CHARLOTTE von David Foenkinos

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CHARLOTTE von David Foenkinos

Beitragvon Bruna » 09.09.2015, 11:35

David Foenkinos setzt sich in diesem Versroman (oder sollte man eher Bericht sagen?) mit der Malerin Charlotte Salomon auseinander. Die sehr persönliche Sichtweise des Autors auf Charlotte Salomon ist berührend, einfühlsam und faszinierend in Bezug auf den Stil. Auch wenn die Versform anfangs verwirrend erscheinen mag, so liest man sich doch sehr schnell ein und für mich war es schon bald die einzig richtige Form für dieses Erzählen.
Foenkinos erzählt über das kurze Leben der Malerin Charlotte Salomon (1917-1943). Hineingeboren in eine Familie (mütterlicherseits) mit starkem Hang zum Suizid wächst Charlotte wohlbehütet auf. Früh verliert sie jedoch die Mutter. Der Vater, ein angesehener Arzt, heiratet ein zweites Mal. Charlotte liebt und verehrt die Stiefmutter, eine berühmte Sängerin. Als die Nazis immer mehr gegen die jüdische Bevölkerung vorgehen wird auch Charlottes Vater verhaftet. Nachdem er schwer traumatisiert wieder frei kommt, überreden die Eltern Charlotte zur Reise nach Südfrankreich, zu den inzwischen dort lebenden Großeltern. Doch die Nazis kommen auch nach Südfrankreich, und Charlotte in ein Lager. Sie kommt wie durch ein Wunder wieder frei und beginnt wie besessen zu malen. Sie malt um ihr Leben. Malt gegen das Verrücktwerden an.
Den Nazis entkommt Charlotte Salomon aber nicht. Sie wird 1943 in Auschwitz ermordet. Zu dieser Zeit war sie schwanger.

David Foenkinos‘ „Charlotte“ ist für mich ein Lesehighlight dieses Jahres. Nicht nur bin ich froh durch dieses Buch von Charlotte Salomon erfahren zu haben, sondern bin auch wirklich sehr angetan von der Art wie Foenkinos dieses Buch geschrieben hat. Auch, dass er sich selbst in die Geschichte einbezogen hat gefällt mir. So erfahren wir auch wie der Autor auf Charlotte Salomon aufmerksam wurde und warum er seinen Roman in dieser Form geschrieben hat.

Ich freue mich auch sehr, dass derzeit (noch bis 18.10.) eine Ausstellung zum Werk von Charlotte Salomon im Salzburger Rupertinum zu sehen ist, die ich mir auch anschauen werde. Ich hoffe ihr Buch „Leben? Oder Theater?“ ist dort auch zu bekommen.

servus aus Wien,
Bruna

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Re: CHARLOTTE von David Foenkinos

Beitragvon Bertram » 17.09.2015, 16:07

Danke, Bruna, für den Hinweis.
Ich habe von Charlotte Salomon bisher noch nie etwas gehört,
das Buch werde ich mir vormerken.

LG
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Re: CHARLOTTE von David Foenkinos

Beitragvon Bruna » 17.09.2015, 18:49

Bertram, bevor ich dieses Buch entdeckt hatten, kannte ich Charlotte Salomon auch nicht.
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Re: CHARLOTTE von David Foenkinos

Beitragvon Daniela » 13.01.2016, 11:16

Angeregt unter anderem durch deine Begeisterung, Bruna, aber auch noch durch einige andere, die es als Lesehighlight preisen, hatte ich gestern Glück und konnte das Buch in der Onleihe gleich ausleihen.

Hm. Leider hat diese Erzählweise auf mich überhaupt nicht gewirkt. Im Gegenteil.
Diese kurzen, banalen Sätze...
"Sie hat trotzdem eine Freundin gefunden. "
-> Anmerkung: das ist schon ein richtig komplexer Satz in diesem Buch
"Die schöne, blonde Barbara, die Arierin schlechthin.
Heil Hitler, sagt Barbara. Ich bin so schön."


Dazu kam das ungute Gefühl, das ich meistens habe, wenn ein echtes Leben in Romanform verarbeitet wird... das Behaupten von Dialogen und Emotionen, die trotz allem fiktional bleiben.

Aber das, was ich inhaltlich daraus erfahren habe, erfreut mich trotzdem - und wer einen Einblick in ihr Leben - oder Theater? haben möchte, dem empfehle ich diesen Link:

http://www.jhm.nl/collection/specials/c ... er-theater
Daniela

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Re: CHARLOTTE von David Foenkinos

Beitragvon Bertram » 19.01.2016, 18:00

Hallo Daniela,

vielen Danke für den Link!

