Erzählungen aus Brasilien

Hier ist Raum für alles rund um Bücher: Eindrücke nach dem Lesen, Rezensionen, Fragen, Austausch...

Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon penguin » 05.10.2013, 17:03

Ich war heute in unserer Buchhandlung und wollte einen Band Erzählungen aus Brasilien kaufen - die Mädchen waren inkompetent und die Inhaberin unfreundlich.

Was könnt ihr empfehlen?

Mein Portugiesisch ist leider nur noch passiv vorhanden und reicht zum Lesen von Literatur nicht mehr aus.

Danke :-)
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon Tomke » 05.10.2013, 20:19

Ich kenne leider gar nichts.

Im Literaturteil der ZEIT ist diese Woche allerdings ein längerer Artikel über aktuelle brasilianische Literatur. Vielleicht hilft das? Da Brasilien Gastland der Buchmesse ist, werden wohl auch andere Zeitungen dazu hilfreiche Artikel bieten???
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon penguin » 06.10.2013, 04:47

Es war wohl doch diese Anthologie, die ich gesehen hatte und meinte:



Brasilien erzählt: (Fischer TaschenBibliothek) von Christiane Freudenstein (Herausgeber)

aber das Buch ist kaum größer als ein Notizbuch, das Format hat mich dann doch abgeschreckt.
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon Daniela » 30.10.2013, 21:21

Keine Erzählung, aber ein Roman, der bei Atalante und auch anderen Rezensenten gut wegkam:
Die Flut von Daniel Galera. Mich jedenfalls lockt das Buch seither (als einziges mit explizit brasilianischem Hintergrund) ...
Daniela

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http://www.die-leselust.de


Meine Krimiempfehlung:
Oliver Tidy - DOVER
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon penguin » 04.11.2013, 15:48

Auch keine Erzählung, sondern ein Reisebericht von "Python" Michael Palin:



Brazil. Gibt es auch als DVD der entsprechenden BBC-Reisesendungen. Nachdem ich 2015 zur Hundertjahrfeier meiner Schule nach Rio fahren werde, hat mir mein Mann das Buch geschenkt, und ich bin immer wieder erstaunt, an wie viel ich mich noch erinnere ....
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Literatur aus Brasilien

Beitragvon Bertram » 11.11.2013, 17:13

Nachdem man sich thematisch schon von den Erzählungen wegbewegt hat,
stelle ich die Bücher, die ich gerade für die Literaturgruppe zum Thema brasilianische Literatur gelesen habe, beziehungsweise lese, hier kurz vor:


Jorge Amado: Nächte in Bahia
Das Buch ist so alt wie ich, geschrieben 1964 und das merkt man ihm auch an: Ein Erzähler, der den Leser an der Hand nimmt und wie ein Fremdenführer durch die "Halb- und Unterwelt" von Bahia führt: "Das soll jetzt noch nicht erzählt werden, das erfährst du, lieber Leser, erst später"
Ich bin ein langsamer Leser, habe mich aber hier angewohnt, etwas mehr über die Zeilen mit ihren Wiederholungen und Aufzählungen zu fliegen.
Man merkt bei dem Ganzen aber doch, dass diese Gesellschaftsschichten Amado vertraut sind; er entwirft Typen, die nur in diesem Umfeld denkbar sind, die Geschichten (der Roman besteht aus drei unabhängigen Erzählungen, mit demselben Personal, zeitlich linear, mit Bezügen zueinander) steigern sich jeweils zum Schluss in eine richtige Spannung hinein; das ist schon gut erzählt, weil objektiv betrachtet gar nicht so Spektakuläres passiert und man sich der Spannung doch nicht entziehen kann.

Besonders sind die Beschreibungen der afro-amerikanischen Religion Candomblé, die mit Fachausdrücken im Wortregister Einblick geben in diesen Kult, der sich mit dem Christentum lose verbunden hat.

Sprachlich das genaue Gegenteil:


Andrèa del Fuego: Geschwister des Wassers

Zu Beginn war ich absolut hingerissen von diesem Buch, vor allem von der eigenwilligen Sprache: sehr karg, sehr zurückhaltend, teilweise fast wissenschaftlich, aber gleichzeitig sind da Sätze von wunderbarer Poesie, die sich natlos in das Ganze einfügen.

