Uwe Tellkamp - Der Turm

In diesem Bereich sollen alle gemeinsamen Leserunden gesammelt werden

Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Daniela » 22.09.2008, 07:54



Klappentext hat geschrieben:Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der »süßen Krankheit Gestern« der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze - oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der »roten Aristokratie« im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk »Ostrom«, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.

In epischer Sprache, in eingehend-liebevollen wie dramatischen Szenen entwirft Uwe Tellkamp ein monumentales Panorama der untergehenden DDR, in der Angehörige dreier Generationen teils gestaltend, teils ohnmächtig auf den Mahlstrom der Revolution von 1989 zutreiben, der den Turm mit sich reißen wird.


Nachdem ich festgestellt habe, dass das Buch jetzt ja bei einigen LESELUSTerianern (Claudia, Dana, Ralf, tinius und mir) rumschwirrt und wohl auch die meisten vorhaben, es in Kürze zu lesen, mal die Frage: wollen wir es "gemeinsam" lesen?

Mit kurzfristigem Startbeginn - aber noch Zeit, die aktuelle Lektüre zu beenden? Ich bin zwar mit meinem schlechten Krimi durch, könnte also jederzeit anfangen, aber ein Start am kommenden Wochenende (mit vielleicht noch dem einen oder anderen zusätzlichen Mitleser) würde für mich auch sehr gut passen.

Ich schicke die Anfrage auch mal als Rundmail an alle im Forum angemeldeten raus - würde mich freuen, wenn sich einige beteiligen. Sagt ihr Bescheid?

LG,
Daniela

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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon penguin » 22.09.2008, 08:26

Liebe Daniela,

bei uns liegt das Buch auch schon - aber eingepackt als Geburtstagsgeschenk für meinen Mann. Lesen werde ich es sicher, aber vermutlich erst später.

lg penguin
Ich lese gerade: Hanns-Josef Ortheil, Die Erfindung des Lebens
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Mittwoch » 22.09.2008, 11:47

Hallo,

ich versuche mitzulesen - mal sehen wie schnell das geht und in welcher Frequenz die Forenbeiträge reinpurzeln. Also ich bin gespannt und freue mich.

Bis bald - T.
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Claudia » 23.09.2008, 09:26

Hallo Daniela,

ich würde den Tellkamp gern mitlesen. Datum ist für mich auch ok.

Liebe Grüße,
- Claudia -

As if anything is ever 'only a story'! Helen Garner
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Perke » 23.09.2008, 11:15

Hallo Daniela,

nachdem ich Deine Mail bekommen habe, habe ich mir heute DER TURM gekauft und mache mit bei der Leserunde. Habe gerade Ferien, da passt das gut. Du sagst dann noch genau Bescheid, wann es los geht?!?!?
Ciao
Perke

___________________________________________________________________________________________
Lese gerade: "Des Kaisers Kinder" von Claire Messud
Zuletzt gekauft: "Der Turm" von Tellkamp
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Daniela » 23.09.2008, 13:53

Hallo Perke, T, Ralf, Claudia, und und und ;-)
also schön, dass wir schon so viele sind. Da ich weiß, dass einige ja ohnehin schon begonnen haben, würde ich sagen: einen direkten "Startschuss" gibt es nicht, wer schon angefangen hat, kann ja scho mal posten! ich würde nur vorschlagen, dass man dann in seinem Posting jeweils erwähnt, bis wohin man schon gelesen hat, so dass sich die anderen danach richten können, ob sie den Beitrag schon lesen wollen oder nicht.

Ok so?
LG,
Daniela

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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Ralf » 23.09.2008, 14:57

Hallo Daniela,
ich weiß ja, daß du gerne wissen möchtest, wie es mir bislang mit dem Buch geht. Angekommen bin ich etwa auf Seite 180 - aber einen Spoiler setzten möchte ich nicht, möge jeder selbst entscheiden, ob er inhaltlich jetzt schon was wissen will oder nicht.
In dem Buch geht es ohnehin sehr viel um Atmosphäre, wie war es in der Familie, wie außerhalb, die Tellkamp wunderbar schildern kann.

