Sarah Waters - The Little Stranger (Der Besucher)

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Sarah Waters - The Little Stranger (Der Besucher)

Beitragvon Valentine » 24.01.2013, 13:19



Dr. Faraday ist praktischer Arzt im ländlichen Warwickshire kurz nach dem 2. Weltkrieg. Sein Leben ist äußerst unspektakulär und dreht sich hauptsächlich um die Versorgung seiner Patienten. Frau oder Freundin hat er nicht, und er ist mit seinem Dasein als Landarzt weder besonders glücklich noch besonders unglücklich.

Einer seiner vielen Hausbesuche führt ihn nach Hundreds Hall, einem herrschaftlichen Landsitz, den er aus seiner Kindheit noch in ehrfürchtiger Erinnerung hat, weil seine Mutter dort als Hausmädchen arbeitete. Dreißig Jahre nach Faradays letztem (und einzigem) Besuch dort ist aus dem schönen Herrenhaus ein ziemlich heruntergekommener alter Kasten geworden, mit dessen Unterhalt sich die Familie Ayres zunehmend schwertut, obwohl die verwitwete Hausherrin und vor allem ihre beiden Kinder Caroline und Roderick sich alle Mühe geben. Das Geld reicht einfach hinten und vorne nicht, Roderick hat schwer mit den körperlichen und psychischen Nachwehen des Krieges zu tun, und irgendwann ist es, als finge das Haus höchstselbst an, sich gegen seine Besitzer zu wenden.

Geisterhafte Vorkommnisse, mysteriöse Zeichen an den Wänden und das Gefühl, nicht alleine im Haus zu sein, lassen sich zunächst noch als Hirngespinst eines heimwehkranken Dienstmädchens abtun, doch dann wird Faraday mit eigenen Augen Zeuge eines fatalen, schwer zu erklärenden Ereignisses, und Roderick vertraut ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit noch Seltsameres an.

Sarah Waters ist eine Meisterin der Atmosphäre. Wunderbar ihre Schilderung des alten Besitzes, dessen einstige Pracht nur noch zwischen abgesperrten Zimmern mit verhängten Möbeln und dem verwahrlosten Parkgarten zu erahnen ist, und der verzweifelten, vergeblichen Bemühungen der Familie, Haus und Grund zu erhalten. Auch ihre Figuren sind großartig gezeichnet, keine glattgebügelten Genreklischees, sondern Menschen mit Ecken und Kanten, die sich alle auf ihre Art durchs Leben zu kämpfen versuchen. Das Zwischenmenschliche fand ich fast noch spannender als den vermeintlichen Geist von Hundreds Hall, der Faraday und den Ayres' Rätsel aufgibt. Auch die Beschreibungen des ländlichen Lebens nach dem Krieg, noch geprägt von Warenknappheit, Lebensmittelmarken und Kriegsruinen in den Städten, oder Szenen aus Faradays ärztlicher Tätigkeit habe ich unglaublich gerne gelesen.

Das soll nicht heißen, dass die "Geister"-Handlung mich nicht gepackt hätte, im Gegenteil, ich habe förmlich auf die Auflösung hingefiebert, die hinter den sich bewegenden Gegenständen und den Schriftzeichen an den Wänden und den anderen Kuriositäten steckte. Waters hat in ihren anderen Büchern ja erfreulicherweise auch für die seltsamsten übersinnlich erscheinenden Phänomene immer eine rationale Erklärung gefunden. Diesmal konnte ich mir so gar nicht vorstellen, wohin die Reise führt - und leider, leider ist das mein großer Kritikpunkt an dem Buch, was auch zu einer schlechteren Bewertung geführt hat: das Ende hat mich überhaupt nicht zufriedengestellt. Nachdem ich 500 Seiten lang gehofft, gebangt und mich gegruselt hatte, nachdem sich die Situation auf Hundreds Hall immer dramatischer zugespitzt hatte, war der Schluss für mich eine echte Enttäuschung. Sehr, sehr schade.
Medicine, law, banking - these are necessary to sustain life.
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(Dead Poets Society)
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