So beginnt das Buch:
Die Serra Morena ist steil, feucht und fruchtbar.
Am Fuße des Gebirges leben die Malaquias, das Fenster ihres Hauses ist groß wie eine Tür, die Tür von der Gravität dunklen Holzes.[...]
Die Kinder stellten sich im Kreis um den Brunnen auf, das Grundwasser spiegelte drei Paar Hände, ein jedes umrahmte zwei glänzende Punkte und eine Nase

Ein Blitz fährt in das Haus und tötet die Eltern - die Kinder überleben und werden getrennt. Im Buch geht es dann um die verschiedenen Lebenswege, die Sehnsucht nacheinander und das Vergessen, das Wiedersehen, das gelingt, oder nicht gelingt.
Der Blitzschlag könnte aus dem Drehbuch von CSI stammen:
Das Herz der Eltern befand sich in der systolischen Phase, die Aorta zog sich gerade zusammen. Die Hauptschlagader war kontrahiert, die elektrische Ladung konnte nicht durchfließen und sich erden ...

Nach und nach schleicht sich Fantasisches und Irrationales in das Buch, es hat schon einen Reiz, dass sie diese Phänomäne oft auch mit einer wissenschaftlichen Sprache beschreibt, obwohl es inhaltlich reine Fantasie ist. Wenn da die Verstorbene Geraldina auftaucht, so ist das nicht ihr Geist, sondern ein Rest von Molekülen, Ionenverbindungen, die manchmal eine zusammenhängende Strukur haben und sich dann wieder im Wasser auflösen.

Das Fantastische kriegt dann immer mehr Raum, als das ganze Tal von einem Stausee überflutet wird, dessen Wasser kommt und wieder verschwindet auf eine geheimnisvolle "andere Seite", von der man nicht viel weiß.

Es wird etwas verwirrend am Schluss, der auch offen bleibt.
Ich habe gegen Ende sicher auch zu schnell gelesen, man muss das Buch genießen wie eine gute Mahlzeit und langsam kauend lesen.


Jetzt habe ich begonnen mit:

Daniel Galera: die Flut

Ich habe erst 30 Seiten gelesen.
Der Beginn ist stark, eine schöne, erzählerische Sprache;
Menschen zu denen man sofort ein Bild und einen Bezug hat.

Drei sehr unterschiedliche Beispiele der brasilianischen Literatur.
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon penguin » 12.11.2013, 03:43

Danke schön, Bertram!

Ich habe mir außerdem bestellt:


Kersten Knipp - Das ewige Versprechen: Eine Kulturgeschichte Brasiliens

Im Moment gibt es ja wegen WM und Olympia viel zu Brasilien zu lesen.
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon penguin » 27.08.2015, 18:29

Mittlerweile habe ich nicht nur mein Flugticket nach Rio :-), sondern auch "Flut" fast fertig gelesen und außerdem auf dem SUB den hübschen Band
Rio de Janeiro - Eine literarische Einladung
liegen



In Rio werde ich außerdem die Übersetzerin treffen, die Stefan Zweig ins Portugiesische übersetzt hat (ich kenne sie von früher), ich freue mich schon sehr!

Das Buch von Andréa del Fuego klingt nicht, als könnte es mir gefallen; Amado muss ich mal schauen.
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon Dana » 28.08.2015, 08:04

Hallo penguin,

in letzter Minute noch eine Empfehlung von mir, falls du den Autor noch nicht kennst:



Machado de Assis gehört zu den großen Klassikern der brasilianischen Literatur, sehr unterhaltsam zu lesen, feine Ironie, Witz, Originaltität sind seine Kennzeichenm, für mich eine richtige Enteckung.

Viel Spaß und schöne Entdeckungen in Rio! Um das Treffen mit Zweigs Übersetzerin beneide ich dich sehr :)

LG,
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon penguin » 28.08.2015, 17:32

Liebe Dana, das habe ich mir auf den Wunschzettel gesetzt und eine Leseprobe heruntergeladen, vielen Dank.

Du liest Kennedy in deutscher Übersetzung? Ich frage mich, warum man auf amazon nicht mehr automatisch den Originaltitel angezeigt bekommt, sondern ihn mühsam suchen muss ...
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon Dana » 29.08.2015, 09:41

penguin hat geschrieben:Liebe Dana, das habe ich mir auf den Wunschzettel gesetzt und eine Leseprobe heruntergeladen, vielen Dank.