Aber schon jetzt kann ich zusammenfassen: ein wunderbares Buch, es macht großen Spaß Tellkamps Buch zu lesen und den Vorbehalt den ich etwas am Anfang hatte, es könnte zu detailverliebt sein oder anstrengend, bestätigt sich überhaupt nicht. Im Gegenteil, endlich mal ein Buch wie ich es mir schon lange wieder wünschte: man kann eintauchen, hat das Gefühl vor Ort und mit dabei zu sein - es paßt für mich der Begriff "Ein Schmöker". Bevor ich nun weiterschreibe noch kurz der Hinweis, daß Uwe Tellkamp selbst in Dresden geboren ist, das Bildungsmilieu aus seiner eigenen Kindheit kennt, auch Medizin studiert hat, in der NVA war usw. Es geht also nicht nur gut recherchiertes Wissen in den Roman ein, sondern auch viel selbst Erlebtes.
Am Anfang steht der Geburtstag von Richard, einem Chirurg. Damit spielen einige Kapitel des Buches im Ärztemilieu, was noch eine Rolle spielen wird, da auch sein Sohn Christian diesen "ehrbaren" Beruf anstrebt. Damit rückt für Christian Bildung, Wissen und damit sein späteres Medizinstudium ins Zentrum seines jungen Lebens und alles andere, gerade die Schule bzw Schulleben, wird für ihn unwichtig. Seine Mitschüler läßt er links liegen, er ist (Buch)Welten von den Interessen seiner Mitschüler, Jungen wie Mädchen, entfernt. Lesen, lesen, lesen ist für ihn alles, nicht der Lust oder des Träumens wegen, sondern es geht ihm um Wissen und Bildung. Es geht um Leistung.

Doch zurück zum Geburtstag irgendwo auf den ersten 100 Seiten: damit wird die Umgebung des Villenvietels in Dresden Loschwitz eingeführt und ebenso die Familienangehörigen und die Freunde. Man lernt sie alle kennen, da Tellkamp detailliert die Umgebung schildert, Kleinigkeiten, deshalb fällt mir jetzt gerade auch das Detail eines schmiedeeisernen Gitters auf dem Buchcover auf, das ist passend gewählt. Es ist mir aber nicht zuviel, sondern ich tauche gern in diese Welt ein, so kann man sich das vorstellen.
Nach noch nicht einmal 200 Seiten erinnere ich mich schon gerne an diverse, sehr schöne Kapitel, wohl weil öfters meine Sinne angesprochen werden, ich gut eintauchen kann. Die Schilderung eines Frühstücks im Tausendaugenhaus: man kann sich sehr gut vorstellen, wie der Körper noch am frühen Morgen fröstelt, man dann in das warme Frühstückszimmer kommt, dabei Kaffeegeruch die Nase hoch steigt, man Lust auch ein wunderbares gemeinsames Frühstück bekommt usw. Atmosphäre kann Uwe Tellkamp also gut schildern und nachfühlbar machen.

Beim Lesen war ich mit zwei unterschiedlichen Welten konfrontiert: einerseits dem Familienleben, man setzt sich füreinander ein, kümmert und liebt sich, eine Welt zum Wohlfühlen, andererseits die Welt drumherum, grau und in zunehmendem Zerfall, zwei Parallelgesellschaften also.
»Er beobachtete die Menschen. Wie sie dahintrieben in der Dämmerung, in graue oder braune Mäntel gekleidet, nur hin und wieder etwas Farbe, Blaßblau, Beige, vorsichtiges Rosa, und jeder in Gedanken und Geschäften, niemand mit erhobenem Kopf, den Blick offen einem anderen Menschen zugewandt: all das erfüllte ihn mit Traurigkeit, einem Gefühl von Unentrinnbarkeit und Hoffnungslosigkeit.«

Es gibt nicht nur interessante, sondern auch humorvolle Schilderungen, dabei denke ich an die Suche eines vernünftigen Weihnachtsbaums (offiziell sind nur Krüppel zu bekommen), auf der Tannenlichtung die Bäume mit Zetteln bestückt, Reservierungen der schönsten Bäume für hohe Parteimitglieder, bewacht von einem Förster und einem Soldaten, doch in die Quere kommt ihnen der Pfarrer, der es auf denselben Baum abgesehen hat...

