Marilynne Robinson - Gilead

Hier ist Raum für alles rund um Bücher: Eindrücke nach dem Lesen, Rezensionen, Fragen, Austausch...

PULITZER PRIZE 2005 an Marilynne Robinson - GILEAD

Beitragvon Daniela » 05.04.2005, 14:49

War Trash von Ha Jin

An Unfinished Season von Ward Just.
Kann einer von euch schon mehr zu den Büchern sagen? Einzig Ha Jin ist mir ja mittlerweile bekannt, und War Trash werde ich vermutlich auch irgendwann noch lesen. Maria, du kennst die Autorin doch bestimmt schon, oder? *g*
Naja, bei mir liegt noch der letztjährige Gewinner ungelesen auf dem SUB... (selbst schuld, ich weiß...)
LG, Daniela
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PULITZER PRIZE 2005 an Marilynne Robinson - GILEAD

Beitragvon Maria » 05.04.2005, 17:49



Hallo,


ich habe von dieser Autorin auf Empfehlung von Michael Dirda den Roman "Houesekeeping" gelesen (war lange vergriffen, hatte zufaellig eine vergriffene Ausgabe gefunden damals, mittlerweilen ist der Roman neu aufgelegt worden) und zaehlt seither zu meinen Lieblingsbuechern. ("HOUSEKEEPING is a book that is a joy to read, simply by virtue of the carefully constructed yet flowing language employed by the author. It's a challenge for the reader to pace themselves so as not to pass by any of the innumerable shining passages that lie within. The novel speaks to the heart and soul about the transitory state that our lives exemplify, of our expectations and their consequences on our experiences of life." - Kommentar eine amazon-Lesers, dem ich voll zustimme).


Marilynne Robinson hat wohl an die zwei Jahrzehnte keinen weiteren Roman veroeffentlicht und lange Jahre an "Gilead" geschrieben. Leider steckt mein Gilead-Exemplar nun in einer Kiste irgendwo auf hoher See, werde es also erst im Herbst lesen.


Verlinke zu amazon fuer diejenigen unter euch, die gern mehr ueber "Housekeeping" wissen moechten.



Lieben Gruss,
Maria

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Marilynne Robinson

Beitragvon Claudia » 05.04.2005, 18:19


Hallo Maria,


ist schon ein seltsamer Zufall, daß einem eine Autorin, von der man vorher noch nie ein Sterbenswörtchen gehört hat, plötzlich innerhalb weniger Tage mehrmals über den Weg läuft. Habe den beigefügten Artikel im Guardian entdeckt. Vielleicht kennst Du ihn noch nicht?
Was Du zu "Housekeeping" schreibst, macht mich richtig neugierig, und "Gilead" klingt auch verlockend...


Liebe Grüße,
Claudia

Herzliche Grüße, Claudia.
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Re: Abgebrochen “Gilead” von Marilynne Robinson

Beitragvon Ralf » 14.04.2007, 11:31

Also ne, so möchte ich nicht lesen...
Ich hab dem Buch nun wirklich einige Anläufe gegeben, immer mal wieder 20 Seiten, aber nach 100 Seiten hab ich nun einfach keine Lust mehr.
Nicht, daß nichts passieren würde aber zu viel stört mich daran. Am meisten die Frömmelei: ein Prediger berichtet aus seinem Leben, dem seines Vaters usw, der war auch Prediger und nun schreibt er alles auf für seinen Sohn. Es kommt mir dabei vor, als würde ich ein Flugblatt von einer religiösen Gruppe lesen; ich hab ja nichts gegen Bibelzitate, man kann aus dem Thema ja was machen, alles von Glauben durchmischt, na gut, das ist es nicht was mich stört. Aber bitte nicht so fromm, gut und belehrend. Dabei gibt es keine Höhen und Tiefen in dem Buch, sondern die Melodie erscheint mir eintönig langweilig. Es hört sich an wie eine gleichförmige Predigt, danke.
Dabei frage ich mich, warum es für das Buch den Pulitzer 2005 gab. Wenn ich mir die beiden Jahre davor ansehe, dann sind das mit Jones "The Known World" oder Eugenides "Middlesex" ganz andere Bücher. Oder hab ich irgendwas verpaßt bzw. überlesen. Komisch, daß ich sonst von "Gilead" nichts gehört habe und es kaum gelesen wird.
Wie auch immer, nicht gerne, aber ich lege es jetzt zur Seite. Manchmal braucht bei mir ein Buch 200 Seiten bis es mir gefällt, aber das sehe ich hier nicht kommen und ich bin ärgerlich...
LG Ralf

