemberaubend schöne, wilde Landschaft am Meer, hinterlässt bei der Frau, die eigentlich nur noch sterben will, einen tiefen Eindruck und weckt ebenso wie die neu entstehenden zwischenmenschlichen Bindungen Lebensgeister, von denen sie gar nicht wusste, dass sie in ihr schlummern. Und ohne es zu wollen, verändert Marianne nicht nur ihr eigenes Leben von Grund auf, sondern setzt auch bei ihren neuen Freunden einige Ereignisse in Gang.

Das Porträt dieses herrlichen Landstrichs und seiner Bewohner ist Nina George wirklich schön geglückt, eindringlich, lebendig und sehr berührend. Die alten Bräuche und Legenden spielen neben der Haupthandlung eine große Rolle. Natürlich steht Mariannes Emanzipation von ihrem alten, verkorksten Leben im Mittelpunkt, aber auch die Einheimischen haben mich in ihren Bann gezogen - das alte Ehepaar, das unter der fortschreitenden Demenz der Frau leidet; der junge Koch, der es nicht fertigbringt, seiner Angebeteten seine Liebe zu gestehen; der schwelende uralte Konflikt zwischen der Hotelbesitzerin und ihrem schärfsten Konkurrenten oder die beiden alten Freunde, die bei reichlich Wein die Nächte durchphilosophieren.

Man mag vielleicht bekritteln, dass sich die Dinge manchmal ein bisschen allzu gut zueinander fügen, aber dieses Buch ist eine wirklich wunderschöne, entspannende Urlaubslektüre, die man am Schluss mit einem Abschiedsseufzer und einem glücklichen Lächeln zur Seite legt. Besonders empfehlenswert natürlich für Bretagne-Reisende.
Medicine, law, banking - these are necessary to sustain life.
But poetry, romance, love, beauty - these are what we stay alive for.

(Dead Poets Society)
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