Ich hab noch 700 Seiten vor mir, ich freu mich drauf...
LG Ralf
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Ralf » 23.09.2008, 15:22

Da fällt mir übrigens auch gerade ein, daß ich es beim Lesen schön fand, daß ich vor zwei Jahren öfters in Dresden war. An machen Ort konnte ich mich sogar erinnern und ich habe vorhin mal einen Stadtplan hervorgeholt, manche Straße im Buch findet man auch in der Realität.
Sowas mag ich immer...
LG
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Daniela » 23.09.2008, 15:37

Ralf hat geschrieben:Aber schon jetzt kann ich zusammenfassen: ein wunderbares Buch, es macht großen Spaß Tellkamps Buch zu lesen und den Vorbehalt den ich etwas am Anfang hatte, es könnte zu detailverliebt sein oder anstrengend, bestätigt sich überhaupt nicht. Im Gegenteil, endlich mal ein Buch wie ich es mir schon lange wieder wünschte: man kann eintauchen, hat das Gefühl vor Ort und mit dabei zu sein - es paßt für mich der Begriff "Ein Schmöker".


Danke, Ralf - damit hast du für mich schon mal genau den Anstoß geliefert, den ich brauchte, um mit richtig echter Vorfreude an das Buch ranzugehen und nicht mit der leisen Skepsis, die ich angesichts des "die Geschichte muss sich herausschälen" ein wenig hatte...

Die real existierenden Straßen hatte er doch in der Lesung auch angesprochen, oder hattest du nicht so was erzählt? Bzw., dass ihm in Dresden eher "vorgeworfen" worden wäre, dass man nicht alle Straßen am Stadtplan fände?

LG,
Daniela

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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Ralf » 23.09.2008, 16:01

ja tatsächlich, auch über Dresdner Straßen wurde in der Lesung kurz gesprochen. Es gibt sie fast alle, aber bei wenigen Dingen hat er sich dann auch die Freiheit genommen, etwas zu ändern. Z.B. erzählte er von einer Brücke, die es in der Realität nicht gibt. Allerdings hat sich später rausgestellt, als das Buch schon fertig war, daß um die Jahrhundertwende durchaus eine an dieser Stelle geplant war. Es gab wohl in Dresden tatsächlich Leute, die beim Nachverfolgen von Straßenverläufen plötzlich vor einer Mauer standen, anders als im Buch und sich darüber beschwerten usw. Das sind hinterher so kleine Anekdoten...
Ich hab jetzt nochmal versucht, Straßen nachzusehen: die eine gibts, die andere nicht. Spielt für mich allerdings auch keine Rolle mehr, es könnte sie ja geben...

Bildung ist im Milieu des Buches auch sehr wichtig. Er erzählte, daß es in seiner Kindheit durchaus üblich war, seinen Kindern alles mögliche zu erklären, Bildung war sehr wichtig in seinem Umfeld. Zur Illustration deutete er durch den Raum, daß man Kinder dann durchaus zu allem, was sie umgab, fragte und erklärte, zu Architektur, Künstlern, Historischem usw...

LG
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Ralf » 24.09.2008, 08:32

mittlerweile bin ich soweit, daß ich mir wünschte, jemand der auch im Osten aufgewachsen ist würde mitlesen, um da eigene Erfahrungen beizutragen.
Ich hab gestern Kapitel 18 gelesen, darin ging es um einen "Besuch" auf dem Amt. Das fand ich so haarsträubend, aus der Ferne kamen mir Szenen von Kafka in den Sinn, hier eine Abweisung, dort fehlt ein Stempel, nochmal Schlange stehen, noch ne Schikane usw.
Wars so? frag ich mich. Ich könnte mir auch vorstellen, daß es auf dem Land nochmal anders war als in einer großen Stadt. Es gibt ja auch woanders "Amtsgeschichten", aber so deutlich ist mir das noch nie geworden.

