So - meine erste Begegnung mit Aitmatow ist beendet.
Gar nicht so leicht, ein Buch wie Djamilja, das als "schönste Liebesgeschichte der Welt" bezeichnet wird, ohne überzogene Erwartungen zu lesen. Zwischendurch fragte ich mich ungeduldig, wann jetzt die große Gänsehautpassage kommt - war's das jetzt schon, oder gibt es noch eine Steigerung? - während die restlichen Seiten immer weniger wurden. Der Inhalt ist ja eigentlich fast schon kitschig: Während ihr Mann im Lazarett liegt, fährt Djamilja mit dem verschlossenen, eigentümlichen Danijar täglich zum Getreidelager, übernachtet mit ihm im Feld beim Dreschplatz, jeder weiß, dass zwischen Ihnen etwas passieren wird (schönste Liebesgeschichte...) Aber wie soll das ungleiche Paar, zusammenfinden? Ganz einfach - er beginnt zu singen und die Liebe entbrennt. Djamilja ist hin und hergerissen zwischen den Pflichten ihrem Ehemann gegenüber und ihren Gefühlen für Danijar.
Der Stoff könnte gut für eine Bollywood-Schnulze herhalten. Oder eine österreichische Operette.
Die Liebesgeschichte selbst hat mich, ehrlich gesagt, nicht wirklich gepackt. Trotzdem kann ich jeden Satz unterstreichen, mit dem Luis Aragon im Nachwort seinen Satz von der schönsten Liebesgeschichte begründet.
Denn wie Aitmatow seine Heimat beschreibt, die Landschaft in allen leuchtenden Farben, wie das so selbstverständlich, von innen heraus geschieht, aus seiner eigenen Liebe zu diesem Stück Erde, aber eben ohne eine Spur von Heimatkitsch, auch ohne Absichten und ohne Zeigefinger, so dass man glaubt, alles selbst mitzuerleben und man beinahe selbst Sehnsucht bekommt nach diesem Land, das ist wirklich großartig. "Vor allem ist es die Liebe zur Welt, zum Leben" schreibt Aragon. So betrachtet könnte ich den Satz von der schönsten Liebesgeschichte fast wieder gelten lassen.
"Frühe Kraniche" hat mir fast noch besser gefallen. Auch hier beschreibt er das Leben in Kirgisien, die Schönheit, aber hier noch mehr die Entbehrungen und das Leid, das durch den Krieg und die Abwesenheit der Männer enstand. Auch hier ist ein halbwüchsiger Junge - Sultanmurat - die Hauptfigur, ähnlich wie Seit, der Ich-Erzähler in Dshamilja, ist er an der Schwelle zu Erwachsenwerden, der seinen Weg sucht, und sich in einer besonderen Situation - er führt eine Gruppe von Jugendlichen an, die weit draußen im beginnenden Frühling ein Feld pflügen sollen, um so das Dorf vor dem Hunger zu retten - bewähren kann. Auch hier spielt die erste Liebe eine große Rolle. Die Geschichte ist aber nicht so überfrachtet und geht nicht so eindeutig in eine Richtung. Auch hier lassen die Beschreibungen der Landschaft und des entbehrungsreichen Lebens im Dorf eine Welt vor den Augen entstehen, in einer Klarheit und Farbigkeit, die erstaunlich ist. Daneben beschreibt er die Menschen mit so großer Wärme und Liebe, dass sie einem wirklich nahe gehen. Das gelingt ihm auch bei Nebenfiguren ohne viel Worte. Beispielsweise das Schicksal der Lehrerin, die auf Post von ihrem Sohn von der Front wartet, die immer mehr in sich zusammensinkt vor Kummer, dann kommt ein Brief und es wird die schönste Unterrichtsstunde, weil alles, was sie tut plötzlich mit Freude erfüllt ist. Eine von vielen Passagen, die mir nahe gegangen ist. Auch wie er zwischen der Verantwortung für seine Mutter und seinen eigenen Bedürfnissen eine fein ausbalancierte Mitte findet. Oder die Sehnsucht des kleinen Bruders nach dem Vater. Oder der Besuch des Onkels, eines bärtigen Schäfers, bei der kranken Schwester, der nur eine Nacht lang bleiben und eigentlich nichts tun kann, aber so viel Glück und Wärme mitbringt. Das ist überhaupt auch ein Grundthema: die äußere Kälte - sie haben nur noch Stroh zum heizen, das kaum wärmt - und die innere Wärme, die sich die Menschen schenken.
Fazit also: ein großartiges Buch, das war sicher nicht mein letzter Aitmatow. Lediglich der Schluss hat mich ein wenig irritiert, weil es so plötzlich aufhört, als wären die letzten Seiten verloren gegangen.
Bertram