>
>Am WE habe ich im Fernsehen einen Bericht über Gilead gesehen, ihr neuestes Werk und der Grundtenor der Rezensenten dort war, dass die Autorin so bemerkenswert ruhig und emotional distanziert schreibe. Ich habe dabei für mich gedacht, dass diese Distanziertheit durchaus auch blass, unnahbar...letztlich langweilig wirken könnte.
Zuletzt geändert von Ralf am 13.08.2009, 18:48, insgesamt 1-mal geändert.
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Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon Tomke » 09.03.2009, 10:24

Claudia hat geschrieben:Hallo zusammen,

nachdem ich am Samstag in London war, hat mein SUB ganz ordentlich Zuwachs bekommen.
Ich liste hier mal auf, was ich mir gekauft habe:
...
Robinson Marilynne Gilead
...


Hallo Claudia,

hast Du "Gilead" schon gelesen?

Ich bin bisher davon sehr begeistert. Mir gefällt der Erzählton, es ist im besten Sinne des Wortes ein "weises" Buch. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob der Ton des Erzählers für 300 Seiten trägt, aber bisher sind so viele "Perlen" im Text, daß ich mir gut vorstellen kann, daß auch dieser Titel auf meiner Top 2009-Liste landet.

Lustig war, daß ich es neulich im Zug auspackte und jemand, der in diesem Moment grade zufällig an mir vorbeiging, auf das Buch wies und sagte: "This is a very good book. A bit sad, but very good!" ;)
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Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon Tomke » 09.03.2009, 10:53

Ich lese gerade zwei Bücher parallel, die mir beide auf ihre Art exzellent erscheinen:



Der Autor ist theoretischer Physiker und zugleich Theologe, eine sehr seltene Kombiniation. Er wurde kürzlich mit dem Templeton Prize ausgezeichnet, der sich für den Dialog zwischen Theologie und Wissenschaft einsetzt. Das Buch ist eine Sammlung von Aufsätzen, in denen der Autor Fragen nachgeht, wie theologische Reflexion der Welt von der Wissenschaft lernen und profitieren kann. Sehr anregend.



'Gilead is a beautiful work-demanding, grave and lucid... Robinson's words have a spiritual force that's very rare in contemporary fiction' James Wood, New York Times Book Review

Dem kann ich voll und ganz zustimmen. Der Erzähler ist ein älterer protestantischer Pastor in einer kleinen Stadt namens Gilead in den USA. Er ist unheilbar krank und wird bald sterben. Das Buch ist ein Brief an seinen Sohn, der sieben Jahre alt ist. Ames, der Erzähler, möchte ihm so vieles mitteilen, aber er weiß, daß dies nur über den Umweg dieses Briefes möglich ist, denn der Junge ist noch zu klein, um viele Dinge zu verstehen. Der Brief ist eine Sammlung von Gedanken über das Leben, Erinnerungen, die Arbeit als Prediger, den Glauben. Das alles kommt ganz ohne Kitsch und Sentimentalitäten daher. Alles ist ausgesprochen dicht und authentisch, weshalb man dieses Buch nicht schnell lesen kann.

In einer Zeit, in der so viel über amerikanische Religiösität durch die Medien geistert und die meisten eine irrationale Angst vor "Evangelikalen" verspüren, ist so ein Buch unglaublich wertvoll.
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Beitragvon Claudia » 09.03.2009, 12:56

Tomke hat geschrieben:Hallo Claudia,

hast Du "Gilead" schon gelesen?

Ich bin bisher davon sehr begeistert. Mir gefällt der Erzählton, es ist im besten Sinne des Wortes ein "weises" Buch. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob der Ton des Erzählers für 300 Seiten trägt, aber bisher sind so viele "Perlen" im Text, daß ich mir gut vorstellen kann, daß auch dieser Titel auf meiner Top 2009-Liste landet.

Lustig war, daß ich es neulich im Zug auspackte und jemand, der in diesem Moment grade zufällig an mir vorbeiging, auf das Buch wies und sagte: "This is a very good book. A bit sad, but very good!" ;)


Hallo lieber Tom,

nein, GILEAD habe ich noch nicht gelesen. Ich schrecke ehrlic gesagt etwas davor zurück, da es sich um so ernste, schwere Materie handelt. Oder doch nicht? :roll: Bin auf Deine Meinung gespannt.