Und da fällt mir nun auch auf, wie ich dieses Buch lese. Ich nehme es als Lektüre über die 80er Jahre in der DDR, weil ich wissen möchte wie es war, welche Erfahrungen die Leute hatten, Stimmungen usw, da ich damit ja keine Erfahrung habe. Ich kann mir nur davon erzählen lassen, und da kommt sehr unterschiedliches, was dann zu Diskussionen führt, vor allem wenn schöngeredet wird, viel Positives betont wird. Dann hab ich in meinem Hinterkopf Zusammenhänge, die das ganz anders aussehen lassen.
So komm ich dann an eine Grenze, wo ich nicht wirklich mitreden kann, weil ich nicht dort war. Denn man kann nichts gegen persönliche Erfahrungen vorbringen, eine angelesene Meinung wiegt einfach deutlich weniger.
Was macht man also: man liest in irgendwelchen Büchern aus allen Richtungen, ob nun auf der einen Seite der Osten als Opfer dargestellt wird, über den der Westen nach der Wende hergefallen ist, dazu liegen in den Buchhandlungen diverse Bücher, z.B. "Abbau Ost" etc., oder andererseits fallen mir warnende Stimmen ein, z.B. von Hubertus Knabe...

"Der Turm" also als weitere Stimme, die einen Blick auf das Leben damals bietet.
Und doch: jedes Buch wird immer eine einzelne Stimme bleiben, jeder hat seine eigenen Erfahrungen, subjektiv, aber deshalb ja nicht falsch. Fakten, Zahlen, Geschichte ist eine Sache, Erleben und Fühlen eine ganz Andere. Und da sich beides manchmal durchdringt, gibts vielleicht auch mißverständliche Momente...

Aber ich seh schon, ich werd mich hier etwas zurückhalten, bis ihr nächste Woche mit Lesen aufgeschlossen habt. Vielleicht fällt euch ja auch was dazu ein...

LG Ralf
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Auguste » 25.09.2008, 06:23

Ich will es auch einmal versuchen, gemeinsam zu lesen, weil mich das Buch ohnehin interessiert.

Habe auch schon begonnen, aber ich war schon sehr müde und bin über die ersten beiden Seiten der Ouvertüre nicht hinausgekommen.

Leider bin ich auch nicht aus dem Osten um Ralfs Fragen beantworten zu können.

Auguste
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Dana » 25.09.2008, 07:02

Auguste hat geschrieben:Habe auch schon begonnen, aber ich war schon sehr müde und bin über die ersten beiden Seiten der Ouvertüre nicht hinausgekommen.
Auguste


Hallo ihr Lieben,

ich lese auch im Schneckentempo mit, angesichts meines Freizeitsbudgets werde ich mich leider nur selten melden können.

A propos Ouvertüre, wie habt ihr sie empfunden? Ehrlich gesagt mich hat sie ziemlich abgeschreckt ... und weiß auch jetzt noch nicht, was es bedeuten soll.

Den eigentlichen Anfang habe ich danach umso mehr genossen, Christian fährt mit der Bahn, trifft anschließend Meno usw. Es ist wirklich ein Buch, mit dem man sich am besten ins Leseeck verkriecht ... und da bleibt. :)
Ich komme nicht aus der ehemaligen DDR aber aus dem Ostblock, so dass mir viele Empfindungen der Protagonisten und Zustände allgemein (alles was gut ist wird für den "Westen" produziert, usw)bekannt sind.

Ich habe gerade die Party in Felsenburg hinter mir und freue mich, wie Ralf ,auf jede Leseminute.

Lieben Gruß und viel Spaß euch allen
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Ich lese gerade:
Christa Wolf: Die Stadt der Engel

Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Daniela » 25.09.2008, 15:47

Ouvertüre

Nachdem ich heute nachmittag (zugegebenermaßen etwas sehr übermüdet...) immer wieder versucht habe, die ersten beiden Seiten dieser Ouvertüre zu lesen UND ZU VERSTEHEN... habe ich dann beschlossen, ich halte es wie bei "Monument für John Kaltenbrunner" und lese die Ouvertüre nach dem Ende des Buches, da verstehe ich sie vielleicht besser.

