Fred Uhlman, Der wiedergefundene Freund

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Fred Uhlman, Der wiedergefundene Freund

Beitragvon svenadrian » 21.01.2014, 14:58

Es ist kein neues Buch, trotzdem will ich etwas dazu sagen. Wie der Titel "Der wiedergefundene Freund" verrät, geht es um eine Freundschaft, und zwar zwischen dem Sohn eines jüdischen Arztes und einem Adligen, die ein humanistisches Gymnasium in Stuttgart während des Dritten Reiches besuchen. Die beiden kommen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen; was die Jungen zusammenführt, ist Streben nach Bildung und eine Sympathie, die Barrieren überwindet.
Die feinfühlige Darstellung einer Freundschaft ist das eine, aber besonders eindrucksvoll ist, in welchem Maße die Familie des jüdischen Arztes in der deutschen Kultur und süddeutschen Heimat verwurzelt ist. Im 19. und 20. Jahrhundert hat es ja bedeutende Komponisten, Maler, Autoren und Verleger mit jüdischen Wurzeln gegeben, welche die deutsche Kultur mitgeprägt haben. Und da kommt so ein halbgebildeter, im zivilen Bereich gescheiterter Schreier aus Österreich und zerstört diese Säule deutscher Kultur und erhebt sich über die Angehörigen eines uralten Kulturvolkes. Doch der Schreier ist verschwunden und jüdische Elemente der deutschen Kultur leben fort, nicht zuletzt durch die Erzählung "Der wiedergefundene Freund" des jüdischen Autors Uhlman.
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Re: Fred Uhlman, Der wiedergefundene Freund

Beitragvon Atalante » 21.01.2014, 20:56

Ich stimme Dir zu, allerdings haben vor dem Schreier auch schon viele andere geschrieen. Der Herr Schicklgruber hat sich den Zeitgeist geschickt zu Nutze gemacht.

http://www.antisemitismus.net/geschichte/heid.htm
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Re: Fred Uhlman, Der wiedergefundene Freund

Beitragvon Tomke » 22.01.2014, 09:11

Hallo Svenadrian,

willkommen in der Leselust und danke für diesen Beitrag. Macht mir Lust darauf, das Buch zu lesen!

Gruß
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Re: Fred Uhlman, Der wiedergefundene Freund

Beitragvon Valentine » 09.08.2016, 14:41

Als ein neuer Schüler in Hans Schwarz' Gymnasialklasse kommt, ist er sofort aus unerfindlichen Gründen beeindruckt von diesem Konradin von Hohenfels und wünscht sich nichts mehr, als dessen Freund zu werden, was ihm schließlich auch gelingt - bald sind die beiden Jungen unzertrennlich, treffen sich regelmäßig, diskutieren über Gott und die Welt, unternehmen gemeinsam Wanderausflüge.

Doch dann kommt Hitler an die Macht, und auf einmal werden Hans' jüdische Wurzeln ein Thema. Zuvor fiel kaum auf, dass Hans Jude ist, da seine Familie den Glauben kaum praktiziert und höchstens einmal die Mutter zu hohen Festtagen in die Synagoge geht, aber nun gibt ein neuer Lehrer antijüdische Parolen von sich, und Hans stellt mit Entsetzen fest, dass Konradins Eltern treue Anhänger der Nazis sind - eine Zerreißprobe für die Freundschaft.

Aus heutiger Sicht wirkt Hans für einen fünfzehn- oder sechzehnjährigen Jungen sehr schwärmerisch und noch recht kindlich mit seinen hehren Träumen und seinem brennenden Wunsch nach einem guten Freund, passt damit aber gut in seine Zeit.

Dass er Jude ist, tat überhaupt nichts zur Sache, bis die Nazis auf der Bildfläche erschienen. Die Familie Schwarz ist eine ganz normale deutsche Familie, alteingesessen, heimatverbunden, angesehen in Stuttgart. Umso unfassbarer ist der plötzliche Hass, der ihnen wegen ihrer Religion entgegenschlägt, die ihnen nicht einmal wichtig ist. Immer wieder erschreckend!

Die Entwicklung der Freundschaft zwischen Hans und Konradin ist vor diesem Hintergrund geradezu vorprogrammiert, und doch wartet ganz am Ende noch eine überraschende Schlusspointe auf den Leser.

Die Novelle umfasst kaum mehr als hundert Seiten, aber trotz der knappen Form bringt Fred Uhlman das noch vage, aber doch deutlich heraufziehende Unheil der Hitlerzeit in leisen Tönen, aber eindrucksvoll auf den Punkt.
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