LG,
Herzliche Grüße, Claudia.
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Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon Tomke » 09.03.2009, 13:10

Claudia hat geschrieben:Hallo lieber Tom,

nein, GILEAD habe ich noch nicht gelesen. Ich schrecke ehrlic gesagt etwas davor zurück, da es sich um so ernste, schwere Materie handelt. Oder doch nicht? :roll: Bin auf Deine Meinung gespannt.

LG,


Hallo Claudia,

ernst ja, schwer nein. Vor allem wunderschön. Schwer zu beschreiben. Am besten paßt vielleicht der Vergleich mit einem Musikstück, das auch ein ernstes Thema haben kann, trotzdem aber beim Zuhören glücklich macht. Mir geht es mit Gilead so.

Und Humor ist natürlich auch drin. Es gibt eine herrlichen Szene, in der Ames sich daran erinnert, wir er mit seinem Freund zusammen als Kind einen Wurf Katzen getauft hat. Leider waren die kleinen Biester zu schnell, außerdem kam die Katzenmutter ihnen zu Hilfe, sodaß die Jungs am Schluß nicht mehr wußten, welche der kleinen Kätzchen nun noch in der Finsternis des Heidentums verharrten und welche das Licht des Christentums angenommen hatten.
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Re: Neu auf dem SUB im ersten Halbjahr 2009

Beitragvon Claudia » 09.03.2009, 14:34

Tomke hat geschrieben:Hallo Claudia,

ernst ja, schwer nein. Vor allem wunderschön. Schwer zu beschreiben. Am besten paßt vielleicht der Vergleich mit einem Musikstück, das auch ein ernstes Thema haben kann, trotzdem aber beim Zuhören glücklich macht. Mir geht es mit Gilead so.

Und Humor ist natürlich auch drin. Es gibt eine herrlichen Szene, in der Ames sich daran erinnert, wir er mit seinem Freund zusammen als Kind einen Wurf Katzen getauft hat. Leider waren die kleinen Biester zu schnell, außerdem kam die Katzenmutter ihnen zu Hilfe, sodaß die Jungs am Schluß nicht mehr wußten, welche der kleinen Kätzchen nun noch in der Finsternis des Heidentums verharrten und welche das Licht des Christentums angenommen hatten.


Hallo Tom,

ah, klingt gut! Habe heute morgen allerdings mit "Engleby" angefangen, außerdem noch einige Bücher aus der Stabi in der Pipeline.
GILEAD wird noch etwas warten müssen ;)

LG,
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Re: Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon Ralf » 10.03.2009, 05:21

@Daniela: sag mal, ist das vielleicht das Buch, das ich mal ganz schrecklich fand, wegen der Frömmelei etc.? Ich weiß nicht ob ich da gerade was verwechsle, im "alten" Forum müßt ich dazu was hinterlassen haben, kann dort aber leider nicht nachsehen...?

Wenn du das Buch möchtest, kann ich das gerne sofort rüberschieben... ;)
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Re: Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon Daniela » 10.03.2009, 08:43

Ich meine mich auch an so was zu erinnern; war zu der Zeit, als sie den Pulitzer dafür bekam (schnell gegoogelt, ja, war der Pulitzer, 2005).

Ich komme leider auch grad nicht an die Daten ran (ich fürchte, es dauert noch ne Weile, bis wir hier das durch 2 !! komplette Computerausfälle entstandene Datenchaos gelichtet haben und eine entsprechende Netzwerkstruktur hier im Haus aufgebaut haben.... )

Aber sobald ich es finde, kopiere ich deinen damaligen Kommentar mal rein. Und angesichts meines viel zu schnell wachsenden SUBS lehne ich dein Angebot dankend ab ;-)

LG,
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Re: Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon Tomke » 10.03.2009, 10:00

Ralf hat geschrieben:@Daniela: sag mal, ist das vielleicht das Buch, das ich mal ganz schrecklich fand, wegen der Frömmelei etc.?