Ganz ehrlich: hätte ich in der Buchhandlung nur diese Seiten angelesen und mich entscheiden müssen, ob ich das Buch kaufe, ich hätte es weggelegt...

LG
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Ralf » 25.09.2008, 16:01

Diese Ouvertüre hatte ich ja schon ganz vergessen, stimmt.
Ich hatte sie am Anfang gelesen und bin sie auch übergangen, einzig der Hinweis auf Atlantis (dazu braucht man ja nicht mehr sagen), ist mir ins Auge gestochen...
Aber nach euren Kommentaren hab ich gerade kurz reingeblättert und - ja, ich ahne nun wo der Text herkommt und muß nochmal im Buch nachlesen. Wer ein paar 100 Seiten hinter sich hat, kann ihn dann zuordnen. Ist erstmal ja aber nicht so wichtig.

Und eine Stelle gibt es auch schon in den letzten Zeilen dieser Ouvertüre:

Dresden ... in den Musennestern / wohnt die süße Krankheit Gestern

wunderbar, dieses Motiv (aus einer Spieluhr) kommt im Buch wiederholt vor - ich mag es allein schon vom Klang her, den Reim.... Und dann eben das Gestern, das festhalten am Alten, das nun verloren scheint...
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Daniela » 25.09.2008, 22:37

Danke, Ralf ;-)
da ich mich ja an den ersten beiden Seiten der Ouvertüre festgelesen hatte, wäre mir dieses schöne Motiv erstmal entgangen, das ja tatsächlich schon auch viel über die Stimmung aussagt, die einem von den ersten Seiten des Romans dann entgegenkommt.

Ich habe zwar, bevor ich eingeschlafen bin, nur bis S. 20 noch weitergelesen, aber dieser Anfang spricht mich schon sehr an. In aller Ruhe und Detailverliebtheit (aber sehr unaufgeregt) wird hier eine Welt heraufbeschworen, die man zeitlich erstmal gar nicht so genau zuzuordnen vermag. Aber es wirkt wie eine Szene aus einem Roman, der um die Jahrhundertwende spielt - natürlich 1900 ;-)
Die Sprache gefällt mir außergewöhnlich gut, ein großer Sprachreichtum (wobei ich schon über eine Begrifflichkeit gestolpert bin, die mich irritierte, muss ich morgen mit dem Buch zur Hand mal raussuchen).

LG,
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Ralf » 26.09.2008, 05:47

Ungefähr war die Zeitebene des Romans klar, aber es gibt ja dann konkret das Datum: zwei Monate nach Breschnews Tod, das war am 10.11.82 um es hier zu sagen, da setzt also der Roman ein.
Und die Sprache hatte auch für mich großen Charme, ich dachte auch an Jahrhundertwende. Ob sich das wirklich ändert weiß ich nicht, aber wenn man tiefer drin ist, fühlt oder hört es sich nicht mehr so an, sondern zeitgemäß. Na, da paßt es doch mit der "süßen Krankheit Gestern".
Ja, manchmal stolpert man über gewisse Begrifflichkeiten, aber ich find nicht zuviel. Die DDR-typischen Sachen erschließen sich ja öfters, wie zB EOS (erweiterte Oberschule) kam nach der 8. bzw. 10. Klasse der POS (polytechn. Oberschule), andere Kleinigkeiten hab ich gestern mal kurz nachgefragt, wenn auch unwichtig hat es mich einfach interessiert: was heute Bundesstraßen sind (zB B15) waren damals Fernstraßen (F15), oder wußte jemand schon, was Digedags sind?
Übrigens: einfach nicht stören lassen von diesen ersten Seiten, das findet sich später in manchen Kapiteln auch öfters nochmal wieder; wer da schreibt werdet ihr bald sehen...
LG
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Ralf » 26.09.2008, 06:00

Ach übrigens, was ich noch sagen wollte:
es gibt Kapitel, die mich weniger interessieren, wo ich dann so hinweg gehe, aber dann kommen wieder ganz wunderbare Abschnitte:
den Besuch auf der Buchmesse in Leipzig werde ich nicht vergessen, da muß man einfach lachen...
ganz toll fand ich auch die Beschreibung von Christians Lehrerin für Deutsch und Französisch - Hedwig Kolb. Die konnt ich mir so gut vorstellen...
Da ist es eben bei ganz vielen Szenen schön, wie Tellkamp Worte findet und ausführlich beschreibt...
LG Ralf
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Tomke » 26.09.2008, 09:57

Hallo,

ich bin gerade von einer langen Reise (Kaliningrad-Litauen-Krakau-Wien) zurück und habe in Wien das Buch erstanden und bereits zu lesen begonnen. Ich bin diesmal also auch dabei.