Du liest Kennedy in deutscher Übersetzung? Ich frage mich, warum man auf amazon nicht mehr automatisch den Originaltitel angezeigt bekommt, sondern ihn mühsam suchen muss ...
[/quote]

Ja und ich tue mich verdammt schwer ... dabei habe ich mich so sehr gefreut, dass es mal wieder neue Erzählungen von ihr gibt. Es sind diesmal sehr sperrige Texte, die manchmal erst beim wiederholten Lesen (von mir) zu knacken sind :-) Das macht aber auch Spaß ...

Ich bin gespannt was du zu Dom Casmurro sagst :-) Ich werde den Autor auf jeden Fall im Blick behalten.

Und deine Meinung zu Galera interessiert mich auch sehr, das Buch liegt schon auf meinem Stapel.

LG,
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon penguin » 29.08.2015, 12:03

Dana, der Galera hat mir ausgesprochen gut gefallen. Gut geschrieben, gut übersetzt (mein Portugiesisch reicht nicht mehr, um Literatur im Original zu lesen), lebendig und anschaulich beschrieben. Das Ende in Teil 3 wird dann etwas surreal, aber insgesamt stimmig. In einem Wort: lohnenswert!
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon penguin » 03.12.2015, 22:41

Nix Rio, ich sag nur Lufthansa-Streik …
Aber ich werde jetzt statt dessen im März fliegen. So die Lufthansa denn will.
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon Dana » 04.12.2015, 12:24

ach ne, oder? :( Das tut mir leid ...

LG,
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon penguin » 18.02.2016, 16:12

jetzt aber :-) In gut drei Wochen geht es los, eine Woche Rio, ich freu mich schon riesig.
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon Dana » 19.02.2016, 09:14

penguin hat geschrieben:jetzt aber :-) In gut drei Wochen geht es los, eine Woche Rio, ich freu mich schon riesig.


Na dann, viel Spaß und viele schöne Erlebnisse!! Ich freue mich shcon auf deinen Bericht :D

LG,
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon penguin » 26.03.2016, 19:58

Dana, was willst du hören?
Landschaften oder Begegnungen?
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon Daniela » 31.03.2016, 12:44

ich bin zwar nicht Dana, aber: ALLES ;-))
Ich hoffe, du hattest eine richtig, richtig gute Zeit!
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon Dana » 31.03.2016, 12:51

Ich auch, Ich auch, alles!! Willkommen zurück!

LG,
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Re: Erzählungen aus Brasilien

Beitragvon penguin » 31.03.2016, 18:14

Rio ist eine faszinierende Stadt.

Nicht, wenn du unten in Ipanema zwischen den Hochhäusern im Stau stehst, wohl aber, wenn du von oben (Zuckerhut, Corcovado, Nationalpark) runterschaust. Ipanema allein hat mehr Einwohner als manche deutsche Großstadt, nämlich 800.000, und weitere zwei Millionen Menschen wohnen in den Elendsvierteln, den Favelas, die sich hinter den glitzernden Hochhäusern die Hügel hochziehen. Rio ist eine Stadt der Gegensätze. Lärm, Dreck, Verkehr, schlechte Luft, Hitze, Panzerglas und elektrisch gesicherte Gittertore – bunt gemischt die Menschen, farbig die Lebensmittel auf den Märkten und die Marktverkäufer.

Und außerordentlich herzlich sind sie, das macht das Klima, die Sonne und die Nähe zum Meer. Ich habe von 1968 bis 1970 dort gelebt und bin seither nicht mehr dort gewesen, und trotzdem war der Draht gleich wieder da. Die gemeinsamen Erinnerungen waren die Brücke, die sprichwörtliche brasilianische Gastfreundschaft tat ein Übriges, es war unvergesslich. Es ist unglaublich, wie viel man in sechs Tage packen kann.

Ich wurde herumgefahren und bekocht, eingeladen und herumgeführt, ich habe vor dem Haus gestanden, in dem wir damals gewohnt haben, unsere alte Schule besucht und zusammen mit unterschiedlichen Leuten letztendlich die ganze Stadt gesehen. Ich habe festgestellt, dass Senioren wichtige Privilegien besitzen (auch wenn die Tourismusindustrie diese gelegentlich auf Brasilianer beschränkt ...), bin „einheimisch“ gewesen mit Hausschlüssel im Stadtviertel und konnte auch noch ausreichend Portugiesisch, um mit denen zu kommunizieren, die keine andere Sprache sprechen.

Es war insgesamt die mühselige Anreise mehr als wert!
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