Mir gefällt an dem Buch eigentlich gerade, daß es gänzlich ohne Frömmelei und Sentimentalitäten auskommt. Ames ist ein religiöser, ja gläubiger Mensch - und sicher ist das für saekularisierte Europäer teilweise ein Problem, weil sie es nicht mehr gewohnt sind, daß in der Literatur so offen über Glauben gesprochen wird. Die Art, wie dies in "Gilead" geschieht, finde ich jedoch sehr authentisch und unaufdringlich.

Vor allem ist interessant, daß ja durchaus sehr verschiedene Glaubensstile geschildert werden: So waren der Vater und der Großvater von Ames bereits Prediger, bis weit ins 19. Jahrhundert zurück, und haben jeweils ihren eigenen Stil der Religiosität verkörpert. Sein Bruder wurde von der Kirchengemeinde unter großen finaziellen Opfern nach Deutschland zum Theologiestudium geschickt, nur um dort unter dem Einfluß des Rationalismus und der Religionskritik seinen Glauben zu verlieren und als Atheist zurückzukehren - ein Schock für die kleine Gemeinde. Heimlich steckt er dem jungen Ames Feuerbachs "Wesen des Christentums" zu, das dieser abends unter der Bettdecke liest - das ihn aber in seinem Glauben nicht erschüttert.

Auch wenn Ames sich nicht mit dem Glaubensstil seiner Vorfahren identifizieren kann, läßt er ihnen ihre Integrität. Er richtet nicht über sie. Sein Bericht ist überhaupt frei von Verurteilungen. Der Zauber des Lebens ist für ihn viel zu groß, als daß er es wagen würde, über andere Menschen den Stab zu brechen, nur weil sie anders sind oder anders denken als er. Bei aller Frömmigkeit gibt genau das dem Buch eine unglaubliche geistige Weite. Das gefällt mir.

Allerdings braucht das Buch (wie gesagt) ein bißchen Zeit. Ich habe es vor glaube ich zwei Jahren auch schon einmal angefangen zu lesen und hatte dann nicht die Ruhe und Geduld dafür...
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Re: Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon Claudia » 10.03.2009, 10:34

Gestern abend habe ich die ersten 15 Seiten von GILEAD gelesen, da ich doch neugierig geworden war.
Gefällt mir bislang gut, der Stil ist schlicht, kommt etwas altmodisch daher.

Der Junge Ames ist gerade mit seinem Vater auf dem Friedhof zugange, um das Grab seines Großvaters zu pflegen.
Ich werde allerdings jetzt erst mal ENGLEBY weiterlesen, um mich nicht zu verzetteln.

Viel Spaß noch mit Gilead
wünscht
Herzliche Grüße, Claudia.
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Re: Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon Tomke » 16.03.2009, 11:21

Mir ist ein Vergleich eingefallen, der mir für dieses Buch zu passen scheint: Es ist wie ein Shaker-Möbelstück. Ungeheuer schlicht, dabei aber edel und solide gearbeitet - und aus jedem Detail spricht die dahinter stehende Spiritualität.

Eine Szene fand ich sehr stark: In der kleinen Stadt wird eine Kirche durch ein Feuer zerstört. Ames, der Erzähler, erlebt dies als Kind und erzählt es nun im Buch seinem Sohn. Die Szene ist eindrücklich: Die verkohlten Bibeln und Gesangbücher werden in einer Zeremonie regelrecht "beerdigt". Während der kleine John neben der Brandruine sitzt und dem Geschehen zusieht, kommt sein Vater und teilt mit ihm einen ascheverschmierten Keks. John erinnert sich daran wie an eine erste heilige Kommunion.
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Re: Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon Tomke » 25.03.2009, 16:53

Im zweiten Teil des Buches entwickelt sich ein tief greifender Konflikt: Der Sohn von John Ames' bestem Freund, dem Pastor der presbyterianischen Gemeinde, ist überraschend in Gilead aufgetaucht. John Ames freut sich für seinen Freund, jedoch sind seine eigenen Gefühle für John Boughton nicht rein freundlicher Natur. Seit er ein Kind war, hat er John Ames das Leben schwer gemacht. Nun drängt er sich in das Leben der kleinen Familie, und das, obwohl John Ames seine letzten Lebensmonate in Frieden mit Frau und Sohn verbringen wollte. Er weiß nicht, wie er John Boughton begegnen soll, er fürchtet sich auch vor einer zu großen Nähe John's zu seiner Frau und seinem Sohn. Der Konflikt löst sich schließlich auf eine für mich überraschende und unerwartete Weise.