Noch ein Hinweis: Es wäre zur Strukturierung dieses Strangs schön, wenn jeder im Betreff bereits angeben könnte, wo im Buch er sich befindet. (Kapitel oder Seitenzahl).

Gruß
Tom
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Daniela » 26.09.2008, 13:14

Tomke hat geschrieben:Noch ein Hinweis: Es wäre zur Strukturierung dieses Strangs schön, wenn jeder im Betreff bereits angeben könnte, wo im Buch er sich befindet. (Kapitel oder Seitenzahl).


Hallo Tom, schön, dass du zurück bist und uch mitliest ;.)
Und eine gute Anregung, hoffe, es klappt dadurch halbwegs ohne Spoiler.

LG, Daniela (noch keine Seite weiter...)
Daniela

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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Sunflower » 26.09.2008, 18:57

Hey Hallo Ihr :))

Entschuldigt, dass ich mich hier einfach noch so klam heimlich einschleiche, doch lässt mich seit einigen Tagen (nachdem ich den "Jane-Austen-Club - Literatur als Lebenshilfe" angeschaut habe) der Gedanke nicht mehr los, einen "BuchClub / Lesezirkel, - runde, oder wie man auch immer sagen will" zu finden, um nun endlich meinen inneren "Schweinehund" zu überwinden. (Ja, ich muss - und sollte es wohl auch lieber früher als später - es zugeben -> Ein Lesemuffel hoch 3 bin ich).
Abhilfe soll geschaffen werden ...
So eben mein Grund- Hintergedanke
Zu wissen man ist nicht alleine (mit dem Buch) falls ich doch mal wieder an einen Punkt gelange sollte, an dem ich kurz davor bin, wieder einfach mittendrin aufzuhören, oder aber evtl. einige Unklarheiten auftauchenn?! Stellen an denen über Intepretation / Gedanken des Autors / ... diskutiert und geredet werden kann. Die Gedanken zum Buch, zur Geschichte, den Charakteren ausgetauscht werden können oder einfach über eigene Meinungen / Standpunkte zu best. Themen des Buches reden ...

Ja, habt ihr denn noch ein Plätzchen in eurer Leserunde, und vorallem die Lust & Laune, so jmd. wie ich es (leider, leider) bin, denn eine Chance zu geben und mal "reinschnuppern" zu lassen?!
Mich an die Hand zu nehmen, und wieder die Freude am Lesen zurück zu bringen?!

Würde mich riiiiesigst freuen ...

*Gruß*
Sunflower
 

Re: Uwe Tellkamp - Der Turm

Beitragvon Daniela » 26.09.2008, 19:02

Hallo Sunflower,
aber klar ;-) Dass es im Moment um das Buch "Der Turm" geht, hast du ja schon gesehen - aber wir finden uns hier immer wieder zu Büchern, die wir zu mehrt lesen.
Und genau dafür ist es ja da, dieses gemeinsame Lesen: um uns über Lesetiefs hinwegzuhelfen bei einem Buch, Fragen zu klären, zu motivieren, uns gegenseitig mit unserer Begeisetrung anzustecken...

Daher: einfach frisch drauf los lesen und posten ;-)

LG,
Daniela

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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm bis S. 60

Beitragvon Daniela » 27.09.2008, 23:57

Ich komme nur sehr langsam voran; Fieber und Schüttelfrost sind nicht unbedingt die besten Begleitumstände für ein zwar sehr schönes, aber eben auch sehr wortmächtiges Buch.