Ich habe das Buch auch schon beinahe fertiggelesen - teils als Hörbuch, und beim Lesen habe ich immer etwas die Hörbuchstimme im Ohr, das erleichtert vielleicht etwas den Zugang.
Mir ist es teilweise auch so gegangen, dass mir die banalen Sätze etwas unbehaglich waren - kann man so einfach - so naiv (nicht unbedingt im Inhalt oder in den Bildern, wirklich in den Sätzen) so ein Thema behandeln? Wobei man sagen muss, dass nicht alle Sätze nur schlicht sind, immer wieder sind kunstvolle Kleinode dazwischen.
Als ich beschloss die Form einfach so zu nehmen, wie sie ist, merkte ich schon, dass diese einfachen Sätze auch etwas leisten: Sie entsprechen sehr dem Wesen von Charlotte, es entsteht etwas sehr Feinfühliges und Zerbrechliches (Das liegt vielleicht auch wieder an der Erzählerstimme vom Hörbuch) und im Ganzen liegt etwas Unfertiges und Fragendens, unterstützt dadurch, dass uns der Erzähler an seiner Recherche teilhaben lässt. Es bleibt ein großes Rätsel um Charlotte, was ich angesichts der Person und der Faktenlage auch passend finde.

Und darüber hinaus nehme ich viel Verständnis mit über die Zeit und den Ort. Vor allem die Situation in Südfrankreich, die Versteckspiele, die wechselnden Machtlagen fand ich sehr interessant.
Ich las dazu auch einmal ein Buch von
Eveline Halsler: Mit dem letzten Schiff - der gefährliche Auftrag von Varian Fry
über einen Amerikaner der versucht Künstler zu retten und ihnen die Ausreise zu ermöglichen.
Literarisch kein Glanzstück, aber sehr interessant, was sich dort abgespielt hat.

LG
Bertram
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Re: CHARLOTTE von David Foenkinos

Beitragvon Daniela » 20.01.2016, 11:43

Huhu Bertram ;-)
Ich habe deine Meinung interessiert gelesen - aber merke, dass es mir dennoch anders damit ging. Du empfindest die Aussagen als vage - mir waren sie schon zu "absolut", denn so genau kann der Autor es meiner Meinung nach gar nicht in Erfahrung gebracht haben... und ja, ich kann mir vorstellen, dass das Buch vorgelesen nochmal etwas anders wirkt. Mir waren die Sätze zu unmusikalisch, ansonsten ist das nämlich ein Weg, wie ich mich schon oft einem Buch angenähert habe, indem ich Teile selbst laut gelesen habe.

Bin gespannt auf dein Fazit ;-)
Lg, Daniela
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Re: CHARLOTTE von David Foenkinos

Beitragvon Bertram » 20.01.2016, 21:55

Hallo Daniela, freut mich, mit dir wieder mal kurz in Dialog zu treten.

Mein Fazit, Hmm, lässt sich schwer auf den Punkt bringen.
Ich kann nämlich deine Argumente sehr gut nachvollziehen.
Diese Vereinfachungen kamen mit auch immer wieder in die Quere und es wird nicht besser/leichter auszuhalten, wenn es dann um Auschwitz geht.

Ich frage mich eher, warum es trotzdem funktioniert, warum es mich anspricht, mich berührt, ich das Gefühl habe, diese Charlotte jetzt ein bisschen zu kennen, ihr ein Stück weit nahe zu sein. Und warum mich auch die Schrecken dieser Zeit, diese unglaublichen Zumutungen wieder neu entsetzen, obwohl ich das woanders schon differenzierter, detailgetreuer etc. gelesen habe. Das ist schon viel, was diese einfachen Sätze leisten.
Sie führen dich - wenn du dich führen lässt - mit kleinen Schritten in eine Sphäre besonderer Aufnahmefähigkeit und Sensibilität. Durchaus auf kindliche Art, beispielsweise in der Szene, als sie abgeholt wird, sie ist schwanger, die Männer treten sie in den Bauch. “Den Männern ist das vollkommen egal“ - ein banaler Satz angesichts dessen, was man weiß, da ist jedem klar, dass denen noch ganz anderes vollkommen egal ist. Und doch, in diesem Stil, in dem das Buch geschrieben ist, regt sich da eine Empörung, so sein naives “Das darf man doch nicht machen!“ Wie es manchmal bei guten Kinderbüchern der Fall ist.

Vielleicht ist das die große Leistung dieser Sprache -

und also doch ein Fazit.

LG,
Bertram
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