Marilynne Robinson gelingt es, mich als Leser mit jeder Faser den Konflikt des Erzählers mitfühlen zu lassen. Soll er seiner Frau Dinge aus John Boughton's Vergangenheit erzählen? Muß er sie vor ihm warnen? Vielleicht hat er sich geändert? Und hat John Ames als alter, sterbender Mann das Recht, auf mögliche zukünftige Ereignisse Einfluß zu nehmen?

Für mich ist dieses stille, intensive Buch ganz klar ein Highlight des Jahres bisher. John Ames wird mich noch lange begleiten.



*********** Achtung Spoiler *****************


Die Geschichte, die sich dann über John Boughton und seine Familie enthüllt, kam für mich unerwartet. Daß die Rassenfrage noch in den fünfziger Jahren von solcher Bedeutung ist, hätte ich nicht gedacht. Zugleich läßt die Erzählung noch viel Raum für das nächste Buch, das ja John Boughton als Hauptfigur hat.
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Re: Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon Valentine » 26.03.2009, 08:02

Schon wieder so ein Tip, der unbedingt auf meine Wunschliste will ;)
Medicine, law, banking - these are necessary to sustain life.
But poetry, romance, love, beauty - these are what we stay alive for.

(Dead Poets Society)
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Re: Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon Tomke » 07.04.2009, 10:46

Übrigens: Bei Waterstones gibt es jetzt wieder einen "Writer's Table", d.h. ein prominenter Schriftsteller darf Bücher empfehlen, die er für besonders lesenswert hält und die sein eigenes Schreiben beeinflußt haben. Diesmal hat Nick Hornby die Titel zusammengestellt: http://www.waterstones.com/waterstonesweb/navigate.do?pPageID=200000916

Darunter fand ich auch den Erstling von Marilynne Robinson, Housekeeping:

http://www.waterstones.com/waterstonesweb/displayProductDetails.do?sku=4864932

"Housekeeping is the story of Ruth and Lucille, orphans growing up in the small desolate town of Fingerbone in the vast northwest of America. Abandoned by a succession of relatives, the sisters find themselves in the care of Sylvie, the remote and enigmatic sister of their dead mother. Steeped in imagery of the bleak wintry landscape around them, the sisters' struggle towards adulthood is powerfully portrayed in a novel about loss, loneliness and transience."
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Re: Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon Claudia » 07.04.2009, 11:50

Hallo Tom,

ich lese immer mal wieder einige Seiten in GILEAD. Obwohl mir der Roman gut gefällt, fehlt mir doch etwas der plot und ein ansprechendes Tempo. Das plätschert alles so ruhig und gemächlich vor sich hin, in einer sehr schönen Sprache, aber eben mit Betonung auf RUHIG.

HOUSEKEEPING von Robinson habe ich bestellt. Von dieser Autorin möchte ich auf alle Fälle noch mehr lesen!

Danke auch für den link zum "Writer's Table", wird Zeit, dass ich wieder nach London fahre. :D

LG,
Herzliche Grüße, Claudia.
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Orange Prize for Fiction 2009

Beitragvon inspired » 04.06.2009, 18:40

Hallo Tomke,

ich habe Gilead vor zwei oder drei Jahren gelesen und kann mich erinnern, dass ich mir schwer bei dieser Lektüre tat. Die Sprache war für mich pathetisch, zu sehr im Predigtstil von Midwest-Puritan-Churches. Auch die Moralidee, die nur EINEN Weg als Richtigen anerkennt gefällt mir nicht.

Ich lege Bücher nicht weg, bevor ich sie nicht zu Ende gelesen habe, das ist ein Tick von mir. Nur deshalb habe ich das Buch auch fertiggelesen. Für mich wars ein handwerklich einwandfrei konstruierter Roman, der für die amerikanische Leseöffentlichkeit maßgeschneidert ist.

Andere Bücher von M.Robinson habe ich noch nicht gelesen.

I was a little bit uninspired:)
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Re: Orange Prize for Fiction 2009

Beitragvon Tomke » 05.06.2009, 09:18

inspired hat geschrieben:Hallo Tomke, ich habe Gilead vor zwei oder drei Jahren gelesen und kann mich erinnern, dass ich mir schwer bei dieser Lektüre tat. Die Sprache war für mich pathetisch, zu sehr im Predigtstil von Midwest-Puritan-Churches. Auch die Moralidee, die nur EINEN Weg als Richtigen anerkennt gefällt mir nicht.