Ich hatte ja letztens erwähnt, dass ich den Sprachreichtum sehr schön finde; die Verwendung mancher Worte trägt sicher zu dem Eindruck bei, es hier mit einem "alten" Werk zu tun zu haben. Nein, es ist keine altertümliche Sprache!

Aber ich bin zum Beispiel über die Formulierung
In der aufruhenden Masse der Loschwitzhänge jenseits der Grundstraße

schon gestolpert, weil aufruhend für mich keineswegs ein gebräuchliches Wort ist.

Der Roman beginnt damit, dass Christian nach Hause fährt, zur Geburtstagsfeier seines Vaters. Dabei wird dann die auch die Fahrt mit der Schwebebahn so ausführlich geschildert, dass man das Gefühl hat, einer wirklich "versunkenen" Zeit anzugehören; und auch die Begegnung mit Christians Onkel Meno, der Weg durch das Villenviertel, hätte genausogut um 1900 stattfinden können.

Aber dann kommen ja die GEspräche, aus denen sehr klar wird, dass man eben nicht 1900 schreibt; wenn Meno Christian nach den Lehrern befragt und ihn zur Vorsicht mahnt, um nicht aufzufallen; wenn die Luxusausgaben der Bücher beschrieben werden und man dann erfährt, dass diese aber nur in den Export gehen. Und auch auf der Geburtstagsfeier selbst; dieses sich-umgucken, wenn man etwas kritisches sagt, wenn zB der Vater beklagt, dass sie nach wie vor mit zu wenig Spritzen und INfusionen auskommen müssen.

Sehr froh bin ich im Übrigen darüber, dass der Verlag ein Personenverzeichnis als Lesezeichen mitgeliefert hat; das erleichtert gerade mir als Namensverdränger schon sehr, die einzelnen Protagonisten zuordnen zu können.

Bislang bin ich sehr angetan und gespannt darauf, was noch kommt - auch wenn "gespannt" eigentlich das falsche Wort ist, denn ein actionlastiger Reißer ist "Der Turm" gewiss nicht. Es sind die vielen kleinen, schönen Beobachtungen, die bislang für mich den Reiz ausmachen. Ich habe wirklich das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen.
Daniela

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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm - Kapitel 18

Beitragvon Dana » 28.09.2008, 10:08

Daniela hat geschrieben:Ich komme nur sehr langsam voran; Fieber und Schüttelfrost sind nicht unbedingt die besten Begleitumstände für ein zwar sehr schönes, aber eben auch sehr wortmächtiges Buch.


Nein, gewiß nicht, passe auf die auf und komme wieder schnell auf die Beine!! :(

Ralf hat geschrieben:Ich nehme es als Lektüre über die 80er Jahre in der DDR, weil ich wissen möchte wie es war, welche Erfahrungen die Leute hatten, Stimmungen usw, da ich damit ja keine Erfahrung habe.


Mir geht es genauso, nur dass ich, da ich Ähnliches erlebt habe, immer wieder zum Vergleich neige. Selbstverständlich entdecke ich sehr viele Parallelen, die auch so gut dargestellt sind, dass sie bei mir richtige Erinnerungsfluten verursachen. Ja, ja, sogar manche Witze sind mir bekannt ;)

Ralf hat geschrieben:Das fand ich so haarsträubend, aus der Ferne kamen mir Szenen von Kafka in den Sinn, hier eine Abweisung, dort fehlt ein Stempel, nochmal Schlange stehen, noch ne Schikane usw.
Wars so? frag ich mich. Ich könnte mir auch vorstellen, daß es auf dem Land nochmal anders war als in einer großen Stadt. Es gibt ja auch woanders "Amtsgeschichten", aber so deutlich ist mir das noch nie geworden.


Kapitel 18 war für mich bislang auch eines der stärksten in dem Buch. Der Vergleich mit Kafka drängt sich geradezu auf, wobei ich Tellkamp realitätsnah finde. Vielleicht hat er am einen oder anderen Eck etwas überspitzt aber ich kann mir gut vorstellen, dass es in den Ämtern sehr ähnlich zuging. Das war (und ist leider teilweise) bei uns auch so: man ist als ‚normaler’ Bürger den Beamten und ihren aberwitzigsten Regeln, sehr oft auch Inkompetenz, ausgeliefert. Die Regeln kamen ja von ‚oben’ und der Staat musste seine Macht beweisen, man war ja nicht umsonst hinter dem „eisernen Vorhang“.

Ich weiß nicht, ob es tatsächlich einen Behördentag gab, aber falls nicht, finde ich die Erfindung sehr hilfreich, um uns einen Gesamtblick über den Alltag dort zu gewähren.
(die Schätzstelle für Kulturerbe des Staates, die Zensorenstelle, die Stelle für Ausreisewillige, die Stelle für medizinische Gutachten usw.)

Doch das Bild ist nicht nur negativ, die Ausnahmen gibt es bei Tellkamp auch, wie in der Wirklichkeit, man denke nur an den Arzt Pahl, der bereit ist, sich für den Vulkanisateur einzusetzen.

Stark und symptomatisch finde ich auch die Szene, in dem der Zensor Eschschloraque sich über sich selber als Autor hermacht und der Publikation seines Buches eine Ablehnung erteilt.
„Haben Sie sich schon einmal mit der Idee beschäftigt, dass Sie verschiedene Schatten haben könnten, die sich im Dienst abwechseln?“ (S. 216)
- so weit konnte die Verbeugung (oder die Angst?) gehen.

Eine Frage am Rande und vielleicht auch unwichtig: Reginas Kind heißt auf der Seite 82 Hansi, in diesem Kapitel plötzlich Philipp, allerdings die Geige gehört Hansi (206). Sind es 2 unterschiedliche Kinder??

LG und viel Spaß weiterhin
Dana
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Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche
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Re: Uwe Tellkamp - Der Turm - Kapitel 6 / Ostrom / S. 111

Beitragvon Daniela » 28.09.2008, 19:57

Dana hat geschrieben:
Daniela hat geschrieben:Ich komme nur sehr langsam voran; Fieber und Schüttelfrost sind nicht unbedingt die besten Begleitumstände für ein zwar sehr schönes, aber eben auch sehr wortmächtiges Buch.


Nein, gewiß nicht, passe auf die auf und komme wieder schnell auf die Beine!! :(


Keine Bange, Unkraut vergeht nicht und ich bin schon wieder fit ;-)

Dana hat geschrieben:
Ralf hat geschrieben:Ich nehme es als Lektüre über die 80er Jahre in der DDR, weil ich wissen möchte wie es war, welche Erfahrungen die Leute hatten, Stimmungen usw, da ich damit ja keine Erfahrung habe.


Mir geht es genauso, nur dass ich, da ich Ähnliches erlebt habe, immer wieder zum Vergleich neige. Selbstverständlich entdecke ich sehr viele Parallelen, die auch so gut dargestellt sind, dass sie bei mir richtige Erinnerungsfluten verursachen. Ja, ja, sogar manche Witze sind mir bekannt ;)


Ja, die Witze beim Fest... einige davon waren sogar mir bekannt, der mit der Banane und der Himmelsrichtung zB ;-) Trägt für mich aber viel zum Zeitkolorit bei.

So, und nun zum Kapitel 6 - es handelt von Meno Rhode, der sich zum "Alten vom Berge" begibt.
Vielleicht wird das ja in Kürze ohnehin deutlicher gemacht, aber mir ist die Bedeutung dieses Ostroms nicht so ganz klar; es ist eine Art Stadt in der Stadt (vergleichbar mit Pankow?) - wo die Nomenklatura lebt?

Aber dazu passt doch irgendwie diese Schilderung vom Alten vom Berge nicht,d er ja doch wohl ein Schriftsteller ist, bei dem zumindest Meno Rhode insgeheim hofft, dass er sich nicht für den Zensor komplett verbiegt?
Und gibt es für diesen Altenberg ein reales Vorbild?

Tja, und an Rasanz hat die Handlung ja nun auch deutlich zugelegt - oder wie fandet ihr das Eindringen der Zwillinge in den privaten Frühstückszirkel?

Und auf Kapitel 18 bin ich jetzt natürlich schon sehr gespannt ;-)

LG,
Daniela

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