Hallo inspired,

herzlich willkommen!

Eine Frage: Hast Du das Buch auf Deutsch oder auf Englisch gelesen?

Gerade die Exklusivität, die Dir nicht gefallen hat, habe ich im Buch nicht gefunden. Mir gefiel, daß der Erzähler sehr unterschiedliche Wege und Arten des Glaubens beschreibt und auch nicht wirklich bewertet oder gar verurteilt. Allein die drei Predigergenerationen der Famlie Ames repräsentieren drei verschiedene Arten, den christlichen Glauben zu interpretieren. Und sehr amüsiert hat mich die Geschichte um John Ames' Bruder, der nach Deutschland reist, um ordentlich Theologie zu studieren, und dann gänzlich ohne Glauben nach Amerika zurückkommt, was in seiner Gemeinde natürlich einen Skandal auslöst. ;)

Auch er wird aber vom Erzähler nicht verurteilt. Was mich an dem Buch so nachhaltig beeindruckt hat, ist der Sinn von Ehrfurcht und Verwunderung, mit dem der alte John Ames auf das Leben blickt - in allen seinen Ausdrucksformen. Er sieht im Anderen das Gute und Wertvolle, und selbst da, wo er es nicht sehen kann (wie etwa bei John Boughton), sucht er danach.

Ich habe das Buch auch als Kritik an einer Haltung gelesen, die nur den EINEN Weg als richtig anerkennt. Daran zerbricht ja gerade auch die Existenz von Jack Boughton. Dies wird wohl das zentrale Thema des neuen Buches sein, das ich noch nicht gelesen habe.

"Glauben" heißt für diesen John Ames, das Leben zu lieben, zu reflektieren und sich darum zu bemühen und immer offen zu sein für neue Erkenntnisse.

Übrigens hatten wir schon eine Diskussion zu dem Roman:
viewtopic.php?f=5&t=699

Viele Grüße
Tom
Zuletzt geändert von Daniela am 05.06.2009, 10:40, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Hallo ihr Beiden, habe die Kommentare zum Buch vom Orange Preis abgetrennt und hier hinzugefügt ;-)
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Re: Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon inspired » 05.06.2009, 21:28

Hallo Tomke,

ich hab das Buch im Original also auf englisch gelesen.
'Der Onkel war ja auch ein kleiner Lichtblick in dem Buch, aber auch er wird an den Rand gestellt und der einzig wahre Weg in dem Buch ist ein christlicher. Egal wie dieser Weg begangen wird, er bleibt immer ein christlicher.

Glaube birgt soviel Transzendenz in sich. Die Fragen was nach dem Leben sein wird, ob es ein Leben wo auch immer gibt, wie abgerechnet wird. Ich kann damit nichts anfangen.

Ich tu mir sehr schwer mit religiösen Themen, weil oft der Anspruch gestellt wird, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. In diesem Buch ist für mich eindeutig gewesen, dass der moralisch richtige Weg das Christentum ist. Die Akzeptanz kommt für mich gönnerhaft rüber.

Ich habe soeben nachgelesen, was vorher schon zu dem Thema geschrieben wurde und sehe, dass du ein großer Fan des Buches bist. Bei mir ist es schon eine Zeit her, dass ich es gelesen habe, ich glaube auch nicht, dass ich es irgendwann nochmals lesen werde, aber vielleicht mal ein andres Buch der Autorin.

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Re: Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon Tomke » 08.06.2009, 10:12

inspired hat geschrieben:Hallo Tomke,
ich hab das Buch im Original also auf englisch gelesen.
'Der Onkel war ja auch ein kleiner Lichtblick in dem Buch, aber auch er wird an den Rand gestellt und der einzig wahre Weg in dem Buch ist ein christlicher. Egal wie dieser Weg begangen wird, er bleibt immer ein christlicher.


Ja, das hat natürlich mit dem sozialen Milieu und der historischen Situation zu tun. Ein religiöser Pluralismus kommt in dem Buch nicht vor, es gibt einfach keine Angehörigen anderer Religion. Die einzige Option, die man hat, ist entweder christlich-gläubig oder christlich-ungläubig zu sein. Spielte das Buch heute und in einer anderen Region, wäre die Problematik sicher eine andere und der Horizont wäre zu erweitern. Mich würde interessieren, wie die Autorin damit umgehen würde.

Glaube birgt soviel Transzendenz in sich. Die Fragen was nach dem Leben sein wird, ob es ein Leben wo auch immer gibt, wie abgerechnet wird. Ich kann damit nichts anfangen.


Das kann ich ein Stück weit nachvollziehen. Mir erschien diese Art von "Sinnfrage" auch immer etwas merkwürdig. Viel drängender finde ich allerdings die Frage, wie sie Leibniz formulierte: "Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?" Nicht so sehr die Frage, ob es ein Leben nach dem Leben gibt, sondern vielmehr die Frage, was das Leben an sich denn ist. Ich denke, das Menschsein an sich wirft Fragen auf (für mich jedenfalls), die mich nach Antworten suchen lassen. Und besonders drängend finde ich diese Fragen auch, weil heute entweder offen oder verdeckt Antworten auf diese Fragen gegeben werden, die ich für sehr zweifelhaft halte. In den Medien, zum Teil auch im Bildungssystem werden heute scientistische und materialistische Modelle favorisiert, die ich für fundamental defizitär und teilweise auch gefährlich halte.

Ich glaube, daß die Diskussionsteilnehmer hier im Forum kaum in der Gefahr stehen, diese Positionen unkritisch zu übernehmen. Wer liest, zumal Literatur liest, befindet sich schließlich in einem ständigen Dialog und Reflexionsprozeß darüber, was es heißt, Mensch zu sein.

In anderen Kontexten sieht das aber schon anders aus. Auf die Feststellung, daß die Naturwisschaft mir zwar sagen könne, woher der Mensch entwicklungsgeschichtlich kommt und wie er biologisch funktioniert, aber daß ich zur Beantwortung der Frage, warum der Mensch denkt wie er denkt und was ihn umtreibt, lieber Platon, den Heiligen Augustinus, Goethe oder Kafka lese, habe ich schon wildesten Protest geerntet.

Ich tu mir sehr schwer mit religiösen Themen, weil oft der Anspruch gestellt wird, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein. In diesem Buch ist für mich eindeutig gewesen, dass der moralisch richtige Weg das Christentum ist. Die Akzeptanz kommt für mich gönnerhaft rüber.


Hm, das muß ich so stehen lassen. Wobei ich mir noch die Frage erlaube, ob da vielleicht auch ein bißchen Projektion negativer Erfahrung in das Buch hinein stattfindet? Ich finde Ames nicht gönnerhaft, ich finde ihn ehrlich bemüht, seinem Anspruch an sich selbst auch dann gerecht zu werden, wenn es ihm sehr schwerfällt (etwa im Umgang mit John Boughton). Noch etwas ist mir aufgefallen: Ames strahlt keine Selbstsicherheit im Umgang mit seinem Glauben aus. Es ist nicht unumstößliche Überzeugung, was ihn prägt, sondern Vertrauen und Offenheit.

Ich hatte mehrfach beim Lesen das Gefühl: So wie dieser John Ames wäre ich auch gerne als alter Mann. That sums it up, somehow! ;)
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Re: Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon moha » 18.04.2010, 18:30

Ich lese jetzt schon eine ganze Weile an Gilead, und tue mich etwas schwer damit. Die ruhige Art zu erzählen gefällt mir schon, aber es ist eben nicht viel Bewegung drin - und manchmal ist es mir auch zu weise. ;) Mal sehen, wann ich es zu Ende gelesen habe.
liest gerade:
Michael Kumpfmüller: Die Herrlichkeit des Lebens
Ibtisam al-Mu'alla: Die Sandburg
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Re: Marilynne Robinson - Gilead

Beitragvon Tomke » 17.06.2015, 10:02

Nun hat sich doch endlich ein großer deutscher Publikumsverlag erbarmt und bringt ein Buch von Marilynne Robinson.

'Gilead' ist nun schon einige Jahre alt. Danach erzählte die Autorin in 'Home' die Geschichte einer weiteren Figur aus dem Roman. Nun folgt ein dritter Band der Reihe (wenn man so will): In 'Lila' wird die Geschichte der Frau von Pastor John Ames erzählt. In den USA und GB wieder ein großer Erfolg.

S. Fischer bringt das Buch in einer dt. Übersetzung im August heraus. Man kann nur hoffen, dass 'Home' und 'Gilead' dann folgen.
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